Bolt-Drama zum Abschied Der Sturz des Unfehlbaren

Usain Bolt wurde im letzten Rennen seiner Karriere von einer Verletzung gestoppt - für seine Teamkollegen ist die Schuldfrage klar. Ein Nachfolger für den größten Leichtathleten unserer Zeit ist nicht in Sicht.

Usain Bolt (2.v.r.) und seine Staffel-Kollegen
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Usain Bolt (2.v.r.) und seine Staffel-Kollegen

Aus London berichtet


Eigentlich war alles genau so leicht und locker wie immer, vielleicht sogar noch ein bisschen leichter und lockerer als sonst.

Usain Bolt machte in den Katakomben des Londoner Leichtathletik-Stadions seine Späße mit der Kamera und freute sich, dass die Bilder, die auf die Videowände übertragen wurden, die Zuschauer schon wieder zum Ausrasten brachten. Als er mit seinen Kollegen der jamaikanischen Sprintstaffel die Arena betrat, wurde er mit einer Mischung aus Applaus, Jubel und hysterischen Schreien empfangen, die jedes Trommelfell auf eine Belastungsprobe stellt. Und selbst als es still wurde im Stadion, weil gleich das Startsignal fallen sollte, winkte er immer noch ins Publikum, zog Grimassen, machte Handzeichen und sah sehr entspannt aus im Angesicht des nahenden Ruhestands.

Ein letztes Mal laufen, eine letzte Goldmedaille abgreifen, dann sollte sie vorbei sein, die erstaunliche Karriere des Usain St. Leo Bolt mit acht Olympiasiegen und drei Weltrekorden, die er der Nachwelt hinterlässt. Dann sollte er endlich Zeit dazu haben, zu tun und zu lassen, was er will. Bolt wird Ende des Monats 31 Jahre alt und hat zuletzt kein Geheimnis daraus gemacht, dass er sein Karriereende herbeisehne. Dass er sich darauf freue, künftig nicht mehr der größte Leichtathlet des Universums zu sein, sondern erst einmal seine Ruhe zu haben. Also: ein letztes Mal laufen.

Zum Karriereende wieder ein Sterblicher

Bolts Finale sollte der Höhepunkt der Weltmeisterschaft in London werden. Das Stadion war natürlich ausverkauft, die Bühne bereitet. Doch die letzten Meter seiner Karriere liefen nicht nach Plan für Bolt. Er war der Schlussläufer der jamaikanischen Staffel, die Übergabe des Staffelstabs klappte gut, Bolt rannte los, das Publikum brüllte. Doch er rannte nicht wie sonst. Seine Bewegungen waren nicht rund. Nach der Hälfte der Strecke wurde er langsamer, hopste auf einem Bein, stürzte. Seine Karriere endete auf der Tartanbahn, mit dem Gesicht zu Boden. Sie endete mit Bildern, die zeigen, dass auch Bolt tatsächlich nur ein Mensch ist.

Mithilfe seiner Teamkollegen schaffte er es noch über die Ziellinie, danach wurde Bolt nicht mehr gesehen. Er drehte keine Ehrenrunde auf Krücken, er kostete seine Rolle als tragischer Held nicht aus, sondern verschwand in den Katakomben. Keine Interviews, keine Pressekonferenz. Den Auszug des größten Leichtathleten dieser Zeit hatte man sich anders vorgestellt. Ein Krampf im linken Oberschenkel sei die Ursache für sein Aus gewesen, teilte Jamaikas Mannschaftsarzt später mit, alles halb so wild: "Aber die Enttäuschung darüber, das Rennen verloren zu haben, tut ihm sehr weh."

Staffelkollegen machen WM-Veranstalter Vorwürfe

Wenn Bolt, der eigentlich Unfehlbare, bei seinem letzten Auftritt zu Boden geht, dann kann das nicht einfach Schicksal sein oder Pech. Dann muss es einen Schuldigen geben, einen Saboteur, dachte manch einer. Seine Kollegen begaben sich umgehend auf die Suche und machten die Organisatoren der WM verantwortlich für das Drama. "Sie haben uns zu lange im Warteraum warten lassen. Usain hat gefroren", berichtete sein Mitstreiter Yohan Blake: "Wir machen uns warm, warten, machen uns warm, warten. Ich denke, das hat uns fertiggemacht."

Tatsächlich hatte sich der Ablauf vor dem Staffelrennen verzögert durch zwei Medaillen-Übergaben - und durch die Ehrenrunde von Mo Farah, dem Helden des Londoner Publikums, nach seinem letzten Rennen auf der Bahn. "Es war einfach lächerlich. Wir haben 45 Minuten gewartet, bevor wir endlich raus konnten", klagte auch Bolts Teamkollege Omar McLeod und führte als Beleg an, dass er während der Wartezeit "ungefähr zwei Flaschen Wasser" getrunken habe.

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Kein adäquater Bolt-Erbe in Sicht

An diesem Sonntag soll die Bühne noch einmal Bolt gehören. Er soll eine letzte Ehrenrunde drehen, das ist zumindest der Plan, doch er wird sie ohne Goldmedaille um den Hals antreten. Bronze über 100 Meter, mehr war für ihn nicht drin bei seinen letzten Titelkämpfen. Dennoch hinterlässt er eine Lücke, die so schnell nicht zu füllen ist.

Es ging in London auch darum, wer Bolts Nachfolger werden könnte als Superstar der Branche, als neues Werbegesicht der gesamten Leichtathletik. Doch diese Frage wurde nicht beantwortet. Justin Gatlin aus den USA, der Sieger über 100 Meter, taugt als mehrmals gesperrter Doper nicht zum Helden. Der Südafrikaner Wayde van Niekerk, von der Fachwelt eigentlich schon zum neuen Bolt ernannt, bringt nicht die nötigen Alleinunterhalter-Qualitäten mit. Er ist ein zurückhaltender junger Mann, der oft von Gott spricht und von seinem Respekt vor den Gegnern. Das angepeilte Doppel-Gold in London verpasste er. Zwar verteidigte er seinen Titel über 400 Meter erfolgreich, über 200 Meter wurde er allerdings nur Zweiter.

"Usain Bolts Name wird für immer weiterleben", sagte Teamkollege McLeod noch. Daran ändert auch sein dramatischer Abschied nichts. Und es sieht nicht so aus, als würde sich so schnell jemand finden, über den man das Gleiche sagen könnte.

insgesamt 13 Beiträge
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John McC!ane 13.08.2017
1. Das ist so traurig...
Ein Ausnahmeathlet wie Usain Bolt hätte wirklich einen Abgang in allen Ehren verdient gehabt - oder wie die Amis sagen; "with all bells and whistles". A propos Amis: dass ausgerechnet dieser krumme Doping-Hund aus Trumpistan ihn geschlagen hat, ärgert mich besonders! Na ja - vielleicht ist da das letzte Wort ja noch nicht gesprochen, bei Armstrong kam die Gerechtigkeit auch erst sehr spät zum Zug... ;-)
franz.v.trotta 13.08.2017
2.
Besser ein Krampf als ein dritter Platz beim letzten Rennen. - Jetzt spricht man nur von ihm.
adama. 13.08.2017
3. Naja
Das Aufwärmen und die Vorbereitung eines Wettkampfes gehören zu den Grundlagen eines Sportlers. Bolt war in diesem Rennen der Einzige, der das offensichtlich nicht richtig hingekriegt hat. Der Wechsel hat bei Bolt nicht geklappt und er hat zuviel Tempo verloren. Seine Gegner waren ihm schon weggelaufen. Als Bolt dies klar wurde und er einen "Extraturbo" zuschalten wollte, war da nur noch ein Krampf, denn mehr als der dritte Platz war nicht mehr drin. Ich denke an dieser Stelle hat er die Verletzung dankbar angenommen. Als Dritter wollte er nicht (wieder) ankommen
schwaebischehausfrau 13.08.2017
4. Taktische Verletzung?
Bin mir nicht sicher, ob diese Zerrung auch aufgetreten wäre, wenn Bolt und seine Staffel nicht schon deutlich zurückgelegen hätten. Man konnte schon im 100-Meter-Finale sehen, dass er nicht mehr die Form hat, um seine Konkurrenten abzuhängen. Vielleicht war ein verletzungsbedingter Abgang für ihn ein attraktiverer Abgang als im letzten Rennen nochmal geschlagen zu werden. Mit am auffälligsten bei dieser WM war das eher schwache Abschneiden der jamaikanischen Sprinter und der afrikanischen "Wunderläufer" auf den Mittelstecken - jedenfalls im Vergleich zu der erdrückenden Dominanz der letzten Jahre. So wie auch am Samstag über 3.000 Meter Hindernis der Damen oder vorher schon über die 1.500 Meter. Die Möglichkeiten der Anti-Doping-Labore und "eingefrorenen Doping-Proben", die man nach Jahren mit neuen Analyse-Methoden nochmal prüfen kann, verfehlen offenbar ihre Wirkung nicht. Plötzlich haben auch Athleten aus der Schweiz, Polen, Norwegen etc. die Möglichkeit, wieder in ein WM-Finale zu kommen.
ExigeCup260 13.08.2017
5.
Zitat von schwaebischehausfrauBin mir nicht sicher, ob diese Zerrung auch aufgetreten wäre, wenn Bolt und seine Staffel nicht schon deutlich zurückgelegen hätten. Man konnte schon im 100-Meter-Finale sehen, dass er nicht mehr die Form hat, um seine Konkurrenten abzuhängen. Vielleicht war ein verletzungsbedingter Abgang für ihn ein attraktiverer Abgang als im letzten Rennen nochmal geschlagen zu werden. Mit am auffälligsten bei dieser WM war das eher schwache Abschneiden der jamaikanischen Sprinter und der afrikanischen "Wunderläufer" auf den Mittelstecken - jedenfalls im Vergleich zu der erdrückenden Dominanz der letzten Jahre. So wie auch am Samstag über 3.000 Meter Hindernis der Damen oder vorher schon über die 1.500 Meter. Die Möglichkeiten der Anti-Doping-Labore und "eingefrorenen Doping-Proben", die man nach Jahren mit neuen Analyse-Methoden nochmal prüfen kann, verfehlen offenbar ihre Wirkung nicht. Plötzlich haben auch Athleten aus der Schweiz, Polen, Norwegen etc. die Möglichkeit, wieder in ein WM-Finale zu kommen.
So etwas sollten Sie aber nicht auf Pressekonfernezen thematisieren... Sie werden doch nicht in Frage stellen, dass schwarzhäutige Läufer per se die überlegenen Sprinter sind (von klein auf Sprintwettkämpfe am Strand (Jamaika) oder in den Voroten US-amerikanischer Großstädte) und die ostafrikanischen Mittel- und Langstreckenläufer durch die harte Kindheit (jeden Tag im Hochgebirge 40km Wasser holen) und die harte Selektion (riesige Läufergruppen, knallharte Selektion der Läufer) einfach besser sind?
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