Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Doping in der Leichtathletik: Das große Ausmisten

Von

Doping in Russland: Mit System Fotos
REUTERS

Der Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur zeigt das Ausmaß von Korruption im russischen Sport. Auch wenn sich der zuständige Minister des Landes gegen die Vorwürfe wehrt und den Chefermittler angreift - die Ermittlungen könnten ein wichtiges Zeichen sein.

Eine Mistgabel hatte Richard Pound nicht zur Hand, deshalb musste sein goldener Füllfederhalter herhalten. Während der Kanadier am Montag die Ergebnisse seiner Kommission vorstellte, rührte er mit dem Stift die Luft im Genfer Konferenzsaal um wie in den Monaten zuvor die ungezählten Indizien und Beweise. Pound, 73 Jahre alt, war mal Spitzenschwimmer, dann Mitglied im kanadischen Olympia-Komitee, 2001 unterlag er Jacques Rogge bei der Wahl zum IOC-Präsidenten.

Vor allem aber jagt Pound Dopingbetrüger. Bis 2007 war er Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), aktiv ist Pound immer noch. Zuletzt hatte er vor allem eine Aufgabe: den Doping-Praktiken im russischen Sport nachzugehen. Pound machte sich ans große Ausmisten, "Operation Augias" hießen die Wada-Ermittlungen passenderweise, benannt nach den Augiasställen, die Herakles als eine seiner zwölf Aufgaben ausmisten sollte. Tausende Kühe waren dort untergebracht, 30 Jahre waren die Ställe nicht mehr gereinigt worden, einen Tag nur hatte Herakles Zeit.

Pound und seine Helfer, sein kanadischer Landsmann und Jura-Professor Richard McLaren und der Deutsche Günter Younger, Leiter des Dezernats 54 im Landeskriminalamt München, hatten knapp ein Jahr.

Auch wenn sich die Kommission nur einem Bruchteil dessen widmen konnte, was den Leistungssport seit Jahrzehnten an kriminellen Machenschaften durchzieht, war der Umfang ihrer Aufgabe ähnlich gewaltig und ähnlich unappetitlich wie in dem Mythos. Im vergangenen Dezember, nachdem die ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht" ausgestrahlt worden war, machten sie sich an die Arbeit, am Montag dann stellten sie die Ergebnisse vor.

"Noch schlimmer als wir dachten"

Viel vernichtender hätte ihr Urteil nicht ausfallen können: "Die Untersuchung zeigt, dass die Akzeptanz von Betrug auf allen Ebenen und seit Langem verbreitet ist", heißt es in dem Report, und Pound sagte: "Es ist alles noch schlimmer, als wir dachten."

Das Ausmaß des Betrugs ließ dem Komitee nur eine Möglichkeit: Es trug dem Leichtathletik-Weltverband IAAF an, den russischen Verband auszuschließen. Die Wada selbst hat keine Machtbefugnis, die Agentur kann nur Empfehlungen an IAAF oder IOC aussprechen. Wie diese die Vorgaben umsetzen, ist noch nicht klar.

Die IAAF kündigte bisher an, einen "provisorischen und kompletten Ausschluss" Russlands zu erwägen. Damit würden die Olympischen Sommerspiele ohne russische Leichtathleten stattfinden. 2012 in London hatten diese noch 18 Medaillen gewonnen (8 Gold, jeweils 5 Silber und Bronze). Eine Entscheidung fällt vermutlich bei der IAAF-Versammlung am letzten Novemberwochenende in Monte Carlo, bis zum Wochenende erwartet IAAF-Präsident Sebastian Coe ein Statement der Russen.

Die erste Reaktion aus dem Kreml war: Unverständnis. Die Vorwürfe seien unbewiesen und nicht stichhaltig, hieß es dem 323 Seiten starken Bericht zum Trotz. Daher stelle sich auch nicht die Frage nach dem Rücktritt von Sportminister Witali Mutko. "Mutko ist der amtierende Minister", sagte ein Kreml-Sprecher: "Solange nicht irgendwelche Beweise genannt werden, fällt es schwer, die Beschuldigungen anzunehmen. Sie haben weder Hand noch Fuß."

Pound hatte bei der Präsentation des Berichts gesagt, das Ausmaß der Korruption sei so gewaltig, dass es von der Politik gedeckt sein müsse: "Ich glaube nicht, dass es irgendeine andere mögliche Schlussfolgerung gibt. Sie können es nicht nicht gewusst haben."

Sportminister Mutko wehrt sich gegen Vorwürfe

Mutko ging schnell zum Gegenangriff über. Pounds Aussagen seien durch den Bericht nicht gedeckt. "Pound hat seine Kompetenzen überschritten und seine persönlichen Schlüsse gezogen", sagte Mutko. Auf die Arbeit der Dopingkontroll-Labore im Land habe er keinen Einfluss, zudem sei es "unmöglich, irgendetwas zu verstecken. Alle Daten werden von der Wada überwacht." Die Welt-Anti-Doping-Agentur sieht das gänzlich anders, am Dienstag entzog sie dem Dopingkontroll-Labor in Moskau vorläufig die Akkreditierung, dort dürfen nun weder Urin- noch Blutproben analysiert werden.

Es hätte diesen Beweis nicht gebraucht, um klar zu machen, dass die Wada nichts auf Mutkos Wort gibt. Sie hat ihre Gründe. Seit 2008 ist der 56-Jährige Sportminister des Landes, seit 2009 auch Mitglied der Fifa-Exekutive, was ja in diesen Tagen auch nicht unbedingt ein Siegel für uneingeschränktes Vertrauen ist.

Schon mehrfach fiel Mutko mit nicht ganz sauberem Gebaren auf, etwa 2010 bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver, als er seiner Regierung 97-mal Frühstück in Rechnung stellte, obwohl er nur 20 Tage vor Ort war und ein Zimmer nahm, das pro Nacht tausend Euro kostete statt der genehmigten 99 Euro. Als "Spekulationen" und "totalen Müll" tat Mutko die Vorwürfe ab, ähnlich wie jetzt die Anschuldigungen durch Pound.

Aus dem SPIEGEL ist die Anekdote überliefert, was der derzeit gesperrte Uefa-Boss Michel Platini über seinen Freund Mutko und dessen Sprachkenntnisse sagte: "Er kann schon ein paar Worte Französisch, zum Beispiel bonjour, au revoir und grand portemonnaie." Ein Witz, bei dem einem schon vor den jüngsten Entwicklungen das Lachen im Halse steckenblieb.

Ein Fehler wäre, das aufgedeckte System an mächtigen Einzelpersonen wie Mutko festzumachen. Es bedarf mehr als neuen Köpfen, es braucht wohl die Zerschlagung der gewucherten Strukturen. Aber wenn in anderen, ebenfalls unter akutem Korruptionsverdacht stehenden Weltverbänden ähnlich nachgeforscht wird, könnten noch einige erhellende Pointen hinzukommen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. wenn
noodles64 10.11.2015
Wenn es um Doping gehen würde müssten die olympischen Spiele abgesagt werden. Es geht um weitere Ausgrenzung Russlands. Nun halt über den Sport.
2. da bin ich mal gespannt
K:F 10.11.2015
Was ist denn mit den USA, mit China, mit Rümänien, Jamaika und vielen anderen? Wenn da nicht noch einiges ans Tageslicht kommt.
3. Beweise
spon-facebook-10000016800 10.11.2015
Wo sind die gerichtsfesten Beweise ?
4. DOPING, da war doch was, ...
Ureinwohner2.0 10.11.2015
nicht wahr, "westliche Wertegemeinschaft"? Lasst uns keine sportlichen Wetkämpfe mehr durchführen, die gute alte Zeit ist vorbei. (Den Schei... schaue ich mir schon seit Jahrzehnten nicht mehr an, selbst die Tabellen sind absolut uninteressant - für mich.) Wenn BAYER gegen MONSANTO gegen ... kämpft, dann interessiert mich das nicht. Gute Nacht Bröselwesten. :-))
5. wie geht's weiter ?
hei-nun 10.11.2015
Russische Strategie: Stufe 1: Alles abstreiten Stufe 2: Die Beweise werden "widerlegt" Stufe 3: Die anderen machen es auch ... Stufe 4: Desinformation des eigenen Volkes Stufe 5: Alles "Machenschaften" des Westen Stufe 6: Hoffen, dass alles einschläft Bewährt bei: Krim, Ost-Ukraine, MH17, Nemzow, Syrien Parallel der IAAF macht: Nichts
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Der neue Wada-Code
Härtere Strafen
Für schwerwiegende Erstverstöße wie systematisches Doping oder Verhinderung der Aufdeckung von Vergehen wurde die Sperre von zwei auf vier Jahre angehoben. Drei Verstöße gegen die Meldepflicht ("Missed Tests") binnen 18 Monaten führen zu einer Sperre von ein bis zwei Jahren. Nach einer positiven A-Probe wird eine provisorische Suspendierung des Athleten ausgesprochen. Die B-Probe muss spätestens sieben Tage später analysiert sein.
Flexibilität
In Einzelfällen können besondere Umstände berücksichtigt werden und flexiblere Strafen verhängt werden. Eine Strafminderung kann z.B. gewährt werden, wenn ein Athlet beweisen kann, dass eine verbotene Substanz ohne Verschulden in seinen Körper gelangt ist. Außer Sperren können zusätzlich Geldbußen verhängt werden.
Kronzeugenregelung
Die Kronzeugenregelung ist erweitert worden. Wenn ein Athlet die Aufdeckung von Dopingverstößen Dritter substantiell mit Detailinformationen unterstützt, kann die Sperre um bis zu 75 Prozent reduziert werden. Eine Verkürzung bis um die Hälfte wird eingeräumt, wenn ein Athlet Doping gesteht, bevor er positiv kontrolliert wurde.
Gültigkeit
Der neue Welt-Anti-Doping-Code, beschlossen auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Madrid Mitte November 2007, ist seit dem 1. Januar 2009 gültig. Die "Deklaration von Madrid" verpflichtet alle Organisationen des Sports, ihre Statuten dem neuen Code anzugleichen. Gleichzeitig werden alle Regierungen aufgerufen, die Unesco-Konvention gegen Doping zu unterzeichnen und damit den Code als universell verbindlich anzuerkennen.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: