Behinderter Weitspringer Rehm Ein zu großer Sprung

Die Nichtnominierung des behinderten Weitspringers Markus Rehm für die EM empört viele Fans. Schuld sind die Leichtathletik-Verbände, die eine Klärung der Prothesen-Nutzung verschleppen. Nun verspricht der DLV zügige Abhilfe.

Rehm mit Carbon-Prothese: "Ich will keinen Sieg haben, den ich nicht verdiene"
DPA

Rehm mit Carbon-Prothese: "Ich will keinen Sieg haben, den ich nicht verdiene"

Von


Mit einem sensationellen Sprung sicherte sich Markus Rehm in Ulm den deutschen Meistertitel. Doch trotz der Weite von 8,24 Meter verzichtet der deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) für die EM in Zürich auf den 25-Jährigen. Der Verband begründet das mit Zweifeln daran, ob Rehm mit seiner Carbon-Prothese die gleichen Voraussetzungen hat wie seine nichtbehinderte Konkurrenz. Womöglich muss Rehm auch den Meistertitel wieder abgeben.

Eine Entwicklung, die abzusehen war. "Ich finde es schade, dass Markus dafür bestraft wird, dass der DLV es vor einem dreiviertel Jahr nicht geschafft hat, die Untersuchungen einzuleiten", sagte Rehms Trainerin Steffi Nerius. Warum also reagierte der DLV nicht früher?

Seit Sommer 2012 weiß der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), dass Paralympics-Sieger Markus Rehm bei offiziellen Wettkämpfen gegen Nichtbehinderte antreten will. Seit dem Sommer 2013 weiß der Verband, dass der unterschenkelamputierte Weitspringer die Norm für die deutschen Meisterschaften erfüllen kann - und dass er mit den Top-Springern mithalten kann. Seit Februar 2014 weiß der DLV, dass Rehm die Norm für die Titelkämpfe erfüllt hat.

Seit Pistorius war das Problem klar

Es war also sehr viel Zeit zu prüfen, ob Rehm durch seine Carbon-Prothese einen Vorteil gegenüber der nichtbehinderten Konkurrenz hat oder nicht. Ein umfassendes Gutachten gibt es aber bis heute nicht. Hat der DLV zu lange mit einem Gutachten gewartet? Man habe eine Lösung durch den Weltverband erwartet, verteidigt sich DLV-Präsident Clemens Prokop gegenüber SPIEGEL ONLINE. Eine nationale Regelung wäre nicht genug gewesen.

Erstmals konkret wurde das Problem, als der beidseitig unterschenkelamputierte Sprinter Oscar Pistorius sich seine Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in London 2012 vor Gericht erstritt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass sich die Leichtathletik damit befassen muss, wie sie mit behinderten Sportlern umgehen will - und ob diese mit nichtbehinderten Athleten an gemeinsamen Wettbewerben teilnehmen dürfen.

Weitspringer Rehm: Mit 8,24 Metern zur deutschen Meisterschaft
DPA

Weitspringer Rehm: Mit 8,24 Metern zur deutschen Meisterschaft

"Im Laufe 2013 wurde klar, dass sich der Weltsport diesem Problem nicht stellt", sagt Prokop. Daraufhin habe der DLV intern diskutiert, einen Antrag beim Leichtathletik-Weltverband IAAF zu stellen, dies aber nach Rücksprache mit der IAAF verworfen.

Seit Ende 2013 versucht der DLV laut Prokop gemeinsam mit dem DBS eine einheitliche Lösung zu finden, selbst wenn sie zunächst nur für Deutschland gilt. Angedacht ist ein sogenannter Prothesen-TÜV, mit dem die Kampfrichter entscheiden können, ob eine Prothese dem Sportler einen Vorteil bringt oder nicht. Ob dieser TÜV kommen wird, ist aber fraglich. Die Prothesen der Athleten sind eigentlich zu individuell. Und falls sie vereinheitlicht werden: Wie kann festgestellt werden, ob die Prothese die tatsächliche Leistungsfähigkeit garantiert und sie für den Sportler weder Vor- noch Nachteil ist? Und wie wird tatsächlich Chancengleichheit hergestellt?

Professor Albert Gollhofer, Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Freiburg, sagt SPIEGEL ONLINE: "Es ist klar, dass solch eine Prothese ein Vorteil ist." Für ihn reicht die DLV-Analyse von Rehms Sprüngen in Ulm, die zur Nichtnominierung führte, dennoch nicht aus. Die Ergebnisse der Verbands-Biomechaniker basieren lediglich auf einer Video-Analyse und damit auf Geschwindigkeiten. Sie sei daher nur eine Abschätzung, die Tendenzen erkennen lasse.

Für ein fundiertes Gutachten braucht es laut Gollhofer einen Ort mit entsprechender Infrastruktur: Einrichtungen mit Kraftmessplattformen und zeitauflösende Videografie von drei Seiten. Dazu müssten Rehm und ein anderer Acht-Meter-Springer verglichen werden, um Energiebilanzen zu vergleichen und die gelenkspezifischen Voraussetzungen auszurechnen. Damit sind Geschwindigkeiten vergleichbar, energetische Betrachtungen können nur in einer kombinierten Analyse von Kraft- und Videodaten gemacht werden. Ein solches Gutachten kostet laut Gollhofer rund 10.000 bis 12.000 Euro und könnte bereits nach gut einer Woche belastbare Aussagen liefern.

Individuelle Gutachten für einzelne Sportler wären teuer

Prokop will auf Nachfrage keine Zahl nennen, er habe Anfang dieses Jahres aber einen Kostenvoranschlag bekommen, der um ein Mehrfaches höher gewesen sei. Eine Summe, die sich der Verband nicht leisten könne, so Prokop. Zudem müsste möglicherweise für jeden Sportler, der ein technisches Hilfsmittel hat, ein Gutachten erstellt werden. Und womöglich immer wieder, da die technische Entwicklung der Prothesen stark voranschreitet.

Rehm: "Ich will keinen Sieg haben, den ich nicht verdiene"
DPA

Rehm: "Ich will keinen Sieg haben, den ich nicht verdiene"

Es ist also knifflig für DLV und DBS, eine Lösung zu finden. Der Fall Rehm kommt für beide zu früh - auch, weil sich der DLV zu lange auf den Weltverband verlassen hat. Mittlerweile wurde der Fehler erkannt. Prokop kündigte an, einen offiziellen Antrag bei der IAAF einzureichen, der zur Klarstellung von Artikel 144 sorgen soll, weil der Begriff "Vorteil" schwer zu fassen sei. Dieser besagt, dass ein Athlet keine Hilfsmittel verwenden darf, die einen Vorteil bringen.

Darauf, wie Pistorius die Starterlaubnis einzuklagen, verzichtet Rehm. "Wenn mir ein Vorteil nachgewiesen wird, lass ich mich aus allen Listen streichen und gebe die Medaille zurück", sagt Rehm: "Ich will keinen Sieg haben, den ich nicht verdiene." Der 25-Jährige will nur Chancengleichheit.

Das gleiche Ziel hat der DLV. Rehm darf auch künftig bei deutschen Meisterschaften starten, versicherte der DLV-Präsident: "Auch wenn festgestellt werden sollte, dass Rehm Vorteile durch seine Prothese hat." Gewertet würden seine Sprünge dann aber nicht.

Und wann wird die Lösung gefunden sein? "Die Zielvorgabe ist kommende Saison", sagt Prokop, "fünf Jahre kann das nicht mehr warten."

Vote
Markus Rehm darf nicht zur EM

Der DLV nominiert Markus Rehm nicht für die Leichtathletik-EM - obwohl er bei den Deutschen Meisterschaften die Norm geschafft hat. Ist die Entscheidung richtig?

insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
at.engel 01.08.2014
1. Material ist in jedem Fall entscheidend...
Ein Sport, beim dem "Hilfmittel" erlaubt sind, ist der Stabhochsprung. Und der zeigt klar, dass sich rein körperlichen Fähigkeiten und technologischer Fortschritt nicht auseinanderdividieren lassen. Lavillenie springt Rekorde, weil er das Material gewechselt hat. Das kann er aber nur, weil er körperlich und technisch Fortschritte gemacht hat. Ein anderer könnte mit seinen Stäben wahrscheinlich gar nicht springen. Aber mit einem anderen Material käme selbst Lavillenie nicht über die sechs Meter. Kurz, das Material ist und bleibt ein entscheidender Vorteil. Und vor allem in einem Sport, wo es den anderen theoretisch gar nicht zur Verfügung steht.
Emmi 01.08.2014
2. Es gibt doch auch so individuelle Unterschiede...
Es gibt doch auch so individuelle Unterschiede zwischen den Sportlern. Der eine hat längere Arme und Beine, der andere einen längeren Rumpf, etc. pp. Damit haben einige Sportler auch ohne Prothesen anatomische Vorteile gegenüber anderen Sportlern, zumal es in der LA keine Größen- oder Gewichtsklassen gibt wie z. B. beim Boxen. Dabei dürfte klar sein, dass es ein Unterschied ist, ob jemand 60 kg oder 80 kg über die Marathondistanz bewegen muss (z. B.)...
noalk 01.08.2014
3. Hilfsmittel
Auch Läufer, insbesondere Sprinter, verwenden Hilfsmittel, i.e. Schuhe, ohne die sie ihre Ergebnisse nicht erreichen könnten. Der entscheidende Unterschied ist der, dass JEDER Läufer solche Schuhe nutzen kann. Das ist z.B. bei Beinprothese nicht der Fall.
claude 01.08.2014
4. Dilemma
Das Dilemma ist doch: die Frage nach Vorteil oder nicht Vorteil, wird erst diskutiert, wenn der Betreffende einen Titel gewonnen hat, so wie Rehm oder Pistorius. Im Umkehrschluss bedeutet es: Sollte es einen Behindertensportler geben, der gewinnt, weil er einfach nur besser ist als die anderen, wird das von den Nichtbehinderten nie akzeptiert, sondern es wird immer die Frage nach einem Vorteil wegen des Materials in den Raum gestellt werden. Dass nenn ich Diskriminierung.
kl1678 01.08.2014
5.
Zitat von noalkAuch Läufer, insbesondere Sprinter, verwenden Hilfsmittel, i.e. Schuhe, ohne die sie ihre Ergebnisse nicht erreichen könnten. Der entscheidende Unterschied ist der, dass JEDER Läufer solche Schuhe nutzen kann. Das ist z.B. bei Beinprothese nicht der Fall.
Ich denke auch, dass es eine wesentliche Grundlage von Sport ist, dass für die Teilnehmer eines Wettkampfes die gleichen Bedingungen gelten. Daher gibt es in der Formel 1 oder im Segelsport eben nur eine Formel. Wohl wissend, dass die nachträgliche Diskussion über den Vor- oder Nachteil einer Abweichung hiervon end- und zwecklos wäre.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.