Volvo Ocean Race: Ein bisschen Wahnsinn schadet nicht

Von Frank Neumann

Das Volvo Ocean Race ist die härteste Prüfung für Hochsee-Segler. Wer hier teilnimmt, fährt einmal um die Welt, lebt von gefriergetrocknetem Essen und fürchtet Kollisionen mit Eisbergen und Walen. Tony Kolb ist einziger deutscher Starter.

Warum das Volvo Ocean Race dieses Jahr in Vigo und nicht wie üblich in Southampton gestartet wird, weiß auch Tony Kolb nicht so genau. Ist ihm aber egal. Wesentlich hübscher als die britische Hafenmetropole ist die spanische Küstenstadt rund 200 Kilometer nördlich von Portugal jedenfalls nicht. Aber ein Vorteil sei hier in Galizien eindeutig das Essen, sagt Kolb - und schaufelt sich schnell noch einen Haufen Tapas auf den Teller. "In den nächsten Wochen krieg' ich ja nur noch Gefriergetrocknetes", murmelt er und verzieht das Gesicht.

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Volvo Ocean Race: Hart am Wind und ohne sicheren Boden

Dass der gebürtige Münchner demnächst auf Gambas und Rotwein verzichten muss, gehört freilich noch zu den erträglichen Begleiterscheinungen beim laut Eigenwerbung "härtesten Segelrennen der Welt". Es ist Kolbs zweite Weltumrundung unter Wettkampfbedingungen. Sein erstes Volvo Ocean Race hat er 2002 an Bord der deutschen "illbruck" gewonnen, diesmal ist er Vorschiffsmann beim schwedischen Ericsson Racing Team und wieder der einzige Deutsche unter siebzig Profiseglern der sieben Mannschaften. Der 29 Jahre alte Kolb weiß genau, worauf er sich da eingelassen hat. "Das ist, als ob du mit einem Formel-1-Auto von Frankfurt bis nach München fährst." Aber über eine holprige Landstraße mit Schlaglöchern.

31.250 Seemeilen über neun Etappen liegen vor den sieben Crews, wenn heute in Vigo der Startschuss fällt. Der Zielhafen ist Göteborg, wo die Boote Mitte Juni erwartet werden. Mit 6500 Seemeilen ist der erste, rund dreiwöchige Nonstop-Trip bis nach Kapstadt gleich einer der längsten, aber im Grunde nur das Warm-up für den berüchtigsten Streckenabschnitt. Wenn sich die Gespräche um den "Southern Ocean" drehen, weiß man auch bei den hartgesottensten Profiseglern nie so genau, ob der Glanz in ihren Augen Furcht oder Faszination verrät. Vermutlich beides.

Die Südkurve des Regattakurses vom Kap der Guten Hoffnung bis Kap Hoorn, mit Zwischenstopps in Australien und Neuseeland, ist der Härtetest für Boote und Mannschaften. Dieser Abschnitt hat den Ruf der früher als Whitbread-Race bekannten Hatz über die Weltmeere begründet. Angetrieben von den Naturgewalten des Südpolarmeeres erreichen die High-Tech-Yachten Spitzengeschwindigkeiten von 35 Knoten (65 Kilometer pro Stunde), wenn sie eine größere Welle hinuntersurfen auch wesentlich mehr. Eisberge sind dort keine Seltenheit, Wale ebenfalls. Die oft knapp unter der Meeresoberfläche treibenden Meeressäuger fürchten die Segler fast noch mehr, weil man sie vom Boot aus kaum sieht. Beim vorletzten Rennen ist der Hälfte der Yachten die für beide Seiten unangenehme Kollision nicht erspart geblieben.

Männer-WG im Schichtbetrieb

Überhaupt ist die Tortur rund um den Globus Knochenarbeit. Jeder Segelwechsel ist eine Plackerei, bei einer Wende muss die Crew rund eineinhalb Tonnen Proviant und Material von einer auf die andere Bootsseite wuchten, und wenn es sein muss klettert Kolb auch bei Wind und Wetter in den 30 Meter hohen Mast. Komfort bieten die teuren, auf Rekordkurse ausgelegten Boote wenig, um nicht zu sagen: keinen. Geschlafen wird selten länger als vier Stunden am Stück, denn die Männer-WG arbeitet im Schichtbetrieb.

Die neuen, sogenannten "VOR70"-Yachten aus Kohlefaser sind mit 21,5 Metern rund drei Meter länger als ihre Vorgänger, verfügen über fast 60 Prozent mehr Segelfläche und sind mit Schwenkkielen ausgestattet. Dadurch sind sie schneller als ihre Vorgänger. Man schätzt, dass die Boote zwanzig Tage früher am Ziel sein werden als beim Rennen zuvor, das 2002 in Kiel zu Ende ging.

Schon bei Testfahrten im April stellte das vom spanischen Telekommunikationskonzern Movistar gesponserte Boot mit 530 Seemeilen in 24 Stunden einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Einrumpfboote auf. Doch trotz moderner Technik sind die Yachten auch schwerer zu segeln. Aus Kostengründen wurde die Crew von zwölf auf zehn Mann reduziert. "Optimal wäre eine Besatzung mit 14 Mann", sagt Kolb. "Die größeren Boote mit weniger Crew am Limit zu segeln ist ein echtes Problem."

Das Volvo Ocean Race ist nichts für gewöhnliche Segler. "Man muss nicht wahnsinnig sein, aber es hilft", hat der schwedische Profi Roger Nilson einmal gesagt. Der Wahl-Bremer Kolb, Vater von zwei Kindern, sieht das gelassen. "Wenn ich Angst hätte, wäre ich hier fehl am Platz." Zwar gibt es Situationen, "die ich nicht nochmal erleben muss", wie 2002 in der Nähe von Sydney, als ein Tornado nur 50 Meter am Boot vorbei zog.

Aber insgesamt bekennt sich Kolb zur seiner Sucht nach dem Hochseesegeln. Deshalb ist es ihm nicht schwer gefallen, sich von seinem eigentlichen Arbeitgeber, dem amerikanischen America's-Cup-Team BMW Oracle Racing, für neun Monate an die Schweden ausleihen zu lassen. Auch wenn es bei den Vorregatten des America's Cups, der 2007 vor Valencia ausgetragen wird, ungleich gemütlicher zugegangen wäre.

Tiefstand bei bei der Beteiligung

Als Wanderer zwischen den Segel-Welten ist Kolb eine Ausnahme. Zwar haben viele Ocean-Race-Veteranen auch America's-Cup-Erfahrung und umgekehrt, aber an beiden Wettbewerben auf einmal teilzunehmen, schafft kaum noch einer. Seit der America's Cup mit seinen unzähligen Vorregatten auf ein vierjähriges Medienspektakel ausgedehnt wurde, müssen sich die Segler entscheiden. Und die Organisatoren des Volvo Ocean Race bekommen die Konkurrenz zu spüren.

Das meiste Geld fließt derzeit in den Cup, da bleiben nicht mehr viele Sponsoren übrig, die bereit sind, 15 bis 25 Millionen Euro in eine Kampagne zu investieren. Mit nur sieben Booten aus sechs Nationen ist der Tiefststand an Teilnehmern erreicht. Daran haben auch die Bemühungen nichts geändert, das Rennen durch sogenannte Hafenregatten in den Etappen-Orten noch medienwirksamer zu gestalten.

Kolb kümmert es wenig. Als einfaches Crewmitglied sieht er von den Millioneninvestitionen und den Spitzengehältern der Skipper ohnehin wenig. Sehr viel mehr als in seinem Job als Bootsbauer verdient er nicht. Seine Entschädigung ist monatelanges Segeln am Limit. "Wenn der Wind mit 40 Knoten bläst, der Spinnaker oben ist und die Wellen unter einem durchrauschen, dann ist das Adrenalin da. Das ist einfach unglaublich."

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