Bericht von Anti-Doping-Kämpfern Korruption gehört jetzt offiziell zur Leichtathletik

Korruption, Erpressung, Vertuschung: Eine Kommission hat den Verantwortlichen des internationalen Leichtathletik-Verbandes schwere Straftaten vorgeworfen. Vor allem ein Ex-Präsident gerät unter Druck.

Leichtathletik-Wettbewerb (hier: Weitsprung): Korruption hat System beim IAAF
DPA

Leichtathletik-Wettbewerb (hier: Weitsprung): Korruption hat System beim IAAF


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Die unabhängige Wada-Untersuchungskommission wirft dem Leichtathletik-Weltverband Versagen im Doping-Skandal vor. Korruption sei "mit der Organisation verwoben", zudem habe die IAAF zu wenig unternommen, um es "mit zahlreichen Ländern, darunter auch Russland" im Anti-Doping-Kampf aufzunehmen. Das geht aus dem zweiten Teil des Wada-Untersuchungsberichts zum Doping- und Korruptionsskandal in der internationalen Leichtathletik hervor.

Die Kommission attestierte der IAAF einen "kompletten Zusammenbruch" ihrer Führungsstrukturen. Für die dubiosen Vorgänge rund um den ehemaligen Präsidenten Lamine Diack könne "keine kleine Zahl von Tätern verantwortlich gemacht werden". Dies hatte die IAAF zuletzt mehrfach behauptet.

Die Vorwürfe im Überblick:

  • Der Präsident des internationalen Leichtathletik-Verbandes Lamine Diack war der Hauptverantwortliche für die Korruption im IAAF.
  • Die IAAF hat sich nur unzureichend gegen Korruption im Verband eingesetzt.
  • Laut Wada besteht keine Möglichkeit, dass das IAAF-Council nichts von den verdächtigen Vorgängen gewusst hat.
  • Diack soll außerhalb des IAAF eine Gruppe angeführt haben, die Dopingsünder erpresst hat. Unter anderem sein Sohn, Khalil, gehörte auch zu dieser kriminellen Vereinigung. Er wird von Interpol mit einem internationale Haftbefehl gesucht.
  • Diack billigte den Betrug und die Erpressung innerhalb der IAAF
  • Es gab keine funktionierende Führungsstruktur, die sich in all den Jahren angemessen für den Kampf gegen die Korruption eingesetzt hat.

Der senegalesische Ex-Präsident Lamine Diack soll während seiner Amtszeit die türkische Olympiasiegerin Asli Çakr Alptekin erpresst haben.

So soll er von ihr zunächst 650.000 US-Dollar gefordert haben, damit der Verband auf eine Dopingsperre verzichtet. Anschließend habe er seine Forderungen wohl reduziert. Die 30-Jährige war 2013 des Dopings überführt worden, bereits von 2004 bis 2006 hatte sie eine Sperre abgesessen. Auch Khalil Diack, Sohn des ehemaligen Präsidenten, soll involviert gewesen sein.

  Ehemaliger IAAF-Präsident Diack: Schwere Vorwürfe
AFP

Ehemaliger IAAF-Präsident Diack: Schwere Vorwürfe

Für eine große Überraschung sorgte der Chef der Untersuchungskommission Richard Pounds, indem er dem aktuellen Präsidenten des IAAF Sebastian Coe den Rücken stärkte. "Die IAAF hat nun die Möglichkeit, sehr viel verlorengegangene Reputation wieder zu gewinnen. Ich kann mir für diesen Prozess keinen Besseren vorstellen als Lord Coe."

In dem Bericht hatte die Kommission allerdings festgestellt, dass es "keine Möglichkeit" gebe, dass das IAAF-Council nichts von den verdächtigen Vorgängen rund um positive Dopingproben russischer Leichtathleten gewusst habe. Coe gehört seit 2003 dem Führungsgremium des Leichtathletik-Weltverbandes an, von 2007 an war er Vizepräsident.

Zusammengefasst: Die unabhängige Wada-Untersuchungskommission erhebt schwerste Vorwürfe gegen den Ex-Präsidenten des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), Lamine Diack. Er soll Sportler erpresst und systematische Korruption gepflegt haben. Auch der amtierende Präsident Coe ist belastet - und soll dennnoch den Verband reformieren.

bam/dpa/Reuters

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
bigroyaleddi 14.01.2016
1. Welche Reputation soll denn zurückgewonnen werden?
Ein solcher Augiasstall gehört ausgemistet, aber von Grund auf - und vor allem sehr gründlich. Ob ich das wohl noch in diesem Leben erleben kann?
Thomas Kolata 14.01.2016
2. Korruption in der Leichtathletik
Ich bin nun über fünfzig Jahre alt und möchte über die Korruption den Weg zurück in den Vereinssport finden. Diese Sparte stelle ich mir sehr komfortabel vor. Zumal ich meine nächste Reha aus eigener Tasche bezahle.MBOR olé.
freiheitimherzen 14.01.2016
3. anderer Weg
Zitat von bigroyaleddiEin solcher Augiasstall gehört ausgemistet, aber von Grund auf - und vor allem sehr gründlich. Ob ich das wohl noch in diesem Leben erleben kann?
Da gibt es einen einfacheren Weg: Die Unterlagen dem FBI übergeben und dann einen komplett neuen Verband gründen. Viele Grüße
fortelkas 14.01.2016
4. Korruption-Leichtathletik
Erst die FIFA jetzt der Leichtathletikverband, willkommen in der großen, weltumspannenden Korruptionsfamilie. Ich nehme an, der Radsport ist auch schon Mitglied. Wer soll denn so etwas wie reformieren, dazu sind viel zu große Summen im Spiel, für Athleten und Funktionäre. Die Bevölkerung sollte nicht mehr auf das Gefasel von der völkerverbindenden Kraft des Sports hören (leider muss man da sehr skeptisch sein) und überall dort, wo sie gefragt wird, die Planung solcher verlogenen Großveranstaltungen ablehnen (siehe Garmisch-Partenkirchen, siehe Hamburg). Erwin Fortelka
NAL 14.01.2016
5. Wo der Commerz die Krallen drauf hat,
da ist es mit dem anständigen Sport vorbei. Der Sumpf der Manipulation ist ein typisch kapitalistischer Auswuchs, der durch Geplapper in den Medien nicht beseitigt wird. In diesem System zählt nur Geld, alles andere geht unter. Daher ist Sport schauen für mich ohne Belang.
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