Volvo Ocean Race Wenn das Denken nur stört

Wer beim Volvo Ocean Race antritt, sucht keine Segelromantik. Dafür lernt man, wie kostbar Schlaf sein kann, was Einsamkeit bedeutet und wie es sich anfühlt, zwei Wochen lang in nassen Kleidern zu arbeiten. Trotzdem reden manche vom besten Job der Welt.

Von Frank Neumann, Kapstadt


Als die Pioniere des Whitbread-Race Anfang der siebziger Jahre zu den ersten weltumspannenden Segelregatten in See stachen, hatten sie neben einer gehörigen Portion Abenteuergeist auch die ein oder andere Flasche Rotwein mit dabei; manche, der Legende nach, sogar einen Koch. Für die Profisegler auf den sieben Yachten des heute nach seinem Hauptsponsor benannten Volvo Ocean Race, die an diesem zweiten Januar die zweite Etappe von Kapstadt bis nach Melbourne in Angriff nehmen, sind das Anekdoten aus einer anderen Welt.

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Volvo Ocean Race: In Schräglage und mit Panoramablick

Auf ihren Superyachten, die 14 Tonnen wiegen, aber kaum ein Gramm zu viel haben, kommen die Getränke aus der Entsalzungsanlage, und das Essen ist gefriergetrocknet. Gewaltige Boote sind das, aus Kohlefaser, Kevlar und vielen anderen kaum gehörten Kunstfasern, mit einem Rumpf, der flach ist wie ein Surfbrett, voll gestopft mit Elektronik, versehen mit kraftvollen Hydraulikpressen. Sie sind geschaffen worden, um die haushohen Wellenberge, die sich im Südpolarmeer türmen, mit Höchstgeschwindigkeit zu überwinden. Zum entspannt-romantischen Seglerleben aber taugen sie nicht.

"Das Leben an Bord ist einfach unbeschreiblich", sagt Neal McDonald, "im positiven und im negativen Sinn." Der Skipper des schwedischen Ericsson Racing Teams tritt in diesen Tagen seinen vierten Trip in den Southern Ocean an. Doch auch für den 42 Jahre alten Segelveteranen aus England ist das 6100 Seemeilen Teilstück wegen der Bedingungen immer noch die Königsetappe des Volvo Ocean Race.

"Die eisigen Temperaturen, die brutalen Windverhältnisse und die Gefahren durch Eisberge sind nur die offensichtlichen Dinge, die das Leben dort unten so unangenehm machen", sagt McDonald. "Ein weiterer Punkt ist die Einsamkeit. An manchen Stellen bist du 2000 Seemeilen vom Land entfernt." Die Bauweise der Boote trägt erheblich dazu bei, den Seglern das Leben so anstrengend wie möglich zu machen. Sie sind so konstruiert, dass die Wellen über sie hinwegrollen können. Außer einem kleinen Decksaufbau steht dem Wasser nichts im Weg.

Der Hamburger Profisegler Tim Kröger hat so einen Moment in seinem Buch vom Whitbread-Race 1997/98 drastisch beschrieben. "Beim Runtersurfen von diesen Monsterwellen bohrt sich der Bug oft ins Wellental. Eine Wasserwand von eineinhalb Metern reißt einen fast mit. Danach sitzt man hüfthoch im Eiswasser, bis es wieder abgelaufen ist. Es sind Bedingungen, unter denen manch sich manchmal sogar das Denken abgewöhnt. Denn Denken kann auch Bedenken beinhalten. Die aber wären hier fehl am Platz."

"Kälte und Nässe gehen Hand in Hand"

Solche Erfahrungen hat auch McDonald schon reichlich gemacht. "Kälte und Nässe gehen hier Hand in Hand. Es gibt zwar sehr gute, hoch moderne Segelkleidung. Aber wenn du einmal nass bist, bleibst du es für die ganzen zwei Wochen. Ersatzkleidung haben wir nicht mit."

Dann hilft nur noch die Flucht in den wärmenden Schlafsack unter Deck. Falls der nicht auch schon klamm und feucht ist. Und falls man überhaupt zum Schlafen kommt. Sechs oder sieben Stunden am Tag sind das Maximum, und die hat man selten am Stück. "Kaum bist du in der Koje", erzählt McDonald, "musst du garantiert pinkeln. An- und ausziehen dauert eine Viertelstunde. Dann kommt eine Wende, du musst auf die andere Seite wechseln und dabei eine Tonne Material mit rüberschleppen. Und wenn du endlich die Augen zugemacht hast, steht schon wieder die nächste Schicht an."

Also hoch an Deck; steuern, Wache halten, Segel bergen, Segel setzen. Bei Geschwindigkeiten bis mehr als 70 Kilometer pro Stunde ist das eine Knochenarbeit. Dass die neuen Boote größer sind als ihre Vorgänger, steigert den Komfort an Bord auch nicht. Dadurch sind sie nur schwerer zu beheizen. "Wenn die Wassertemperatur ein Grad Celsius beträgt, haben wir im Boot maximal fünf bis sechs Grad."

Unter diesen Bedingungen wird jede Kleinigkeit zum Kraftakt. Essen ist lebensnotwendig, aber kein Vergnügen. "Ich kenne niemanden, der so schnell essen kann wie ein Hochseesegler", sagt McDonald. Denn das kostet nur Zeit, die man mit schlafen verbringen könnte. Nahezu 6000 Kalorien nehmen die Segler täglich zu sich, und verlieren trotzdem Gewicht. Sechs bis sieben Kilogramm pro Etappe. "Mein unbedingter Rat ist", sagt McDonald, "steche niemals als dünner Mensch in See."

Essen wird zum Kraftakt

Kein Tag ist wie der andere, nur der ohrenbetäubende Lärm ist immer gleich. Das Ächzen der Winschen und Wanten, die donnernden Schläge, wenn das Boot eine Welle durchbricht, das Brüllen des Windes erzeugen eine Geräuschkulisse, die eine Kommunikation fast unmöglich macht. Einige Crews behelfen sich mit Headseats und Funkgeräten, um sich verständlich zu machen.

Trotzdem muss die Crew immer hellwach sein. Nachlässigkeiten können den Sieg kosten und im schlimmsten Fall das Leben. "Der Druck, ständig neue Entscheidungen treffen zu müssen, ist enorm", sagt McDonald. "Denn du weißt erst später, ob es die richtige Entscheidung war oder nicht. Und das geschieht im Zehn-Minuten-Takt."

Achtern, im hinteren Teil des Bootes, ist die Kommandozentrale. Im Inneren ist es pechschwarz, weil ein Anstrich des Kohlefaserrumpfes zuviel Gewicht bringen würde. Hier ist der Arbeitsplatz von Navigator Steven Hayles, der, eingezwängt vor seinen Computermonitoren, aktuelle Wetterdaten und Eisbergberichte per Satellit empfängt und daraus den besten Kurs errechnet.

Volvo Ocean Race: Von Vigo nach Göteborg
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Direkt hinter ihm ist das Medien-Center, von dort versendet die Crew Videofilme, Fotos und Berichte von Bord. Alle Teams sind verpflichtet, fünzig Minuten Videofilm pro Etappe aufzubereiten und per Satellit an die Rennzentrale in Southampton zu senden. "Aber eine Minute Video zu schneiden dauert eine ganze Stunde"", erzählt Crewmitglied Richard Mason. "Es ist eine Höllenarbeit."

Claus Reissig, Redakteur des Segel-Journals, der auf einem der neuen Volvo-Open-70-Boote mitgefahren ist, hat sein eigenes, leicht augenzwinkerndes Resümee gezogen: "Ich frage mich", schreibt er, "warum in aller Welt hier Fotografierverbot herrscht; offiziell wegen Spionage, aber wahrscheinlich dürfen diese unmenschlichen Lebensbedingungen schlicht nicht gezeigt werden."

Die Profis sehen das anders. "Manchmal glaube ich", sagt McDonald, "dass das hier der beste Job der Welt ist. Natürlich ist es auch unglaublich anstrengend und frustrierend. A-ber dann gibt es wieder nichts Schöneres als über den Southern Ocean zu donnern. Es ist eben mehr als ein Beruf. Es ist eine Lebenseinstellung."



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