Vierschanzentournee Der Hochmütige fällt

Nach dem Debakel beim Neujahrsspringen von Garmisch-Partenkirchen muss Martin Schmitt um den Sieg in der Vierschanzentournee fürchten. Die Gründe dafür sind hausgemacht.


Martin Schmitt: "War gar nicht so schlecht"
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Martin Schmitt: "War gar nicht so schlecht"

Garmisch-Partenkirchen - Nicht zuletzt durch seinen freiwilligen Startverzicht in der Qualifikation am Vortag verbaute sich der Doppel-Weltmeister die Chance, als erster Springer der Geschichte alle vier Tournee-Konkurrenzen zu gewinnen. "Es ist doch erst Halbzeit", wiegelt der Auftaktsieger von Oberstdorf ab und versprach: "Jetzt habe ich zwar Rückstand, aber ich werde in Innsbruck wieder angreifen." Seinen großen Traum vom Gesamtsieg habe er jedenfalls noch nicht aufgegeben.

Durch seinen Startverzicht bei der Silvester-Qualifikation, den der 22-Jährige mit "Zeitgewinn zur Regeneration" begründet hatte, manövrierte sich Schmitt selbst in eine komplizierte Situation. Er wurde auf den 50. und letzten Platz eingestuft und musste so im ersten Durchgang, der im K.o.-System ausgetragen wurde, gegen den Qualifikations-Sieger Adam Malysz antreten.

Noriaki Kasai: "Nur der Sieg kann mein Ziel sein"
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Noriaki Kasai: "Nur der Sieg kann mein Ziel sein"

Wie am Trainingsvortag ging im Verlauf des ersten Durchgangs durch die fehlende Sonne jener Aufwind verloren, der zu Beginn der Konkurrenz Topspringer wie den am Ende viertplatzierten Janne Ahonen (121,5 Meter), Noriaki Kasai (120 Meter) und Sven Hannawald (117 Meter) mit zu ihren Spitzenweiten verholfen hatte. Wäre Schmitt zur Qualifikation angetreten, hätte er auf alle Fälle zu einem früheren Zeitpunkt und damit bei besseren Bedingungen springen können.

So kämpfte Schmitt mit aller Macht gegen das drohende Debakel an, stand im ersten Durchgang 115 Meter und rettete sich damit wenigstens sicher ins Finale, jedoch nur als so genannter "Lucky Loser", einer von fünf Springern, die ihr direktes Duell zwar verloren hatten, aber von allen Unterlegenen am weitesten gesprungen waren. Schmitt, der bereits um 22 Uhr die interne Silvester-Feier im deutschen Teamhotel verlassen und den Jahreswechsel auf seinem Zimmer "total verschlafen" hatte, war gegen Malysz zwei Meter und 4,1 Punkte schlechter gewesen.

Adam Malysz: Der Geheimfavorit sprang einen sensationellen Schanzenrekord
DPA

Adam Malysz: Der Geheimfavorit sprang einen sensationellen Schanzenrekord

Von einem taktischen Versagen - im zweiten Durchgang kam Schmitt auch nur auf 117,5 Meter - wollte Schmitt-Coach Wolfgang Steiert jedoch nichts wissen. Der Heimtrainer des Schwarzwälders machte "prinzipielle Probleme mit dem alten Schanzenprofil" für die Partenkirchener Pleite verantwortlich. Dabei hatte Schmitt 1999 auf der gleichen Anlage gewonnen und dabei den Schanzenrekord auf 123 Meter geschraubt.

Vor 24.000 Zuschauern an der großen Olympiaschanze schraubte der drittplatzierte Pole Adam Malysz die Bestleistung in Garmisch-Partenkirchen auf 129,5 Meter. In der Gesamtwertung wurde Schmitt zur Tournee-Halbzeit von Tagessieger Noriaki Kasai enthront. "Ich war schon mal Zweiter bei der Tournee. Da kann nur der Sieg mein Ziel sein", sagte Kasai, der den elften Tagessieg für sein Land in der Tournee-Geschichte landete. Zweiter wurde der Russe Dimitrij Wassiliew.

Als bester Deutscher kam Skiflug-Weltmeister Sven Hannawald auf Rang fünf. Die gleiche Platzierung hatte er auch in Oberstdorf erreicht. In der Gesamtwertung liegt der Hinterzartener auf dem vierten Rang. Somit haben die beiden besten deutschen Springer vor den noch ausstehenden Konkurrenzen in Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar) noch Chancen auf den Sieg in der Gesamtwertung.

 "Heute bin ich wirklich zufrieden"
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"Heute bin ich wirklich zufrieden"

"Heute bin ich wirklich zufrieden", meinte Hannawald, "ich war supernervös, aber der erste Sprung hat mir Auftrieb gegeben." Hannawald hatte von Bundestrainer Reinhard Heß "ein Fläschchen Rotwein" als Silvester-Schlummertrunk in die Tasche gesteckt bekommen. "Damit er gut schlafen kann", begründete Heß seine am Ende erfolgreiche Maßnahme. Hannawald überzeugte durch konstante Flüge und ist als bester Flieger vor allem beim Abschluss auf der größten Tournee-Schanze in Bischofshofen ein Mitfavorit.

Vier weitere Teilnehmer des Deutschen Ski-Verbandes erreichten das Finale: Lokalmatador Roland Audenrieth (Partenkirchen) wurde 20. und Michael Uhrmann (Rastbüchl) 25. Die Plätze 27. und 29. erreichten Alexander Herr (Rohrhardsberg) und Frank Löffler (Oberstdorf) 187,2 (108,5/gestürzt+110,5).

Fünf von elf DSV-Athleten schieden bereits im ersten Durchgang aus: Frank Reichel (Oberwiesenthal) als 35., Michael Neumayer (Berchtesgaden/36.), Michael Möllinger (Hinterzarten/37.), Jörg Ritzerfeld (Oberhof/44.) und Dennis Störl (Oberwiesenthal/45.).



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