Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Tour-de-France-Gewinner Nibali: Ruhiger Sieger, fragwürdiges Team

Von Jürgen Löhle

Tour-Abschluss: Freudentränen auf der Champs-Élysées Fotos
REUTERS

Dreitagebart und eine nüchterne Fahrweise: Der Italiener Vincenco Nibali feiert seinen Sieg bei der Tour de France zurückhaltend. Sein Triumph hatte sich angedeutet, doch sein Team hat einen zweifelhaften Ruf.

So sehen Sieger aus? Keine gereckte Faust? Kein Gebrüll? Keine große Geste, fast keine Reaktion?

Vincenzo Nibali gönnte sich nur ein kleines Lächeln und eine ausgestreckte Zunge, als er am Sonntag nach 3664 Kilometern begleitet von zwei Mannschaftskollegen über die Ziellinie der Tour de France auf den Champs-Elysées in Paris rollte. Immer bescheiden bleiben - das ist so etwas wie die Grundhaltung des Mannes, der sich selbst wohl nie "Hai von Messina" nennen würde, wie seine Fans es gerne tun.

Tags zuvor hatte er noch gesagt, dass seine Vorstellung beim größten Radrennen der Welt "okay" gewesen sei. Was für eine Untertreibung: Der 29-jährige Italiener dominierte die diesjährige Frankreich-Rundfahrt wie schon lange keiner mehr. Vier Etappensiege, fast acht Minuten Vorsprung am Ende - das ist herausragend.

Nibali ist nun einer von nur sechs Menschen, die alle drei großen Landesrundfahrten gewinnen konnte (2010 siegte er bei der Vuelta in Spanien, im vergangenen Jahr beim Giro d'Italia). Der Sizilianer ist sicherlich kein Zufallssieger, keiner der aus dem Nichts kommt. Der Profi, der schon als Junge die Flanken des Ätna in seiner Heimat hochgestrampelt ist, war einer der großen Favoriten und nach dem frühen Aus von Christopher Froome und Alberto Contador eigentlich der einzig Verbliebene, was auch den großen Vorsprung erklärt.

Fotostrecke

24  Bilder
101. Tour de France: Alle Etappen der Frankreich-Rundfahrt
Der Mann mit dem ewigen Dreitagebart ist ein Profi mit Renninstinkt, ein nüchterner Fahrer, der Situationen schnell erkennt. Nibali, der aus dem heißen, trockenen Süden Italiens kommt, hat das Rennen schon im kühlen und regnerischen Nordfrankreich gewonnen, als er auf der Etappe nach Arenberg auf den nassen und rutschigen Kopfsteinpflasterpassagen Contador über zwei Minuten abnahm und Froome nach zwei Stürzen aufgab.

Er schnappte sich Sekunden in jedem Terrain, war geduldig in den Bergen - und ließ im richtigen Moment seine Gegner stehen wie vor 16 Jahren Marco Pantani, der letzte Italiener, der vor ihm die Tour de France gewinnen konnte. Pantani starb 2004 an einer Überdosis Kokain und damit wohl an den psychischen Folgen seines langjährigen Dopings.

Umstrittenes Team

Vincenzo Nibali ist in dieser Hinsicht noch nicht aufgefallen, verweist auf seine makellosen Blutpass- und Testwerte und blickt dem Frager dabei auch in die Augen, getreu dem Motto: Schau her, ich habe nichts zu verbergen. Fakt ist, dass Nibalis Blut eine außerordentlich hohe Sauerstofftransportkapazität hat, die man bei ihm schon als Junior attestierte, als er 2002 Dritter der Zeitfahr-WM geworden war.

Seine Karriere ging danach langsam nach oben, unterbrochen auch von Pausen und Rückschlägen. 2008 debütierte er bei der Tour de France und beendete sie auf Platz 20, zwei Jahre später folgte sein Sieg bei der Spanienrundfahrt, 2013 gewann er schließlich den Giro d'Italia und ist seither Star und Hoffnung der italienischen Radfans. Sein Teamchef Alexander Winokurow verkündete schon in den Pyrenäen, dass Nibali "der logische Sieger" dieser Tour ist.

Hier wird man hellhörig: Der einst wegen Blutdopings gesperrte ehemalige Telekom-Profi Winokurow gilt als Vertreter der alten Generation, als Mann der Dopingszene. Auch das kasachische Team Astana hat einen negativen Ruf. Nibalis Helfer bei der Tour, Michele Scarponi, war schon zwei Mal wegen Dopings gesperrt. Kein guter Arbeitgeber also für einen vorgeblichen Saubermann, aber Nibali ist Profi und wollte vor zwei Jahren bei einem geschätzten Jahresgehalt von drei Millionen Euro auch nicht nein sagen. Der aktuelle Erfolg bringt ihm neben den 450.000 Euro Preisgeld zusätzlich eine Prämie von einer Million Euro von Astana - an der er, wie im Radsport üblich, die Mannschaft beteiligen wird.

Erfolgreich waren auch die deutschen Radprofis - und das trotz des schlechten Ansehens der Tour in ihrem Heimatland. Neben dem Sieg im Finale von Paris gab es noch drei weitere Etappensiege durch den Sprinter Marcel Kittel, darunter zwei Erfolge von Tony Martin und ein Sieg von André Greipel. Exakt ein Drittel der 21. Etappen ging an Sportler aus Deutschland, dazu kommt noch ein Tag in Gelb durch Kittel und ein Tag im Bergtrikot durch den 42-jährigen Jens Voigt, der seine 17. Tour fuhr. So viele haben bisher nur der Australier Stuart O'Grady und George Hincapie aus den USA geschafft.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Eigentlich traurig
Dogbert 28.07.2014
ob Nibali nun sauber ist oder nicht, seine Siege, wie die seiner Kollegen, steht, zumindest in den Köpfen, immer unter dem Vorbehalt des Verdachts ob man nicht in einigen Jahren erst finden wird was ihn heute schnell gemacht hat.
2. Der Sieg
Checkker 28.07.2014
Nibalis hat nicht nur wegen seines Teams ( Martinelli, Winokurov ) einen schalen Beigeschmack. Wenn man sich anschaut, wie überlegen er der Konkurrenz davongefahren ist, fast 8 Minuten Vorsprung, dann noch die zumindest erstaunlichen Wattzahlen am Berg und dann beachtet, das die weiteren Plätze recht eng beieinander sind, dann kommen einfach Zweifel auf. Natürlich wäre es für den Radsport schön, wenn er sauber wäre, nur allein der Glaube fehlt. Denn auch ein Nibali kann nicht an 8 Tagen in der Woche trainieren und keiner wird Glauben, dass Fahrer wie van Garderen oder Mollema oder all die anderen faul sind. Aber ohne Doping hat man einfach auch mal schlechte Tage und drückt vor allen Dingen drei Tage hintereinander keine 430 Watt am Berg nach 100 Anfahrt. Und alle die jetzt sagen es wurde bei Kontrollen nichts gefunden, denen sei an Armstrong erinnert. Da gibt es bis Heute keine verifizierte Probe und der hat nun wirklich alles geschluckt, was am Markt war. Wenn der nicht gestanden hätte, gäbe es immer noch den 7- fachen Lance. Also, nicht erwischt zu werden beweist leider gar nichts. Den Wert dieses Sieges werden wir wohl wieder einmal in ein paar Jahren erkennen.
3. hellhörig??-ein artikel ohne dopingmutmaßungen geht nicht, oder?
samba2000 28.07.2014
warum wird man bei vinokurov hellhörig und bei guardiola nicht? warum wird man bei müller wohlfahrt und seinen bisher dopinggetesteten patienten nicht hellhörig? warum nicht bei franz beckenbauers aussage, dass man 74 vitamine bekommen hat aber nicht genau weiss, was es war??
4. Man könnte ja
phaenologos 28.07.2014
auch einmal nüchtern analysieren, was Nibali von den anderen Fahrern unterscheidet. Aber plumpe Diffamierung ist ja doch viel einfacher. Und noch dazu, wenn er für ein Team fährt, dessen Herkunft aus einem Staat ist, der mit Russland befreundet ist. Ansonsten würde man nämlich darauf hinweisen, dass seine wirklichen Gefährder lang vor dem Ende der Tour ausgeschieden sind. Man könnte seine überragenden Fähigkeiten bei der Radbeherrschung anführen, die nur von wenigen so erreicht werden, weswegen er eben keine Stürze erleiden musste (konnte man schon beim letzten Giro sehen). Vielleicht könnte man, wenn man über Doping spricht, durchaus einmal erwähnen, dass dieser Mann während der Tour öfter Dopingkontrollen unterzogen wurde, als alle Fußballer in Brasilien zusammen.
5. Mega geil!
peppel3696 28.07.2014
Es ist sehr sehr schade das die tour nicht mehr so populär ist in Deutschland... :( Es waren spannende und packende Etappen dabei und die Übertragung bei eurosport war sehr gut und auch informativ. Es war eine tolle tour, ich kann allen nur raten nächstes jahr einzuschalten. Die tour ist spannender packender und interessanter als die formel 1, die dtm und motor gp zusammen! :)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Die Sieger der Tour de France
Jahr Sieger Land
2015 Chris Froome Großbritannien
2014 Vincenzo Nibali Italien
2013 Chris Froome Großbritannien
2012 Bradley Wiggins Großbritannien
2011 Cadel Evans Australien
2010 Andy Schleck Luxemburg
2009 Alberto Contador Spanien
2008 Carlos Sastre Spanien
2007 Alberto Contador Spanien
2006 Óscar Pereiro Spanien
2005 Lance Armstrong* USA
2004 Lance Armstrong* USA
2003 Lance Armstrong* USA
2002 Lance Armstrong* USA
2001 Lance Armstrong* USA
2000 Lance Armstrong * USA
*Aberkannt
Rekordsieger der Tour de France
Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: