Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

In eigener Sache: Zum Unglück im Himalaja

Die Bergsteiger Sebastian Haag und Andrea Zambaldi wollten im Himalaja einen neuen Weltrekord aufstellen, SPIEGEL ONLINE berichtete ausführlich. Unterhalb des Gipfels wurden die Männer von einer Lawine verschüttet. Das Unglück stellt uns vor grundlegende Fragen.

Zwei Menschen werden vermisst, vieles deutet darauf hin, dass sie tot sind. Die Aufgabe von Journalisten ist klar: objektiv und wahrheitsgetreu über das Geschehen zu berichten. Das gehört zu unserem Beruf. Wir überbringen Todesnachrichten und Schreckensmeldungen, beispielsweise aus den Kriegen in Nahost und der Ukraine, aus den Ebola-Gebieten, von Unfällen bei Skirennen oder der Formel 1. Wir ordnen ein, was passiert ist, analysieren die Ursachen, erklären die Folgen. Wir stellen die eigene Betroffenheit und Trauer zurück.

Bei den vermissten Extrembergsteigern Sebastian Haag und Andrea Zambaldi fällt uns das schwer. Es fällt uns schwer, nur unserer Arbeit nachzugehen und nüchtern zu berichten.

Die beiden waren zwar keine Kollegen, keine Reporter, die in unserem Auftrag unterwegs waren. Aber es gab persönliche Kontakte zu ihnen, und es bestehen noch immer Kontakte zu ihrem Team. Wir haben intensiv über ihr Vorhaben berichtet, einen Weltrekord im Himalaja aufzustellen, in Texten, Videos, mit einer Karte, auf der unsere Leser den Standort der Bergsteiger verfolgen konnten. Wir haben den Rekordversuch als einziges deutsches Medium zum prominenten Thema gemacht. Wir waren beeindruckt vom Mut der Bergsteiger, von ihrem Sachverstand, ihrer präzisen Vorbereitung und, ja, auch von ihrer Risikobereitschaft.

Im März rief der Extrembergsteiger Benedikt Böhm bei uns an. Er plane eine große Sache, sagte er, etwas, das es noch nicht gegeben habe: zwei Achttausender im Himalaja besteigen und die Strecke zwischen den Bergen zu Fuß und auf dem Mountainbike zurücklegen. Wir waren skeptisch: Geht das?

Ja, sagte Böhm, körperlich seien er und seine Teammitglieder nach jahrelangem Training und vielen Monaten im Hochgebirge so fit, dass die Belastung kein Problem sei. Entscheidend sei der Kopf: "Du musst an deine Grenzen gehen wollen. Und darüber hinaus." Zu seinem Team gehörten Sebastian Haag und Andrea Zambaldi sowie Ueli Steck und Martin Maier, die später dazukamen. Allesamt erfahrene Bergsteiger.

Was, wenn es nicht klappt? "Die Gefahr ist immer da, das weiß jeder, der diesen Leistungssport macht. Aber wir sind nicht leichtsinnig, sondern planen sehr, sehr genau", sagte Böhm. Er hatte viele Berge im Himalaja bestiegen, Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt, er gehörte der deutschen Nationalmannschaft im Skibergsteigen an. Er hat ein Buch geschrieben über seine Erlebnisse bei einem Lawinenunglück am Manaslu. Böhm ist kein Hobbybergsteiger mit einer fixen Idee.

Wir sprachen mit Experten, baten Ärzte, andere Sportler und Sherpas um ihre Einschätzung. Wir entschieden uns: Dieses Vorhaben wollen wir journalistisch begleiten. In den vergangenen Wochen standen wir in regelmäßigem Kontakt mit der Gruppe: Geht's euch gut? Wie ist das Wetter? Könnt ihr schlafen? Wir telefonierten, schrieben E-Mails und SMS.

Nun stellt sich uns die Frage noch deutlicher als bei anderen Ereignissen: Welche Verantwortung bringt eine so intensive Berichterstattung mit sich? Befeuern wir gar durch die Aufmerksamkeit einen Trend - höher, schneller, weiter, riskanter? Was treibt uns? Und haben wir die Idee mit vorangetrieben?

Es gibt einfache Antworten auf diese Fragen, aber das sind selten die besten. Verzicht wäre eine Möglichkeit: einfach nicht mehr berichten. Doch die Grenze zur Ignoranz wäre fließend. Und würden wir der journalistischen Verantwortung gerecht, indem wir Themen einfach ausblendeten? Extremsportler führen uns immer wieder vor Augen, wozu Menschen in der Lage sind. Sie können uns begeistern: durch Mut, Selbstdisziplin, Teamgeist, das Ausloten von Grenzen. Indem sie Grenzen überschreiten, erschließen sie uns neue Welten.

Wenige Stunden vor der Tragödie im Himalaja sprachen wir mit Böhm, per Satellitentelefon erzählte er, dass die Sonne scheine, es sehr warm sei und kaum Wind wehe. "Der schönste Tag bislang." Aber er war auch skeptisch: Die Gruppe war einige Tage zuvor kurz vor dem Gipfel des Shisha Pangma umgekehrt. Es hatte zu viel Schnee gelegen, die Lawinengefahr war zu groß.

Hatten sich die Bedingungen in der Zwischenzeit verbessert? "Wir wissen jetzt zumindest, was uns dort erwartet", sagte Böhm. "Wir sind vorsichtig. Wenn es nicht geht, geht es nicht."

Sie wollten es noch einmal versuchen, nicht aufgeben, nicht zurück nach München fliegen. Nicht nach all der Vorbereitung, nach all den Schmerzen. "Seid ihr sicher?" "Ja."

Wir hätten sie nicht aufhalten können.

Doch das ist keine befriedigende Antwort auf die Fragen, die das Unglück aufwirft. Diese werden uns weiter begleiten. Wir trauern mit dem Team, mit den Freunden und Familien.

Die Redaktion

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: