Verdächtiges Tennismatch: Der Flug des Schneeballs

Tennis galt einst als der "weiße Sport", aber wie sauber geht es auf dem Center Court wirklich zu? Gerüchte um Wettmanipulation gibt es seit Jahren, SPIEGEL ONLINE ist nun auf eine besonders merkwürdige Partie gestoßen. Im Fokus stehen dabei ein junger Franzose und ein passiver Verband.

Tennisprofi Llodra (in Wimbledon): Wunderheilung? Zur Großansicht
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Tennisprofi Llodra (in Wimbledon): Wunderheilung?

Was ist die Wahrheit? Und braucht sie Beweise, Geständnisse? In dieser Geschichte geht es um anrüchige Sportwetten, aber es gibt keinen geständigen Spieler, keinen geständigen Wettbetrüger. Keinen Robert Hoyzer und keinen Ante Sapina. Es gibt nur einen Verdacht. Und Indizien.

Aber diese sind so erdrückend, dass sie der Wahrheit sehr, sehr nahe kommen könnten.

Diese Geschichte spielt sich auch nicht im Fußball ab, sondern im Tennis. Sie ist ein Beispiel dafür, wie das Ansehen eines Sports erneut beschädigt wurde, den man einmal den "weißen Sport" nannte. Und sie wirft ein fahles Licht darauf, wie ein Verband mit Betrugsvorwürfen umgeht. Denn diese Geschichte liegt schon ein Jahr zurück, und passiert ist seither offiziell: nichts.

Lyon, 20. Oktober 2008, gegen 17 Uhr. In Frankreich findet ein ATP-Turnier statt, das Erstrundenmatch zwischen Tommy Robredo aus Spanien und dem Franzosen Michael Llodra soll in zwei Stunden beginnen. Im Forum des Wettanbieters betfair ist die Vorfreude allerdings getrübt. Viele User diskutieren hier über ihre Wetten, und es gibt nur ein Thema: die Lawine.

"Wir haben das Match aus unserem Angebot entfernt"

Ungläubig verfolgen die Wetter, was mit der Quote auf einen souveränen Zweisatzsieg des Spaniers Robredo passiert. Sie fällt nicht, sie bricht ein. Fast 1,9 betrug sie noch um 16 Uhr, 19 Dollar bekäme man bei 10 Dollar Einsatz. Um 17.39 fragte der User "swebih" verwirrt: "1,50?" Zehn Minuten später liegt die Quote nur noch bei 1,4. Um 18.40 Uhr, die beiden Spieler stehen noch immer nicht auf dem Platz, ist sie auf 1,23 gefallen. Eine lächerliche Quote für ein Tennismatch, das noch nicht mal angefangen hat.

Quotenentwicklungen bei Sportwetten verlaufen durchaus in kleinen Wellen, aber sie können auch abstürzen - ausgelöst durch verdächtig hohe Einsätze auf ein Ergebnis. Der Ablauf ist dabei immer der gleiche: Die ersten Wetten werden getätigt, bei Buchmachern weltweit gehen Aufträge ein. Abzulesen sind die Entwicklungen bei den größten Anbietern wie betfair. So etwas spricht sich dann rum, die nächsten Wetten folgen, "das ist ein Schneeballsystem", sagt ein Buchmacher SPIEGEL ONLINE. Der Schneeball wird immer größer, der Markt bläht sich auf, die Quoten sinken immer weiter. Für Profiwetter ist in diesem Moment klar: Die Wahrscheinlichkeit, dass das gesetzte Ergebnis eintritt, steigt immer weiter.

Der erste Schneeball flog um 15 Uhr

Im betfair-Forum machen nun Gerüchte um eine Verletzung Llodras die Runde, das wäre eine Erklärung für den Quotenverlauf. Aber Llodra wirkt überhaupt nicht angeschlagen, als er um 19.01 Uhr den Platz betritt. Zwanzig Minuten später schreibt ein Beobachter: "Llodra garantiert nicht verletzt, hüpft herum wie ein Känguru."

Betfair ist eine Wettbörse, hier wetten die User gegeneinander. Sie bestimmen selbst die Quoten, betfair vermittelt lediglich. Deshalb bleiben die Märkte auch bei ungewöhnlichen Wetteinsätzen bis zum Ende des Spiels offen. Auffälligkeiten werden allerdings direkt an die Sportverbände gemeldet.

Buchmacher reagieren. "Unsere Quote für einen Zweisatzsieg Robredos lag zunächst bei 1,61. Um 17.43 Uhr haben wir das Match aus dem Angebot entfernt", sagt ein Wettanbieter SPIEGEL ONLINE. Zwei Kunden hatten in derselben Sekunde versucht, den maximal möglichen Betrag auf einen Sieg Robredos zu setzen. Sichere Indikatoren nennt das der Buchmacher, der ungenannt bleiben will. Er meint: Indikatoren für Manipulationen.

Kursschwankungen sind normal, vor allem bei Livewetten. Aber ein derartiger Verfall wie vor dem Llodra-Robredo-Match ist ungewöhnlich. Und ein sicheres Indiz, dass der Schneeball schon lange fliegt. Buchmacher können anhand ihrer Bücher sogar ziemlich genau sagen, wer den ersten Schneeball geworfen hat. "Das ist der, der am nächsten an der mutmaßlichen Manipulationsquelle ist - oder die Quelle selbst." Im Falle des Matches Robredo gegen Llodra muss der Schneeball gegen 15 Uhr geworfen worden sein.

Laptops in der Menge

Doch noch mehr ist merkwürdig an diesem 20. Oktober. Menschen mit Laptops werden im Tennisstadion gesichtet, und ein Beobachter schreibt von "langem Blickkontakt Llodras" mit den Laptopbenutzern. Llodra begeht beim Break einen Doppelfehler und zwei leichte sogenannte "unforced Errors" - um 19.36 liegt die Quote für Robredo bei 1,12. Um 19.44 gewinnt Robredo den ersten Satz, 6:4. Im zweiten Satz bescheren zwei Doppelfehler Llodras dem Gegner das Break zum 5:3. Um 20.15 Uhr hat Robredo in zwei Sätzen gewonnen. Die Partie ist vorbei.

Aber diese Geschichte fängt gerade erst an.

Die ATP, die Vereinigung der Profispieler, wurde nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE schon wenig später von mehreren Buchmachern und auch von betfair über die Merkwürdigkeiten rund um das Match informiert. Auch das Frühwarnsystem der Essa, eine von den weltgrößten Buchmachern 2005 gegründete Vereinigung zum Schutz vor Wettbetrug, schlug an und machte Meldung an die ATP. Verantwortlich für Ermittlungen in diesem Fall ist die Tennis-Integrity-Unit (ITU), eine unabhängige Instanz, die im Januar 2008 von den vier Grand-Slam-Turnierveranstaltern, dem Internationalen Tennisverband ITF sowie den Vereinigungen ATP und WTA (Frauen) gegründet wurde. Die Integrität des Sports müsse sichergestellt werden, forderte damals ATP-Chef Etienne de Villiers.

Eine Reaktion auf die Meldungen der Buchmacher gibt es bis heute nicht, 13 Monate nach dem Spiel. Jeff Rees, ehemaliger Scotland-Yard-Agent und Chef der ITU, bekam von SPIEGEL ONLINE einen detaillierten Fragenkatalog zugesandt - teilte auf die Anfrage aber lediglich mit, ITU-Mitglieder dürften keine Auskunft über Untersuchungen geben, "die eingeleitet wurden oder nicht".

"Es kann sein, dass ich den Rest der Saison ausfalle"

Bei den von SPIEGEL ONLINE kontaktierten Wettanbietern hält sich die Verwunderung darüber in Grenzen. Sie verweisen auf den Fall Nikolai Dawidenko und dessen merkwürdige Niederlage in Sopot 2007. Der turmhohe Favorit aus Russland hatte damals gegen die Nummer 87 der Welt, den Argentinier Martin Vassallo Arguello, beim Stand von 6:2, 3:6 und 1:2 wegen einer Verletzung aufgegeben. Sieben Millionen Dollar waren laut BBC insgesamt auf das Match bei betfair gesetzt worden - zehnmal so viel wie üblich, der Großteil auf Vassallo. Auch im damaligen Fall hatte betfair die verdächtigen Transaktionen umgehend an die ATP gemeldet. Die ITU sprach den Russen Dawidenko, der stets jede Manipulation bestritten hat, im September 2008 von jedem Verdacht frei. Ein Makel blieb.

Michael Llodra wurde nach dem Match gegen Robredo von der Nachrichtenagentur AP mit den Worten zitiert, er spüre einen Schmerz hinter dem Knie, "es kann sein, dass ich den Rest der Saison ausfalle." Doch der Franzose wirkte nicht nur gegen Robredo sehr agil - schon acht Tage später trat er mit seinem Doppelpartner Arnaud Clement in Paris an und gewann in drei kräftezehrenden Sätzen (7:6, 5:7, 10:8). Auch die nächsten beiden Runden wurden siegreich bestritten, erst im Halbfinale am 1. November schieden die beiden aus. Eine Wunderheilung?

SPIEGEL ONLINE hat vergeblich versucht, Llodra für eine Stellungnahme zu erreichen. Der 26-Jährige, der Manipulationen immer bestritten hat, hat in den Foren der Wettanbieter auch viele Verteidiger gefunden. Llodra könne gar kein Betrüger sein, heißt es dort. Immerhin habe der Franzose doch 2007 selbst öffentlich gemacht, dass er 2004 einen Bestechungsversuch abgelehnt habe. Das stimmt. Aber spricht ihn das für alle Zeiten vom Verdacht frei? Sind all die Merkwürdigkeiten rund um das Robredo-Match nur Zufall?

Was ist die Wahrheit?

Nach Unterlagen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, nahmen insgesamt mindestens 47 Wettanbieter die Llodra-Partie aus ihrem Angebot. Sie alle hatten extreme Auffälligkeiten bemerkt. 47. "Das spricht Bände", sagt ein Buchmacher, und ein anderer merkt an: "80 Prozent der im Tennis verschobenen Spiele sind Erstrundenpartien." Private Wettanbieter bauten deshalb viele Hürden ein, Tennispartien dürfen häufig nur in Dreier- oder Vierkombinationen gespielt werden, die Einsätze sind begrenzt. Die Betrüger setzen deshalb bei so vielen Wettanbietern wie möglich, um den Ertrag zu maximieren.

An diesem Oktobertag 2008 waren übrigens die Heimspiele von Manchester United (gegen Celtic Glasgow) und dem FC Villareal (gegen Aalborg) die beliebtesten Ergänzungswetten. Sichere Bänke.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1. Kein Geld, kein Betrug
Björn Borg 04.12.2009
Zitat von sysopTennis galt einst als der "weiße Sport", aber wie sauber geht es auf dem Center Court wirklich zu? Gerüchte um Wettmanipulation gibt es seit Jahren, SPIEGEL ONLINE ist nun auf eine besonders merkwürdige Partie gestoßen. Im Fokus stehen dabei ein junger Franzose und ein passiver Verband. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,664297,00.html
Mit Sport Geld verdienen zu können, gehört verboten. Schon haben sich alle Betrügereien rund um Wetten und Doping erledigt.
2. So ist das halt.
helium 04.12.2009
Erster! Überall wo gewettet wird, wird auch betrogen.
3. Und täglich grüßt das Murmeltier
ich-steffen 04.12.2009
Es wird immer Manipulationen bzw. Versuche geben. Irgendwo auf einer verträumten Südseeinsel wetten zwei Häuptlinge auf ein Spiel der Kreisklasse in Hintertupfingen. Wer will das überprüfen? Wenn schon bekannte DAX-Unternehmen Probleme haben, Betrügereien innerhalb ihres Unternehmes aufzudecken, was soll man dann gegen die internationale Wettmafia tun? Sportliche Ziele sind nur noch eine Illusion. Jeder sporliche Erfolg und auch Misserfolg muss refinanziert werden. Und bei Geld hört gewöhnlich die Freundschaft und auch die Fairness.
4. gute Idee
jbochow 04.12.2009
Zitat von Björn BorgMit Sport Geld verdienen zu können, gehört verboten. Schon haben sich alle Betrügereien rund um Wetten und Doping erledigt.
Grandioser Vorschlag. Wir verbieten einfach das ganze Verbrechen und schon ist die Welt ein besserer Platz! Warum ist da vorher noch keiner drauf gekommen?
5. Nur Geldhahn zudrehen hilft
MatthyK 04.12.2009
Zitat von Björn BorgMit Sport Geld verdienen zu können, gehört verboten. Schon haben sich alle Betrügereien rund um Wetten und Doping erledigt.
Verbieten können wird es nicht. So lange es Leute gibt, die Geld fürs Wetten auf den Tisch legen, werden sich auch immer Leute finden, die diese annehmen. Wenn nicht in Deutschland, dann im Ausland. Aber ganz klar, bekommt man das Problem nur dann in den Griff, wenn potentiellen Betrügern, der Geldhahn zugedreht wird. Und das können eigentlich nur die Wettanbieter machen. Wetten auf Spiele, die unter Manipulationsverdacht stehen, müssen konsequent annuliert werden - auf gar keinen Fall, darf da irgend ein Cent ausbezahlt werden (außer dem Einsatz selbst, evtl. mit Abschlägen auf größere Einsatzsummen), ein Annahmestopp reicht nicht aus. Solche Annulationen dürfen von Wettanbieterseite her auch erst eine gewisse Zeit nach dem Ereignis entschieden werden. So bleiben die Manipulatoren erstmal auf ihren Kosten sitzen. Wettanbieter, die sich quer stellen, hätten vermutlich Probleme, ihre Kundschaft zu halten. Denn Manipulationen gehen ausschließlich auf Kosten der ehrlichen Spieler.
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So zeigen sich mögliche Sportwettmanipulationen
Quotenentwicklungen bei Sportwetten verlaufen durchaus in kleinen Wellen, aber sie können auch abstürzen - ausgelöst durch verdächtig hohe Einsätze auf ein Ergebnis. Der Ablauf ist dabei immer der gleiche: Die ersten Wetten werden getätigt, bei Buchmachern weltweit gehen Aufträge ein. Abzulesen sind die Entwicklungen bei den größten Anbietern wie betfair. So etwas spricht sich dann rum, die nächsten Wetten folgen, "das ist ein Schneeballsystem", sagt ein anderer Buchmacher SPIEGEL ONLINE. Der Schneeball wird immer größer, der Markt bläht sich auf, die Quoten sinken immer weiter. Für Profispieler ist in diesem Moment klar: Die Wahrscheinlichkeit, dass das gesetzte Ergebnis eintritt, steigt immer weiter.
Mit der einen Welle wird meist auch eine zweite ausgelöst: der Kauf und Verkauf von Quoten. Ein Beispiel: Ein Spieler kauft bei Buchmacher X den Kurs von 1,80 für 1000 Euro. Danach geht er auf die Seite von betfair und tritt selbst als Buchmacher auf. "Ich würde dort den Kurs 1,70 verkaufen und 1000 Euro halten", sagt ein Profispieler SPIEGEL ONLINE. Wenn das Ergebnis eintrete, erhalte er von dem Buchmacher 1.800 Euro, "bei betfair muss ich aber nur 1.700 auszahlen. Ein garantierter Gewinn von 100 Euro, das ist sichere Geldanlage." Wenn die Aussage nicht eintreffe, habe er beim Buchmacher zwar 1000 Euro verloren, bei betfair aber 1.000 erhalten als Einsatz für die angebotene Wette - "sure bets" nennt das der Profi, sichere Wetten.