US-Open-Halbfinalistin Osaka Bewaffnet wie Serena

Pressekonferenzen mit ihr sind außergewöhnlich, ihre Vergangenheit besonders: Naomi Osaka zählt bei den US Open zu den Top-Favoritinnen. Im Finale will die Japanerin ihr großes Idol bezwingen.

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"Natürlich Serena." Keine Sekunde zögerte Naomi Osaka auf der Pressekonferenz nach ihrem Halbfinaleinzug bei den US Open, als ein Journalist fragte, wen sie in ihrer Jugend besonders bewundert hatte. Serena Williams, na klar, wen auch sonst. Es schien, als hätte Osaka nur auf die Frage gewartet.

Die Japanerin ist das wohl größte Versprechen im Frauen-Tennis seit Serena selbst. Die Parallelen der beiden sind nicht von der Hand zu weisen. Osaka ist kraftvoll, ihr Aufschlag kratzt häufig an der 200-Stundenkilometer-Marke, ihr Spiel - kompromiss- und skrupellos - basiert auf harten Grundschlägen. Eine Begegnung mit ihr ist für niemanden ein Vergnügen. Zumindest auf dem Platz.

Abseits der Courts ist Osaka, die in der gleichnamigen japanischen Stadt geboren und in den USA aufgewachsen ist, sympathisch und erfrischend offen. Sie redet über alles: japanische Mangas, Pokémon, ihre Lieblingsserien bei Netflix und über Sport. Pressekonferenzen mit ihr bedeuten vor allem eins: Spaß. Journalisten können ihr Lachen meist nicht zurückhalten, wenn Osaka das Wort ergreift. Dabei sagt sie selbst von sich, dass sie schüchtern sei.

So schüchtern, dass sie sich erst kürzlich traute, Kei Nishikori anzusprechen. Der 28-Jährige steht ebenfalls im Halbfinale der US Open und ist aktuell der größte Star des Landes. Sein Gesicht ziert große Werbeplakate, er verdient Millionen mit lukrativen Werbeverträgen.

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Tennisprofi Osaka: Everybody's Darling

"Naomis Waffen sind genau so stark wie die von Serena"

Sobald das Spiel beginnt, legt Osaka ihre Zurückhaltung jedoch ab. Beim letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres hat sie einen unglaublichen Lauf hinter sich: Gegen die Weißrussin Aljaksandra Sasnowitsch gewann Osaka 6:0, 6:0. Auch gegen die Ukrainerin Lesja Zurenko gab sie insgesamt nur zwei Spiele ab. Die Deutsche Laura Siegemund war chancenlos. Ihre Dominanz auf dem Platz ist schon jetzt enorm.

Osakas Trainer, Sascha Bajin, ein Deutsch-Serbe, war lange Zeit der Trainingspartner von Serena Williams. Wer, wenn nicht er, kann beurteilen, wie groß Osakas Potenzial wirklich ist. "Ich habe acht Jahre lang fast jeden Tag mit Serena auf dem Platz gestanden. Naomis Waffen sind genau so stark wie die von Serena", sagt Bajin dem "New-York-Times-Magazin".

Osaka wirkt zufrieden und unbekümmert, sie lacht viel. Vor allem über sich selbst. "Sie spielt besser, wenn sie glücklich ist", sagt ihr Coach. "Wenn sie nur 60 Prozent glücklich ist, muss ihr Team die restlichen 40 Prozent liefern."

Seit dieser Saison scheint das zu funktionieren. Nicht nur bei den US Open überzeugte die 20-Jährige. Im März gewann sie bereits das bedeutende WTA-Turnier in Indian Wells. Auf dem Weg ins Finale schlug sie drei ehemalige Weltranglistenerste teils vernichtend. Große Namen bereiten ihr längst keine Sorgen mehr.

Doch nicht nur ihr Stil, auch ihr Weg in die Spitze erinnert stark an den von Serena. Ihr Vater Francois, ein Haitianer, brachte ihr das Tennisspielen bei. Inspiriert haben ihn zwei junge Frauen, die 1999 im Doppel die French Open gewonnen hatten: Serena und Venus Williams. Francois selbst war nur mäßig begabt, aber Richard, der Vater und langjährige Trainer der Williams-Schwestern, spielte nie Tennis. Warum sollte das also nicht auch bei ihm klappen?

Ihr großes Ziel, ihre Schwester zu schlagen, trieb sie weiter an

Und so verbrachte Naomi ihre Kindheit in Florida auf dem Tennisplatz. Gemeinsam mit ihrer 18 Monate älteren Schwester. Mari Osaka galt als talentierter, in Trainingseinheiten schlug sie Naomi regelmäßig 6:0, 6:0. Naomi tat sich mit den Methoden ihres Vaters schwer, doch ihr Ziel, ihre Schwester zu schlagen, trieb sie weiter an. Während Mari der große Durchbruch aufgrund vieler Verletzungen verwehrt geblieben ist, könnte Naomi schon bald für den ersten Grand-Slam-Erfolg einer Japanerin sorgen.

Den hatten vor ihr zwei weitere Spielerinnen nur knapp verpasst. Kimiko Date stand in den Neunzigerjahren dreimal im Halbfinale eines Majors und sprang zwischenzeitlich auf Platz fünf der Weltrangliste. Auch Ai Sugiyama ist eine ehemalige Top-Ten-Spielerin.

Auf dem Weg ins Finale muss Osaka noch Madison Keys aus den USA schlagen (1 Uhr nachts). An einem Sieg gegen die letztjährige New-York-Finalistin zweifelt kaum noch jemand. "Sie ist körperlich so stark und deutlich kräftiger als andere japanischen Spielerinnen. Sie sieht aus wie Serena und ist in sich drin so japanisch", sagt Kenshi Fukuhara, ein TV-Journalist aus Japan.

Dass sie japanisch zurückhaltend ist, zeigte sich, als sie erstmals auf Serena traf. Osaka begegnete ihrem Idol einmal in einer Umkleidekabine. Die beiden trennten nur zwei Meter. Osaka hatte Angst, ihr Hallo zu sagen: "Ich trug Kopfhörer. Also tat ich einfach so, als würde ich weder etwas sehen noch etwas hören."

Im Finale der US Open könnte sie auf dem Platz wieder Serena gegenüberstehen. Ihre Zurückhaltung müsste sie dann aber wieder ablegen.

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