Volvo Ocean Race: Segeln im Namen der Marketingabteilung

Von Frank Neumann, Göteborg

Acht Monate waren sie unterwegs, heute segelten die Boote des Volvo Ocean Race am Zielhafen in Göteborg ein. Der wirtschaftliche Wert der Regatta über die Weltmeere hat in diesem Jahr einen neuen Höhepunkt erreicht - der sportliche ist allerdings umstritten.

Göteborg - Das war ganz schön bitter. Aber auch ganz schön spannend. Nur wenige Kilometer vor dem Ziel, nach 500 Seemeilen und drei Tagen auf See, hat die amerikanische Yacht "Pirates of the Carribean" die lange Zeit führende holländische Crew der "ABN Amro Two" bei leichten Winden überholt. Ein Schreckenszenario für die Segler, aber ein packendes Finish für die Zuschauer. Das Schwesterschiff der Holländer, die "ABN Amro One", kommt als letztes ins Ziel. Was die Crew von Skipper Mike Sanderson wenig stören dürfte. Den Gesamtsieg des Volvo Ocean Race haben sie sich schon lange vor der letzten Etappe gesichert.

So mögen das die Manager des Volvo Ocean Race. Besser hätten sie das Finish der weltumspannenden Hochseeregatta über 32.000 Seemeilen nicht planen können. Dazu sonniges Juniwetter, hunderttausende segelbegeisterte Fans im größten Hafen Skandinaviens und hunderte von Booten, die die Yachten auf den letzten Kilometern begleiten. Nach acht Monaten und neun Etappen über die Weltmeere von Spanien nach Kapstadt, über Australien und Neuseeland, nach Rio de Janeiro, über die Vereinigten Staaten nach Portsmouth, Rotterdam und schließlich Göteborg geht das Volvo Ocean Race mit einer bunten, fröhlichen Feier zu Ende.

Doch so fröhlich ging es nicht immer zu bei der neunten Auflage des Volvo Ocean Race. Die mit Macho-Marketing als eines der letzten und härtesten Abenteuer der Welt angepriesene Hochseeregatta hatte über weite Strecken unter einer erschreckenden Serie von Pleiten, Pech und Pannen gelitten. Mit Ausnahme der holländischen Yacht "ABN Amro One" waren die anderen Boote nur schwer in die Gänge gekommen. Bei etlichen Etappen waren nicht einmal alle der ohnehin nur sieben teilnehmenden Boote gleichzeitig im Wasser. Die Zahl der Ausfälle ist beispiellos in der 33-jährigen Geschichte des Segelrennens, so daß sich mitunter die Frage nach dem sportlichen Wert stellte.

Für den einzigen Deutschen Teilnehmer war schon nach der ersten Etappe Schluss. Tony Kolb verabschiedete sich in Kapstadt vom "Ericsson Racing Team". Dem gestandenen Weltumsegler aus München, der vier Jahre zuvor bei der siegreichen deutschen Kampagne "Illbruck" als Profi angeheuert hatte, war das Segeln mit den völlig neu entwickelten Karbonboliden einfach zu risikovoll. "Irgendwie wurde mir die Sache zu riskant. Michael Schumacher fährt schließlich auch nicht mit kaputten Bremsen", schrieb Kolb in einer Kolumne für das "SZ-Magazin".

Denn vor allem die revolutionären Schwenkkiele machten den Seglern das Leben schwer. Damit erreichten sie zwar neue Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 40 Knoten (etwa 74 Kilometer pro Stunde), aber allzu oft hielt die Technik den Naturgewalten nicht stand. Die Crew der spanischen Yacht "Movistar", die schon vor Kap Hoorn fast gesunken wäre, mußte schließlich einige Wochen später ihr Boot wegen Wassereinbruchs an der Kielaufhängung aufgeben. Nun ist sie nur noch ein Haufen teurer Kohlefaser auf dem Grund des Atlantiks. Tragischer Tiefpunkt des Meeres-Marathons war der Tod des holländischen Seglers Hans Horrevoets, der rund 1300 Seemeilen westlich von Großbritannien von Bord gespült wurde und nur noch tot geborgen werden konnte.

Und dennoch: Die Geldmaschine auf hoher See segelt unverdrossen weiter. Alles toll, alles bestens, alles prima, verkünden die Manager mit Eurozeichen in den Augen. Das nächste Rennen soll schon 2008/2009 stattfinden und von da an alle drei statt bisher alle vier Jahre. "Unsere Sponsoren brauchen mehr Kontinuität", sagt Glenn Bourke, Chef des Volvo Ocean Race.

Der Grund für die Euphorie der Sponsoren ist vor allem die gute Medienreichweite. Mehr als zwei Milliarden Fernsehzuschauer, 25.000 Presseartikel und Millionen Zuhörer im selbstproduzierten Internet-Radio auf www.volvooceanrace.org haben die Veranstalter zusammengerechnet. "Das übertrifft unsere Erwartungen bei weitem", sagt Bert Nordberg, Vizepräsident von Ericsson, das ein eigenes Segelteam ins Rennen geschickt hat. Zumal die Investition für die Konzerne fast zum Schnäppchenpreis zu haben war. Geschätzte 15 bis 25 Millionen Euro muß jeder Sponsor in ein Boot investieren. "Das ist sehr, sehr günstiges Sponsoring", sagt Nordberg.

Und eines, das hohe Erwartungen weckt. Wenn das Ozeanspektakel in zweieinhalb Jahren in die zehnte Runde geht, setzen die Sponsoren Kurs auf neue Märkte. "Wir denken an neue Etappenhäfen im Nahen Osten, auf dem indischen Subkontinent, in Asien, Japan und an der amerikanischen Westküste", sagte Ocean Race-Manager Bourke. Als vor 33 Jahren die erste weltumspannende Hochseeregatta unter dem Namen Whitbread Race von England aus gestartet wurde, hatten die Segler noch Gitarren und Rotwein dabei. Heute sind sie nur noch im Namen der Marketingabteilungen unterwegs.

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