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Vergabe der Olympischen Spiele 2016: Möge der Dreistere gewinnen

Von , Kopenhagen

Umweltverschmutzung, Kriminalität, Wohnungsmangel - alle Probleme werden gelöst, wenn nur Olympia kommt: Vor der Vergabe der Sommerspiele 2016 übertreffen sich die Bewerberstädte mit bizarren Versprechen und Promi-Paraden. Sogar US-Präsident Obama stürzt sich ins PR-Gefecht.

Olympia-Vergabe: Das Kandidaten-Quartett Fotos
AFP

Die First Lady nahm den Seiteneingang. Während vor dem Marriott Hotel Kopenhagen etliche Dutzend Kamerateams auf Michelle Obama warteten, wurde die Präsidentengattin vom Secret Service durch die Lieferantentür geschleust. Man kennt das aus Filmen. Und plötzlich stand Frau Obama mitten in der Lobby jenes Hotels, in dem die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) logieren, und gab eine kurze, improvisierte Pressekonferenz. Eigentlich sollte es ein längerer Termin mit ausgewählten Medienvertretern werden. Doch daraus wurde nichts, die Lobbyarbeit geht vor. Chicago will die Olympischen Spiele, die Konkurrenz ist hart, und Michelle Obama hilft ihrer Heimatstadt.

Am Freitag vergibt das IOC die Sommerspiele 2016. Deshalb ist Michelle Obama hier, deshalb kommt ihr Mann für wenige Stunden mit der Air Force One eingeflogen, deshalb flaniert Spaniens König Juan Carlos schon durchs Marriott, deshalb hält Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva Hof. Die Premierminister aus Japan und Spanien werden ebenfalls erwartet. Oprah Winfrey, Amerikas Talkshow-Queen, becirct die IOC-Mitglieder bereits, sie versucht es zumindest. Doch ob Oprahs Charme außerhalb der Vereinigten Staaten wirkt, ist fraglich.

Bedenkt man, dass im IOC zahlreiche Blaublüter versammelt sind - etwa die Prinzessinnen Anne (Großbritannien), Nora von Liechtenstein und Haya von Jordanien, Prinz Willem Alexander (Niederlande), Albert von Monaco, Großherzog Henri von Luxemburg, kommende Woche wird auch noch Dänemarks Kronprinz Frederik aufgenommen - dann ist die Promi-Parade in den Luxushotels bemerkenswert und kann mit einem Polit-Gipfel konkurrieren. Ab Freitagmorgen präsentieren sich die Bewerber aus Chicago, Madrid, Rio de Janeiro und Tokio im Bella Center nahe des Flughafens Kastrup ein letztes Mal. Barack Obama wird den IOC-Mitgliedern auch für die Fragerunde zur Verfügung stehen. Wenn die IOC-Vertreter allerdings am Nachmittag ab 17 Uhr die Tasten des elektronischen Wahlsystems betätigen, schwebt Obama schon wieder über dem Atlantik und nimmt Kurs auf Washington.

"Brasilien wird daran wachsen und gesunden"

Als Favorit gilt Rio de Janeiro. Die Metropole bewirbt sich zum fünften Mal, erstmals mit Chancen. "Zum ersten Mal professionell und zum ersten Mal mit der Überzeugung, dass wir es schaffen können", sagte Luiz Inácio Lula da Silva am Donnerstagmorgen im Hotel Sankt Petri. Brasiliens Präsident flog in der Nacht ein und versprüht Zuversicht. Die Olympischen Spiele sollen Teil eines gigantischen Infrastrukturplans von 240 Milliarden Dollar sein - fünf Prozent davon sollen die Spiele kosten. "Aber das ist mehr als eine Budgetfrage", sagt Lula. "Es bedeutet, dass wir unser Land für die Welt öffnen. Brasilien wird daran wachsen und gesunden. Ich bin jetzt 63 Jahre alt und habe noch nie einen so magischen Moment für mein Volk erlebt wie diesen."

Kein Wort ist groß genug, wenn es um die Spiele geht. Kein Versprechen wird nicht gegeben, so absurd es klingen mag. Tokio etwa verspricht allen Ernstes, die Umweltprobleme der Menschheit zu lösen. Die Brasilianer wollen, wenn man sie richtig verstanden hat, mit den Olympischen Spielen auch die exorbitante Kriminalität bekämpfen und Hunderttausenden Favela-Bewohnern Sozialwohnungen verschaffen. Das ist die Botschaft. Lulas Crew aber schafft, was Chicago, Madrid und erst recht Tokio überhaupt nicht gelingt: Die Brasilianer wecken Emotionen.

Zahlreiche Handels- und Wirtschaftsverträge mit afrikanischen Ländern

Bei allen wichtigen Sport-Konvents dieses Jahres, etwa der Vor-Präsentation in der IOC-Zentrale in Lausanne im Juni, waren Rios Bewerber die besten. Außer ihnen bewies niemand Esprit, die Konkurrenten verbreiten den spröden Charme von Buchhaltern. Aber die Brasilianer reißen nicht nur Witze und zeigen Bilder von schönen Stränden. Sie kennen das Geschäft, haben horrende Summen für PR-Firmen und Lobbyisten ausgegeben und beackern seit vielen Monaten auch die diplomatische Arena. Lula hat persönlich zahlreiche Handels- und Wirtschaftsverträge mit afrikanischen Ländern abgeschlossen, in etlichen davon gibt es IOC-Mitglieder. Eine vierköpfige Combo war ständig unterwegs: Carlos Nuzman (IOC-Mitglied), Sportminister Orlando Silva, Bürgermeister Eduardo Paes und Rios Gouverneur Sérgio Cabral. Oft genug stieß auch Lula zum Team, um sich mit der olympischen Welt vertraut zu machen.

Es heißt, insgesamt sollen die vier Städte rund 300 Millionen Dollar allein in ihre Promotionsmaßnahmen investiert haben. Hinzu kommen einige Dutzend Millionen jener Städte, die vom IOC bereits vor 15 Monaten in der Vorrunde aussortiert worden sind: Katars Hauptstadt Doha, Prag und Baku (Aserbaidschan). IOC-Präsident Jacques Rogge, der einst angetreten war, um diesen wahnwitzigen Spuk zu beenden, schaut hilflos zu und versucht lediglich, mit kleinen kosmetischen Operationen einzugreifen. Etwa wenn er die Bewerber zu Fairness ermahnt. Wenn seine Ethik-Kommission sich mit lächerlichen Aussagen befasst, wie der eines spanischen Sportfunktionärs, der erklärte, Rios Bewerbung sei unwürdig, wofür sich Madrids Bewerberchefin Mercedes Coghen umgehend entschuldigte.

Vom Aufmarsch der A-Promis profitiert vor allem das IOC

Gegen die wirklichen Vergehen in diesem Milliardenbusiness aber unternimmt die Ethik-Kommission nichts. So wurde etwa der größte Bestechungsskandal der IOC-Geschichte nie sportintern untersucht, obgleich es Rogge versprochen hatte: Die Sportmarketingfirma ISL/ISMM, das ist gerichtsfest, hat einst 138 Millionen Schweizer Franken an hohe Sportfunktionäre aus dem olympischen Bereich gezahlt. Darunter laut Prozessunterlagen auch, über eine Tarnfirma, an den langjährigen Präsidenten des Fußball-Weltverbandes (Fifa): João Havelange.

Havelange, inzwischen 93 Jahre alt, ist der Doyen des IOC. Er hat kürzlich aufgezählt, welche IOC-Mitglieder er für Rio geworben hat, ohne dafür von Rogge auch nur gerügt worden zu sein. Der IOC-Präsident, angetreten als Saubermann, schafft nicht mal im eigenen Laden Ordnung. Staats- und Regierungschefs kann er erst recht nichts vorschreiben. Das haben bei den vergangenen Olympia-Vergaben - mit den Siegern London (Sommer 2012) und Sotschi (Winter 2014) - auch die Auftritte von Tony Blair und Wladimir Putin bewiesen, die sich nicht immer an die Kontaktregeln hielten. Rogges Büro verschickte damals die eine oder andere diplomatische Protestnote, das war's.

Letztlich ist es doch so: Vom Ballyhoo um die Spiele, vom Aufmarsch der A-Promis alle zwei Jahre, profitiert vor allem ein Unternehmen - der Milliardenkonzern IOC.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Nichts Neues!
wudi 01.10.2009
Zitat von sysopUmweltverschmutzung, Kriminalität, Wohnungsmangel - alle Probleme werden gelöst, wenn nur Olympia kommt: Vor der Vergabe der Sommerspiele 2016 übertreffen sich die Bewerberstädte mit bizarren Versprechen und Promi-Paraden. Sogar US-Präsident Obama stürzt sich ins PR-Gefecht. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,652538,00.html
Wen wundert`s? War doch alles schon da. Umweltprobleme loest man mit Fahr und Produktionsverbot, natuerlich nur fuer 3-4 Wochen. Die "sozialen Problemfaelle" werden mal fuer einen kurzen Zeitraum umgezogen. Peking laesst gruessen.
2. lol
mavoe 01.10.2009
Zitat von sysopUmweltverschmutzung, Kriminalität, Wohnungsmangel - alle Probleme werden gelöst, wenn nur Olympia kommt: Vor der Vergabe der Sommerspiele 2016 übertreffen sich die Bewerberstädte mit bizarren Versprechen und Promi-Paraden. Sogar US-Präsident Obama stürzt sich ins PR-Gefecht. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,652538,00.html
Heutige Olympiaden sind quatsch. Wenn es dennoch sein muss, gesponsorte und gedopte Schwimmer oder Leichtathleten gegeneinander antreten zu lassen, warum nicht einfürallemal an EINEM Ort der Welt? Athen, das klassische Griechenland, wäre allerdings zu schade dafür. Am Besten wäre da ein rechtsfreier Raum, irgendwo zwischen Nord- und Südpol. mfg
3. Nur noch traurig
ojahx 01.10.2009
Auch mich hat Olympia lange Zeit fasziniert. Der Sport an sich war vor 20 oder 30 Jahren auch nicht sauberer, aber nicht so verlogen und kommerzialisiert. Zwischenzeitlich haben wir keinen Fernseher mehr und ich bin heilfroh, bei diesen verlogenen Massenverarschungen gar nicht erst in Versuchung zu geraten. Ist eigentlich ganz einfach: immer abschalten! Das IOC löst sich dann binnen einer Dekade auf, keine Sorge. Dann müssen sich die armen Stadt- und Staatsoberhäupter nicht mehr sinnlos durch die Welt jetten lassen, was der Umwelt mehr nutzt als die sauberste nur vorstellbare Olympiade. Die armen Länder (siehe Griechenland) sitzen dann nicht mehr auf horrenden Schuldenbergen durch eine Infrastruktur, die nach Olympia kein Schwein mehr hinterm Ofen hervorlockt (siehe Vogelnest in Peking). Ich könnte Euch jetzt noch stundenlang ermüden, aber lasst Euch das lieber von verlogenen Funktionären und Politikern! So long
4. Zirkus alle 4 Jahre
Der Pragmatist 01.10.2009
Zitat von sysopUmweltverschmutzung, Kriminalität, Wohnungsmangel - alle Probleme werden gelöst, wenn nur Olympia kommt: Vor der Vergabe der Sommerspiele 2016 übertreffen sich die Bewerberstädte mit bizarren Versprechen und Promi-Paraden. Sogar US-Präsident Obama stürzt sich ins PR-Gefecht. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,652538,00.html
Mit Sport hat dieser alle 4 Jahre stattfindende Zirkus eigentlich recht wenig zu tun. Das Hauptnebenprodukt dieses Spektakels ist die meist sehr hohe Verschuldung der Stadt, wo die Spiele stattfinden. Montreal zahlt heute noch fier die Spiele im Jahre 1976. Wenn es wirklich um Sport gehen wuerde, sollte die Olympiade alle 4 Jahre dort statfinden, wo sie ihren Ursprung hatte: In Olymplia in Griechenland. Man kann dann die Sportstaetten alle 4 Jahre nach kurzer Modernisierung wieder benutzten und die Milliardenkosten koennten fuer andere Zwecke besser benutzt werden. Da nun aber 4 Staedte im Endspurt stehen, bin ich fuer etwas Gerechtigkeit. Die USA haben bereits dreimal die Spiele abgehalten, Japan einmal und Spanien einmal. Brasilien oder ganz Suedamerika was noch nie der Austragsort und sollte den Zuschlag bekommen. Zwar ist Rio (fast) die Welthauptstadt der Morde und der Krminalitaet und man koennte dann diesen Sport auch mit ins Olympia Programm aufnehmen. Ab 2020 sollten dann die Spiele alle 4 Jahre in Olympia stattfinden und die ewige Streiterei, Korruption und Vreschul;dung von staedten wuere ein Ende nehmen. Pragmatist
5. titel
kaitou1412 01.10.2009
Geldströme hin oder her, aber das entworfene Olympiastadion von Tokyo ist das beste Stadion was ich je gesehen habe! Generell gefällt mir der grüne Aspekt dieser möglichen Spiele. Technologisch ist Japan dafür ein idealer Standort. Nach London wieder Europa würde wohl nicht ganz so für Madrid sprechen,aber da sie ja für 2012 verloren hatten... Chicago gefällt mir garnicht, nicht schon wieder die Staaten. Wäre in Rio die Kriminalität nicht so gravierend, wäre das ganz klar die #1. Toll ist die Idee, das Olympische Dorf und eineige Gäste auf das Meer, sprichauf die ankernden Kreuzfahrtschiffe zu verlagern. Okee, we'll see! :D Ich wäre für Tokyo!
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