Vuelta-Sieger Simon Yates Krönung statt Kollaps

Beim Giro verspielte er den sicheren Gesamtsieg auf den letzten Etappen. Nun hat Simon Yates mit Verspätung seine erste große Tour gewonnen. Die britische Dominanz setzt sich damit fort - und wirft Fragen auf.

DPA

Von Eike Hagen Hoppmann


Kurz kam bei der letzten, entscheidenden Hochgebirgsetappe am Samstag noch einmal die Frage auf: Verspielt es Simon Yates wieder? Die Mannschaft Astana seines Konkurrenten Miguel Ángel López versuchte mit allen Mitteln, das Gesamtklassement noch einmal durcheinanderzuwirbeln, attackierte wiederholt und schaffte es auch mehrfach, Yates zu distanzieren.

Man konnte sich kurzzeitig Sorgen machen. Schließlich hatte Yates beim Giro d'Italia im Mai einen sicher geglaubten Gesamtsieg in den letzten drei Tagen nach einem spektakulären Einbruch noch verspielt. Auch er selbst war deshalb bis zuletzt skeptisch. "Ich habe wirklich nicht daran geglaubt, dass ich das durchziehen kann. Ich war am Anfang der Etappe sehr nervös", sagte Yates.

Aber dieses Mal kam es nicht zum Kollaps. Yates fuhr die Lücken zu López sogar selbst zu. Als der Kolumbianer zusammen mit dem Spanier Enric Mas noch ein weiteres Mal attackierte, ließ Yates sie nicht mehr als 20 Sekunden davonziehen. Mit 1:46 Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten Mas und 2:04 Minuten auf López auf Platz drei, gewann Yates die Rundfahrt letztendlich dann doch relativ souverän. "Es ist ein unglaublicher Tag", sagte der Brite, nachdem er über die Ziellinie gerollt war.

Simon Yates (rotes Trikot)
LUIS ANGEL GOMEZ-PHOTOGOMEZSPOR/POOL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Simon Yates (rotes Trikot)

Yates, knapp über 1,70 Meter groß, keine 60 Kilo schwer, hat damit die erste sogenannte Grand Tour seiner Karriere gewonnen. Es ist der größte Erfolg seiner Laufbahn. Bislang war der siebte Platz bei der Tour de France 2017 sein bestes Ergebnis bei einer der großen Landesrundfahrten. Yates hat seine größte Schwäche, das Zeitfahren, in den Griff bekommen und ist kontrollierter gefahren, als man das von ihm gewohnt war.

Von der Bahn auf die Straße

Dass aus Yates einmal ein guter Fahrer werden würde, hatte sich schon früh abgezeichnet. In der Nähe von Manchester geboren, wurde er dort an der Kaderschmiede "British Cycling Academy" ausgebildet. Die ersten Erfolge feierte er auf der Bahn: 2013 wurde Yates überraschend Punkteweltmeister. Zum Karriereknick hätte das Jahr 2016 werden können, als Yates nach einem positiven Test auf das Asthmamittel Terbutalin für vier Monate gesperrt wurde. Der Dopingfall wurde schließlich als "unabsichtlich" eingestuft, Yates kehrte nach der Sperre zurück. Auch der Einbruch beim Giro scheint ihn nicht nachhaltig getroffen zu haben. Keine vier Monate später steht er auf dem Podium ganz oben.

Simon Yates feiert den Vuelta-Sieg
AP

Simon Yates feiert den Vuelta-Sieg

Damit haben zum ersten Mal in der Radsportgeschichte drei verschiedene Fahrer aus demselben Land innerhalb eines Jahres die drei großen Rundfahrten gewonnen. Chris Froome gewann im Frühjahr nach einer erstaunlichen sportlichen Auferstehung in der dritten Woche den Giro d'Italia, Teamkollege Geraint Thomas im Sommer die Tour de France - und Yates nun die Vuelta. Zählt man noch Froomes Siege bei der Tour und der Vuelta 2017 dazu, wurden die vergangenen fünf Grand Tours allesamt von britischen Fahrern gewonnen. Eine beeindruckende Dominanz, die gleichzeitig stutzig macht.

Erst 2012 gewann mit Bradley Wiggins bei der Tour de France zum ersten Mal überhaupt ein Brite eine Grand Tour. Es ist nicht so, dass Großbritannien keine Radsportnation wäre. Große Erfolge feierte das Land allerdings auf der Bahn und nicht auf der Straße. Das änderte sich erst, als sich vor acht Jahren das Team Sky gründete und die Kräfteverhältnisse im Radsport umkrempelte. Beinahe wäre auch Simon Yates dort gelandet. Sky soll an ihm interessiert gewesen sein - allerdings nicht an Bruder Adam. Also gingen die Zwillinge gemeinsam zum australischen Rennstall Mitchelton-Scott. Bei der Vuelta war Adam wichtigster Helfer seines Bruders und damit Teil seines Erfolgs.

Sky und der zweifelhafte britische Erfolg

Sky wollte mit sauberem Radsport (und viel Geld) erfolgreich sein. Inzwischen ist vom Saubermann-Image nicht mehr viel übrig: Eine dubiose Medikamentenlieferung an Wiggins und Froomes positive Probe haben dem Team einen zweifelhaften Ruf eingebracht und werfen einen Schatten auf die britischen Siege.

Der Erfolg von Yates zeigt aber auch, dass eben nicht nur Sky erfolgreich ist. Für die Konkurrenz ist das ein schlechtes Zeichen, die Dominanz könnte also weitergehen. Froome und Thomas sind zwar beide schon jenseits der 30, haben aber noch ein paar Jahre vor sich. Bei Sky gibt es auch schon wieder gute junge (britische) Fahrer, die in ein paar Jahren diese Lücke schließen könnten: zum Beispiel der erst 23 Jahre alte Tao Geoghegan Hart.

Und dann sind da nach wie vor die beiden Yates-Zwillinge. Simon und Adam sind trotz ihrer Erfahrung noch sehr jung, gerade mal 26 Jahre alt. Ihr bestes Radsportalter haben sie noch vor sich, weitere Rundfahrtsiege könnten folgen. Simon Yates weiß jetzt, dass er es ohne Einbruch schaffen kann. Folgt also im nächsten Jahr der Angriff bei der Tour de France? Oder geht es noch mal zum Giro? "Ich habe über meine nächsten Pläne noch nicht viel nachgedacht", sagte Yates. Dann verriet er aber doch einen möglichen Plan: "Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich noch einmal zum Giro zurückkehren muss. Ich habe da noch eine unerledigte Aufgabe."

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rememberhistory 17.09.2018
1. Well done the hole team!
Wer die Geschichte des Rennstalles verfolgt wird erkenne, dass aus einer kleinen Fun Crew ein erstklassiges Team wurde. Viel Spaß, junge talentierte Fahrer und in den letzten beiden Jahren kontinuierliche Arbeit! Und außerdem ein Team das absolut sympathisch rüberkommt. Congratulations the hole Team! Und nicht zu vergessen, die Mädels aus diesem Team Giro rosa winner, TT Winnerin van Vleuten usw. !! let's go Girls and Boys from greenedge cycling!
Hang.on 17.09.2018
2. Beruhigend
...ist, dass zumindest bei der Tour die gefahrenen Zeiten bzw. Wattzahlen in den letzten Jahren stetig gesunken sind. Dies dürfte ein Erfolg der harten Dopingkontrollen im Radsport sein. Wenn eine Nation aber derart dominant ist, machen sie entweder eine gute Nachwuchsarbeit oder helfen nach...im Radsport wird mittlerweile aber garantiert weniger gedopt als im Fußball, da dürfte flächendeckend nachgeholfen werden...
extra330sc 17.09.2018
3. Wer überhaupt irgendetwas verfolgt
dürfte wissen, dass das Team Mitchelton-Scott heißt...aber wer als selbstgekrönter Denglischkönig dem "Loch"-Team gratuliert....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.