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Von Bari zum Nordkap: So weit die Füße tragen

Von Markus Tischler

Dauerlauf für Hartgesottene: Am Sonntag gehen 67 Männer und Frauen im italienischen Bari an den Start des 2. TransEurope FootRace. In rund zwei Monaten wollen sie 4485 Kilometer zurücklegen. Ziel ist das Nordkap. Zu den Favoriten auf den Sieg zählt ein Deutscher.

Kurz, bevor es losgeht, hat Ingo Schulze noch eine letzte Mail verschickt. Bestimmt vor allem für jene, die unter der Woche nach Bari gereist sind und sich von dem Ort an der Südspitze Italiens aus am Sonntag auf einen kräftezehrenden Trip Richtung Norden begeben. Aufstehen um vier Uhr morgens, Frühstück um fünf Uhr, Start zwischen sechs und sieben Uhr, jeden Tage übernachten in einer anderen Sporthalle oder auf einem anderen Campingplatz, kein Fernsehen, kein gemeinsames Abendessen mit der Familie, stattdessen stehen Nudeln, Reis oder Kartoffeln auf dem Speiseplan - mit der Konkurrenz. Und vor jeder dieser Informationen hat Schulze eine Zahl gesetzt.

Die Zahl 64.

64 Tage gleich 64 Etappen gleich 4485 Kilometer. Das sind die Eckdaten des zweiten Transeuropalaufes. Das kürzeste Teilstück beträgt 44 Kilometer, das längste 94 Kilometer. Wer mitmachen will, musste 6000 Euro Startgebühren an das Organisatoren-Team um Schulze überweisen. 67 Männer und Frauen aus zwölf Nationen haben dies getan. Man kann sich für diese Summe auch ein Flugticket kaufen, für zwei Monate dem Alltag entfliehen und einmal rund um die Welt reisen - diese 67 zahlen, um sich unter Aufsicht quälen zu dürfen. Sie werden laufen für einen Händedruck, wenn sie es bis zum Nordkap geschafft haben. Sie werden laufen gegen den inneren Schweinehund, die Konkurrenz, die Uhr. Im Durchschnitt zehn Minuten pro Kilometer lautet die Zeitvorgabe.

"Ich hoffe, dass 50 Prozent oder auch ein paar mehr das Ziel erreichen", hat Schulze in besagter Mail auch noch geschrieben, und ergänzt: "Man muss nicht nur trainieren, sondern sich damit geistig auseinandersetzen. Die meisten geben nach drei bis vier Wochen auf." Schulze sagt das nicht einfach so. Er hat einmal ein 24-Stunden-Schwimmen in einem 25-Meter-Becken absolviert und ist auch schon sechs Tage lang auf einer 400-Meter-Rundbahn im Kreis gelaufen. Der Mann weiß also, wie man die eigene Psyche foltert. Dass es eben nicht nur darauf ankommt, wie weit einen die Füße tragen, sondern auch der Kopf, wenn irgendwann jeder Schritt von dem Gedanken beherrscht wird: "Warum mache ich das?"

Rennen in den USA und Australien als Vorbild

Nun schickt der 61-Jährige andere los. Wieder einmal. Denn für Schulze ist das Organisieren von Mehrtagesläufen zur Passion geworden. In Anlehnung an Kontinentalläufe wie dem "TransAmerica FootRace" oder dem "TransAustralia FootRace" schuf er 2003 das erste "TransEurope Footrace". In 64 Tagen mussten die Teilnehmer damals die Strecke von Lissabon nach Moskau bewältigen - und damit rund 500 Kilometer mehr als nun auf dem Weg von Bari zum Nordkap. Es sollte eine einmalige Sache sein, dieses "TransEurope FootRace" hatte Schulze nach der Premiere erklärt, zu viel Kritik musste er sich von den Läufern damals anhören. "Es wurde geschimpft und geflucht und sogar beleidigt", sagt Schulze.

Im März 2006 aber begann er, einen zweiten Lauf zu planen.

Dabei ist auch Robert Wimmer. Besser gesagt: trotzdem wieder dabei. Der Sieger der ersten Auflage gehörte zu den größten Kritikern Schulzes. Er bemängelte die Getränkeversorgung und die Verpflegung, "weil ich damals seit zwei Jahren Vegetarier war - und dann gab es am ersten Tag gleich die Überraschung, denn ich musste lernen, Gulasch zu essen". Dass es auch dieses Mal Probleme geben werde mit Essen und Trinken, hat Schulze bereits deutlich gemacht, denn die ausgearbeitete Route führt oft durch einsame Gegenden, Einkehrmöglichkeiten sind da rar. Doch Wimmer, der von sich sagt, er sei ein Perfektionist, nimmt das in Kauf - für die Chance, "als erster Mensch zwei Transkontinentalläufe zu gewinnen".

Angst vor Magen-Darm-Problemen oder Zahnschmerzen

Es geht also nicht nur um das Ankommen bei dieser Distanz. Es geht auch um den Sieg, das Gefühl, der Beste zu sein. Jedenfalls für Wimmer, mittlerweile 43 Jahre alt und nach eigener Auffassung bestens vorbereitet auf den Lauf. "Ich habe einen Job und eine Familie und bin dennoch 40 Kilometer im Schnitt pro Tag gelaufen." Jetzt werden es eben 70, aber er müsse halt nur laufen. Nichts anderes. "Das ist wie zwei Monate Urlaub mit tollen Leuten. Natürlich gibt es Höhen und Tiefen", sagt er, "aber die Distanz schockt mich nicht. Ich habe eher Angst vor Magen-Darm-Problemen oder Zahnschmerzen."

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