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Sportverbände in der Krise: Patenlos

Ein Kommentar von

Jahr der Sportskandale: Im Verband nach unten Fotos
AP

Razzien, Verhaftungen, Rücktritte: 2015 war das Jahr der Erosion für die Sportverbände, die Ära der alten Männer ist vorbei. Jetzt gibt es die Gelegenheit für einen Neuanfang. Wird er gelingen?

Joseph Blatter ist ein Mann der Berge. Der Schweizer kommt aus dem kleinen Ort Visp, 658 Meter hoch gelegen im Wallis, in der Nähe erheben sich das mächtige Aletschhorn und das Bietschhorn. Blatter wird sehr genau wissen, was ein Erdrutsch ist.

Es ist das, was sein Verband, der Fußball-Weltverband Fifa, in diesem Jahr erlebt hat.

Und nicht nur er. Der Deutsche Fußball-Bund wurde durch die Enthüllungen des SPIEGEL umgepflügt, der Welt-Leichtathletikverband wurde von seiner Doping- und Korruptionsgeschichte eingeholt. Der olympische Sport in Deutschland erlebte sein Desaster bei der Bürgerbefragung in Hamburg. Es war das Jahr der großen Erosion für den organisierten Spitzensport.

Wenn es noch so etwas gab wie Rest-Glaubwürdigkeit für die hohen Herrn Sportfunktionäre, so wurde sie 2015 pulverisiert. Alte Männer, die sich noch vor einem Jahr zu den Mächtigen des Weltsports gezählt haben, die mit Staatschefs dinierten, die sie als ihresgleichen ansahen, sitzen mittlerweile im Gefängnis oder warten auf ihre Anklage. Ehemalige Helden des Sports wie Franz Beckenbauer, wie Sebastian Coe, wie Michel Platini sind entzaubert. Auch sie liefen letztlich nur dem Geld und der Macht hinterher. Sie waren keinen Deut besser als die Blatters dieser Welt.

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Fifa-Skandal: Vom Geben und Nehmen
Der greise Pate der Welt-Leichtathletik, Lamine Diack, soll Dopingbefunde verschwinden lassen und dafür kassiert haben, die russische Leichtathletik steht am Pranger, sie gilt als flächendeckend dopingverseucht. Diacks Nachfolger Sebastian Coe, der smarte Saubermann aus Großbritannien, der die Spiele 2012 so glanzvoll organisierte, kann bis heute nicht glaubhaft belegen, was er von all den Machenschaften in der Leichtathletik nicht gewusst hat. Scheibchenweise kommt belastendes Material über ihn ans Tageslicht. Der Lack ist ab beim feinen Lord.

Der DFB, noch so ein Saubermannverein des Weltsports, kämpfte wochenlang um seinen Ruf, als er eigentlich schon längst ruiniert war. Sein ehemaliger Chef Wolfgang Niersbach hielt die Geschichte vom DFB der unbefleckten Empfängnis so lange aufrecht, bis sie sich als Mär erwies und er gehen musste.

Franz Beckenbauer, Günter Netzer - was wurden sie verehrt, Männer von Welt. Jetzt stellen sie sich als ahnungslose kleine Lichter in der WM-Affäre dar, die entweder alles ungelesen durchgewinkt (Beckenbauer) oder sich lediglich für Chauffeursdienste zur Verfügung gestellt (Netzer) hätten.

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Verbands-Boss: Blatters Fifa-Karriere
Dazu wabert der Fifa-Sumpf. Razzien, Verhaftungen, Sperren, ein Verband ohne Führung, und Joseph Blatter gibt ein irrlichterndes Interview nach dem nächsten. Man müsste lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Wenn es nicht alles so furchtbar erbärmlich wäre.

Nie waren die Sportverbände in einem so schlechten Zustand, aber wahrscheinlich war auch nie die Chance so groß, dass sich etwas ändern kann. Weitermachen wie bisher, wie es das Prinzip Blatter über so viele Jahre war - das zumindest scheint nach derzeitigem Stand nicht mehr möglich. Auch wenn es genug Funktionäre gibt, die genau dies wollen, die sich nach der alten, kuscheligen Wärme der Korruption zurücksehnen.

2015 hätte alles für ein Wendejahr des Sports

Aber dieses Jahr 2015, es würde zumindest alles mitbringen, um ein Wendejahr für den Weltsport werden zu können. Ein Jahr, in dem auch der Letzte verstanden haben dürfte, dass es mit dieser Funktionärskaste, mit diesem über Jahrzehnte gewucherten System nicht weitergehen kann, wenn der Sport seine gesellschaftliche Akzeptanz behalten will. Das ablehnende Votum in Hamburg, in einer Stadt, in der über Monate Olympiastimmung geschürt wurde, hat es am besten gezeigt: Große Sportereignisse sind nur noch vermittelbar vor einem Hintergrund, der Glaubwürdigkeit mit Transparenz verbindet. Bisher ist im Weltsport zwar viel von diesen beiden Tugenden die Rede. Passiert ist aber wenig.

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DFB-Präsident tritt zurück: Die Karriere von Wolfgang Niersbach
Klar ist: Die Selbstreinigungskräfte im Weltsport haben kläglich versagt. Die staatlichen Organe, die Ermittler aus den USA und der Schweiz, dazu die Medien wie die ARD und der SPIEGEL haben stattdessen die Rolle übernommen, die die Funktionäre nicht spielen wollten. Sie haben Fifa, DFB, IAAF und IOC dazu gezwungen, mit neuem Personal und mit neuen Konzepten anzutreten.

Jetzt gibt es die Gelegenheit für die Verbände, zu zeigen, dass sie es ernst meinen mit ihren schönen Worten von Ethik, von Werten, von Ehrlichkeit. Den Boden haben die Ereignisse dieses Jahres bereitet.

Signale, dass der Einfluss bei IOC und Fifa durch Strippenzieher wie den kuwaitischen Scheich Ahmed al-Sabah künftig eher noch größer wird, machen allerdings wenig Hoffnung. Dass alles dafür spricht, dass 2018 in Russland und 2022 in Katar wie geplant WM-Fußball gespielt wird, auch. Und die Macht der Sponsoren wird ohnehin nicht angetastet.

Sie hätten die Chance auf einen wirklichen Neuanfang. Die Chance ist so groß wie nie. Die Aussicht, dass sie es wieder vermasseln, ist allerdings noch größer.

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Scheich, Prinz und Sexwale: Diese Männer wollen Fifa-Präsident werden
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Peter Ahrens ist Redakteur im Sportressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Peter.Ahrens@spiegel.de

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1. Keine Chance
GerhardFeder 30.12.2015
Ein Neuanfang könnte nur gelingen, wenn nicht so viel Geld aus Steuern und Zwangsabgaben in das "System" Sport fließen und wenn außerdem nicht "verdiente Politiker" dorthin entsorgt würden. Solange sich daran nichts ändert, wird der Sport genau das bisherige Gebaren fortsetzen. Ich sehe derzeit keine Chance für Veränderungen
2. Fußball ist ohnehin zu viel im Fernsehen,
Nabob 30.12.2015
wird gehandhabt wie die Valium nach den Schreckensnachrichten dieser Welt. Die Macher - davon kann man inzwischen ausgehen - sind allesamt korrupt und das nicht ohne Hilfe der Politik, wie man hört. Tatsächlich sieht man - bis auf Ausnahmen - nur noch wandelnde Litfaßsäulen der Geschmacklosigkeit aus Tattoos und Phantasiehaarschnitten, jedoch ohne sehenswerte Kunstfertigkeit am Ball, es dominiert eher die Fortentwicklung der Foul-Technik. Daher sollte man die Tätigkeit der Fußballverbände aussetzen, die bösen alten Männer erst einmal restlos mit spitzen Fingern entfernen und inzwischen versuchen, Leute zu finden, die es nicht aus finanziellen Gründen machen wollen, sondern um des Fußballsports willen - und das dürfte wohl sehr schwer werden. Jedenfalls wird dieser Sport, oder besser das, was auf dem Rasen davon übrig blieb, völlig überbewertet und dient ausschließlich nur noch finanziellen Interessen. Am besten abschaffen.
3. Aus sehr vielen Gründen. ...
joG 30.12.2015
....sollte man an der WM in Katar und aus noch mehr wichtigen Gründen in Russland sich keinesfalls beteiligen. Sie wurden offensichtlich durch Korruption vergeben worden und stützen autokratien deren einer Autokratien gerade eine landnahme mit militärischen Mitteln in Europa beging. Wenn man da mitmacht ist das unsagbar.
4. Fußball ist die Melkkuh
tennislehrer 30.12.2015
Damit lässt sich an so vielen Ecken Geld verdienen. Erst wenn sich das ändert, wird es auch wieder ein ehrliches Fußball und ehrliche Verbände geben. geld verdirbt den Charakter. Man sieht es an Personen wie Blatter, Platini und "Kaiser" Beckenbauer
5. Die Macht und die Macht des Geldes
udo.sowade 30.12.2015
Ganz einfache Logik: Wer Geld hat, will Macht. Wer Macht hat, will mehr Geld.... Angeklagt, verurteilt und eingesperrt gehören diese Menschen.
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Franz Beckenbauer: Ein Leben als Kaiser


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