US-Open-Finale Del Potro triumphiert über Titelverteidiger Federer

Überraschung in Flushing Meadows: Juan Martin Del Potro hat Roger Federer im Finale der US Open besiegt. Der Argentinier setzte sich nach fünf dramatischen Sätzen und mehr als vier Stunden gegen den favorisierten Schweizer durch - und holte seinen ersten Titel bei einem Grand-Slam-Turnier.

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Hamburg - Juan Martin Del Potro ließ sich nach hinten fallen, landete mit dem Rücken auf dem blauen Hartplatz des Arthur-Ashe-Stadions in New York, streckte Arme und Beine von sich. Sekundenbruchteile zuvor hatte der Argentinier das scheinbar Unmögliche geschafft. Er hatte Roger Federer bei den US Open 3:6, 7:6 (7:5), 4:6, 7:6 (7:4), 6:2 besiegt, dessen 40 Spiele andauernde Siegesserie in Flushing Meadows gestoppt und verhindert, dass der Schweizer das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres zum sechsten Mal in Serie gewinnt.

Stattdessen feierte der 20-Jährige seinen ersten Titel bei einem der vier großen Wettbewerbe im Profitennis - gleich im ersten Finale. "Ich hatte ein tolles Turnier", sagte Federer nach dem Match, "aber er war der Beste." Del Potro hörte dem Schweizer, den er gern als sein Idol bezeichnet, aufmerksam zu und versuchte seine Freudentränen zu trocknen - vergeblich. Zu viele Emotionen waren schon während des 4:06 Stunden dauernden Finals, das sich zu einem Duell auf höchstem Niveau entwickelte, über ihn hereingebrochen.

Die Rollen schienen vor dem Match klar verteilt. Auf der einen Seite Top-Favorit Federer: Titelverteidiger, Weltranglistenerster, bei 17 der vergangenen 18 Grand-Slam-Turniere im Endspiel - der Altmeister. Ihm gegenüber: Außenseiter Del Potro, bis dato ohne die Erfahrung eine großen Finals - der aufstrebende Jungstar. Auch der direkte Vergleich sprach eindeutig zu Gunsten des Schweizers. Er hatte alle sechs Partien gegen Del Potro gewonnen.

Federer erwischte den besseren Start

Und Federer glückte ein perfekter Start ins Finale. Der 28-Jährige brachte sein erstes Aufschlagspiel mühelos durch und nahm seinem Kontrahenten im Anschluss sofort den Aufschlag ab. Flink auf den Beinen unterwegs gelang Federer beim Breakball ein Vorhand-Passierschlag, der für den ans Netz aufgerückten Del Potro unerreichbarer war. In der Folge konnte der Argentinier das Match zwar etwas ausgeglichener gestalten. Doch Feder verteidigte seinen Vorsprung und holte sich nach 40 Minuten den ersten Satz.

Der zweite Durchgang begann ähnlich wie der erste - mit einem Break Federers. Besonders bitter für Del Potro: Mit einem Doppelfehler gab er seinen Aufschlag ab. Zudem kam die Nummer sechs der Weltrangliste mit dem taktischen Konzept des Favoriten zunächst kaum zurecht. Federer tauchte häufig am Netz auf und streute von der Grundlinie immer mal wieder einen kürzeren Schlag ein. Die Folge: Der 1,98 Meter lange Del Potro schaffte es nur selten, seine harte Vorhand so effektiv einzusetzen wie noch bei seinem glatten Halbfinal-Erfolg über den Spanier Rafael Nadal.

"Es muss alles passen", hatte Del Potro unmittelbar vor dem Finale gesagt, "dann kann ich gewinnen." Es passte nicht alles - zunächst einmal. Dem 20-Jährigen unterliefen zu viele Fehler, auch ohne in Bedrängnis zu sein. So vergab er Mitte des zweiten Satzes leichtfertig drei Break-Möglichkeiten. Besser machte es Del Potro, als Federer beim Stand von 5:4 zum Satzgewinn servierte. Mit zwei beinahe identischen Vorhand-Passierbällen die Linie entlang nahm er dem Schweizer den Aufschlag ab.

Die Qualität des Spiels nahm deutlich zu

Das sollte der Wendepunkt in diesem Durchgang - und damit auch im gesamten Match - sein. Del Potro zeigte nun deutlich mehr Selbstvertrauen, feuerte sich lautstark an und spielte so druckvoll, wie es sich seine Fans erhofft hatten. Er jagte Federer von einer Seite der Grundlinie zur anderen, ließ sich vom böigen Wind nicht weiter irritieren und gewann den zweiten Satz im Tie-Break.

Die Qualität des Spiels nahm nun deutlich zu. Del Potro reduzierte seine Fehlerquote weiter, seine Vorhand landete nun häufiger im Feld. Federer hielt dagegen. Zur Freude der Zuschauer entwickelten sich spektakuläre Ballwechsel, oft mit dem besseren Ende für Del Potro. Doch gerade als der Argentinier das Match vollends zu drehen schien, entschied Federer den dritten Satz für sich - dank einiger Unkonzentriertheiten seines Gegners und eines Netzrollers.

Wer nun auf einen Einbruch beim Außenseiter spekuliert hatte, sah sich getäuscht. Del Potro schüttelte während des Seitenwechsel zwar mehrfach ungläubig seinen Kopf, spielte dann jedoch weiter, als ob nichts geschehen wäre. Beide Finalisten hielten im vierten Durchgang das hohe Niveau und die rund 22.500 Zuschauer bei bester Laune. Del Potro konnte, wie bereits im Satz zuvor, ein Break Vorsprung nicht verteidigen. Den Durchgang holte er sich trotzdem, im Tie-Break.

Im fünften Satz war Del Potro der stärkere Spieler

Bei Grand-Slam-Turnieren in diesem Jahr waren sich die beiden schon zweimal begegnet - jedoch mit komplett unterschiedlichen Spielverläufen. Im Viertelfinale der Australien Open in Melbourne hatte Federer dem Argentinier eine Lektion erteilt und ihn in gerade einmal 80 Minuten 6:3, 6:0, 6:0 vom Platz geschickt und aus dem Wettbewerb geworfen. Bei den French Open hatte der Favorit deutlich mehr Mühe. Im Halbfinale des Sandplatzturniers lag Federer zwischenzeitlich mit 1:2 Sätzen zurück, ehe er das Match nach fast dreieinhalb Stunden durch ein 6:4 im entscheidenden fünften Satz noch gewinnen konnte.

Auch diesmal ging es über die volle Distanz, aber mit dem besseren Ende für Del Potro, der in der entscheidenden Phase der stärkere von zwei sehr guten Spielern war. Bereits mit einem Break in Führung liegend erkämpfte er sich bei Aufschlag Federer die ersten Matchbälle. Den dritten nutzte Del Potro schließlich. Einen seiner zahlreichen Vorhand-Knaller konnte der Schweizer gerade eben noch so erwischen, doch dessen Rückhandball segelte ins Aus.

Del Potro ist damit der erste argentinische US-Open-Sieger seit Guillermo Villas, der 1977 das damals noch in Forest Hills ausgetragene Turnier gewann. Für seinen Triumph kassierte der 20-Jährige ein Preisgeld von 1,6 Millionen US-Dollar sowie eine Prämie von 250.000 Dollar für Platz drei in der US-Turnierserie. Zudem wird er in der Weltrangliste ab Dienstag auf Position fünf geführt. So passt am Ende doch alles für Del Potro.

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