Tennisturnier US Open Eugenie und Wahnsinn

Vor vier Jahren galt sie als nächster Superstar, doch es folgte ein Absturz: Die ehemalige Wimbledon-Finalistin Eugenie Bouchard kämpft bei den US Open um Anschluss. Ein 79-Jähriger soll helfen.

Eugenie Bouchard
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Eugenie Bouchard


Wer Eugenie Bouchard zuletzt auf dem Tennisplatz verfolgt hat, wird festgestellt haben: Sie spielt wieder mit ihrer alten Härte, mutig und druckvoll. Die Belohnung: Am Abend kämpft sie gegen Marketa Vondrousova um den Einzug in die dritte Runde der US Open. Für die 24 Jahre alte Bouchard ist das schon ein kleiner Erfolg. In den vergangenen beiden Jahren war Bouchard bereits in der Auftaktrunde gescheitert, fast wäre sie in dieser Zeit aus den Top 200 der Weltrangliste geflogen.

Wie konnte das passieren?

Eugenie Bouchard galt vor vier Jahren als die große Zukunftshoffnung im Frauentennis. Sie hatte 2014 die Halbfinals der Australian Open und der French Open erreicht, in Wimbledon war sie bis ins Endspiel gekommen, im Herbst stand sie auf Platz fünf der Tenniswelt. Ihr Timing schien perfekt: Die WTA-Tour suchte nach einem neuen Aushängeschild für die Zeit nach Serena Williams oder Maria Sharapova, und da Bouchard attraktives Tennis spielte, war die damals 20-Jährige die Idealbesetzung.

Aber Bouchard bestätigte ihre Ergebnisse nicht - und auch abseits des Courts lief es nicht: Bei den US Open 2015 rutschte sie nach einem späten Match in der dunklen Umkleide auf einem Putzmittel aus und zog sich eine Gehirnerschütterung zu. Die Saison der Kanadierin war vorbei. In der Rangliste ging es weiter nach unten, es folgte ein Gerichtsprozess gegen den US-Tennisverband (wegen des Unfalls bei den US Open), der im Februar dieses Jahres mit einer Millionenzahlung für Bouchard endete.

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Tennis-Profi Bouchard: Mit 20 auf dem Höhepunkt

Wer das Leben der Kanadierin in den vergangenen Jahren via Instagram oder Snapchat verfolgte, bekam von einer sportlichen Krise nichts mit. Man bekam eher den Eindruck, Bouchard arbeitete zuletzt eher an einer Karriere abseits des Tennisplatzes. Bouchard zierte 2017 und 2018 die "Swimsuit Edition" der US-Zeitschrift "Sports Illustrated", sie datete nach einer verlorenen Twitter-Wette medienwirksam einen Fan. Man sah Bouchard sehr häufig am Strand, aber sehr selten bei großen Turnieren brillieren.

Vergleich mit Anna Kournikova

Bald kam der Vergleich mit Anna Kournikova auf. Die Russin war Ende der Neunzigerjahre eine der bekanntesten Tennisspielerinnen der Welt. In Erinnerung geblieben ist sie vielen als Spielerin, die kein einziges Turnier gewonnen hat - und als Begriff im Poker: "AK", also Ass und König. Bedeutung: sieht gut aus, gewinnt aber selten.

Dieser Vergleich ist allerdings schief. Auch Kournikova war Top-Ten-Spielerin, Halbfinalistin in Wimbledon und Weltranglistenerste im Doppel, musste jedoch bereits mit 21 Jahren ihre Karriere verletzungsbedingt beenden.

Bouchard jedenfalls hat im Tennis weiter Ziele und hat für ein Comeback in die Weltspitze zu einem eher ungewöhnlichen Mittel gegriffen. Im Frühjahr präsentierte sie nach einer Zusammenarbeit mit Andre Agassi einen Coach der älteren Schule: den 79 Jahre alten Robert Lansdorp. Der hatte schon die Tennislegenden Tracy Austin, Pete Sampras, Lindsay Davenport und Maria Sharapova trainiert, seine Übung "Twenty at the baseline" ist legendär, die ständige Wiederholung ein- und desselben Schlags sein Erfolgsgeheimnis. "Den Ball hart und konstant schlagen", so seine Theorie - die für Lansdorp auch noch heute gilt, in Zeiten, in denen die Spieler lieber mit viel Spin agieren.

Hart und konstant

Aber vielleicht passt dieser Coach perfekt zu Bouchard. Denn sie spielte zu ihren Glanzzeiten eben hart und konstant. Ihr Spiel sah dann meist so aus: Nah an der Grundlinie stehen, den Ball früh nehmen, aggressiv verteilen. Diese Taktik klappt natürlich nur, wenn Fitness und Grundtechnik stimmen.

Seit Bouchard auf Lansdorp vertraut, läuft es für sie wieder besser. "Es kommt mir vor, als hätte ich mit ihr schon als kleines Mädchen zusammengearbeitet. Was ich gesagt habe, hat funktioniert", sagt Lansdorp. Den Ball höher schlagen, woran viele glauben, "das war tödlich für sie". Zumal das Selbstvertrauen durch die vielen Niederlagen litt.

Der Weg zurück in Richtung Spitze ist dennoch hart. Im Juni war Bouchard auf Rang 194 notiert, aktuell stellt sie dank kleinerer Erfolge die 137. Bei den US Open musste sie sich durch die Qualifikation kämpfen. Das tat sie eindrucksvoll: In drei Matches gab sie nur sieben Spiele ab. In Runde eins siegte Bouchard erneut, nun wartet Vondrousova. Gewinnt sie, könnte die formstarke Kiki Bertens, in einem möglichen Achtelfinale die Weltranglistenzweite Caroline Wozniacki folgen.

Die Runde der besten 16 Teilnehmerinnen bei einem Grand-Slam-Turnier hatte Bouchard zuletzt im Jahr 2015 erreicht. Spätestens der Einzug ins Achtelfinale wäre ein großer Erfolg für sie und ein weiterer Schritt zurück in die Weltspitze.



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kopi4 30.08.2018
1.
Zitat:Die WTA-Tour suchte nach einem neuen Aushängeschild für die Zeit nach Serena Williams oder Maria Sharapova, und da Bouchard attraktives Tennis spielte, war die damals 20-Jährige die Idealbesetzung. Zum Aushängeschild sollte sie ganz sicher nicht wegen ihrer attraktiven Spielweise gemacht werden, da gab und gibt es Damen die attraktiveres Tennis spielen. Ihr attraktives Äußeres war schon eher der Grund, so viel Ehrlichkeit sollte schon sein.
jean-baptiste-perrier 30.08.2018
2. SPON entdeckt Tennis!
Ich bin wirklich positiv überrascht, dass man jetzt hier auf SPON plötzlich recht gute Hintergrund-Artikel im Bereich Tennis findet. Bisher erschien Tennis hier immer wie das fünfte Rad am Wagen und man bekam mehr oder weniger nur dpa- oder sid-Meldungen 1:1 präsentiert. Die Artikel zuletzt über Svitolina, Schwartzmann, Arthur Ashe oder jetzt dieser über Bouchard empfinde ich als großen Fortschritt. Bitte mehr davon!
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