Weltmeister Kramnik im Interview "Schach ist so tief, manchmal fühle ich mich einfach nur verloren"

Schachweltmeister Wladimir Kramnik, 28, steht vor einem schweren Titelkampf gegen den ungarischen Herausforderer und Weltranglistenvierten Peter Leko, 24. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Kramnik über die unberührbaren Momente des Spiels, über das Gefühl ein wahrer Meister zu sein und über Strategien für US-Präsident Bush.


Kramnik: "Ich hätte das Zeug zu einem Jago"
DDP

Kramnik: "Ich hätte das Zeug zu einem Jago"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kramnik, gibt es irgendein Thema außer Schach, über das Sie gerne reden wollen?

Kramnik: Im Moment nicht.

SPIEGEL ONLINE: Hilft Ihnen Schach, das Leben besser zu meistern?

Kramnik: Es hilft mir nicht wirklich, aber es beeinflusst mein Leben sehr. Ich spiele Schach seit meinem fünften Lebensjahr. Es prägt mein Denken. Ich gehe sehr logisch vor - manchmal zu logisch.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Kramnik: Es fällt mir keins ein. Ich weiß nur, dass ich ständig nachdenke. Manchmal auch auf Gebieten, die kein Denken erfordern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich's schon mal mit einer Frau verscherzt, weil Sie zu viel oder zu lange nachdachten?

Kramnik: Hmm, vielleicht. Nun ja, ab und zu. Aber ich muss sagen: Ich war immer in guten Beziehungen. Das Problem ist eher, dass mein Leben ziemlich hart ist: arbeiten, spielen, arbeiten, spielen. Als Schachprofi habe ich für eine Beziehung nicht so viel Zeit, wie ich und meine Freundin es gerne hätten.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Umgang mit der Familie oder mit Freunden von Strategie und Taktik geprägt?

Kramnik: Privat bin ich nicht machiavellistisch. Ich bin da ganz menschlich und will niemand manipulieren. Ich hätte vielleicht das Zeug zu einem Jago (das personifizierte Böse in Shakespeares "Othello", d. Red.), doch ich werde diese Fähigkeiten nicht ausspielen.

SPIEGEL ONLINE: Gute Schachspieler sind oft komische Käuze und Einzelgänger. Wie schwer fällt es Ihnen, Freundschaften zu schließen, die Sie interessant finden?

Die Kontrahenten: Kramnik (li.) und Leko
REUTERS

Die Kontrahenten: Kramnik (li.) und Leko

Kramnik: Ich habe viele Freunde. In Hamburg zum Beispiel traf ich kürzlich die Klitschkos wieder. Wir spielten eine Partie, doch die Zeit lief uns davon, weil wir noch weg wollten. Sie waren sehr enttäuscht, dass wir das Spiel nicht fortsetzen konnten. Ich sagte: Macht euch keine Sorgen, ich werde die Aufstellung im Kopf behalten.

SPIEGEL ONLINE: Durften Sie im Gegenzug gegen die Klitschkos boxen?

Kramnik: Nein, wir verbrachten eine angenehme Zeit. Das sind schlaue Jungs, und ich mag ihre direkte, ehrliche Art. Die meisten meiner Freunde sind Sportler oder Musiker. Am liebsten sind mir diejenigen, mit denen ich nicht über Schach sprechen kann. Ich habe jedoch festgestellt, dass fast alle Musiker auch Schach spielen - da gibt es offenbar einen Zusammenhang.

SPIEGEL ONLINE: Schach und Musik folgen den Gesetzen der Mathematik, beide bedürfen der Kreativität. Wie passen Notwendigkeit und Freiheit zusammen?

Kramnik: Ich möchte nicht mystizistisch werden.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin gelten Sie als jemand mit tiefer russischer Seele.

Kramnik: Ich weiß nicht, was das bedeuten soll. Ich halte mich lieber an das Sprichwort: Versuche nicht, etwas zu begreifen, was perfekt funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Woher die intellektuelle Bescheidenheit?

Kramnik: Je mehr man in Dinge eindringt, desto weniger kann man sie verstehen. Wenn man beginnt, ein Schachspiel in seiner vollen Tiefe zu verstehen, stellt man fest, dass bestimmte Regeln verschwimmen. Man spürt auf einmal, dass man hier ein bisschen Raum schaffen muss und dort angreifen. Doch weshalb das so ist, das weiß man nicht. Nach Lehrbüchern zu spielen - das reicht nur bis zu einem gewissen Grad. Vielleicht bis zum Meister, nicht aber zum Großmeister. Auf diesem Niveau muss man das Spiel erfühlen. Es kommt zu einem.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt sich das an?

Kramnik: Man fühlt sich als Herr des Spiels. Ich muss dann nicht mehr nachdenken. Ich überlege noch Details, doch die große Strategie ergibt sich einfach. Das ist erstaunlich. Ich mag, was man nicht berühren kann.

SPIEGEL ONLINE: Entschädigen Sie diese Momente für die Opfer, die Sie bringen?

Kramnik: Bei weitem. Wenn man in einem brillanten Spiel, das über Jahrhunderte in den Schachbüchern stehen wird, zum wahren Meister wird, wenn die Hand den nächsten Zug macht, ohne dass ich dabei denke, dann ist das ein großartiges Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein Genie?

Kramnik: Ich bin ziemlich talentiert. Manchmal denke ich, ich hätte eine Stellung verstanden, doch zwei Jahre später erkenne ich, dass ich gar nichts verstanden habe. Das ist das Geheimnisvolle am Schach. Wirklich faszinierend. Man hat ein kleines Brett mit 64 Feldern, doch es ist so tief, dass nicht einmal zehn Kramniks wissen können, welcher Zug der beste ist. Manchmal fühlt man sich einfach nur verloren. Man findet keinen Grund.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst vor dieser Tiefe?

Kramnik: Es schmerzt manchmal. Man kann den Grund einfach nicht erreichen. Dieser Grund, wenn er überhaupt existiert, ist nicht vom Menschen.

Bahrein, Oktober 2002: Kramnik gegen den Computer "Deep Fritz"
AFP

Bahrein, Oktober 2002: Kramnik gegen den Computer "Deep Fritz"

SPIEGEL ONLINE: Wird eine Maschine je in der Lage sein, das Verborgene auszuleuchten?

Kramnik: Ich glaube nicht. Nicht einmal die stärksten Computer kommen diesem Grund auch nur nahe.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt der Maschine?

Kramnik: Sie ist zu schwach. Der stärkste Computer, gegen den ich im Oktober 2002 spielte, kann vier Millionen Züge in einer Sekunde durchgehen. Man kann sich ausrechnen, wie viele Züge er in sechs, sieben Minuten durchspielt.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch sagen Sie, dass der Mensch dem Computer überlegen ist.

Kramnik: Weil der Mensch Intuition hat. Weil er diesen unberührbaren Moment in sich hat. Man kann es Verstehen nennen.

SPIEGEL ONLINE: Frauen, so sagt man, seien die intuitiveren Wesen. Weshalb aber spielt mit Judit Polgar nur eine in der Weltspitze?

Kramnik: Schach ist auch ein Kampfspiel. Man braucht also so genannte männliche Qualitäten. Frauen sind im Allgemeinen etwas weicher. Sie haben eher den Beschützerinstinkt als den Kampfgeist. Außerdem fangen viel mehr Jungs mit dem Schachspiel an als Mädchen. Später ist ihnen Karriere wichtiger als Familie.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben schon oft gegen Polgar gespielt. Stellen Sie Unterschiede zu männlichen Gegnern fest?

Kramnik: Nein, sie spielt Schach wie ein Mann. Sie hat bereits Anand und Kasparow geschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schlugen Kasparow vor vier Jahren und holten sich den Weltmeistertitel. Wie erklären Sie sich Ihre darauf folgende Krise?

Kramnik: Es war nicht wirklich eine Krise. Anstatt bei Turnieren immer Erster zu werden, wurde ich eine Zeit lang nur Zweiter. Die meisten Schachspieler wären darüber sehr glücklich.

Verlust des Weltmeistertitels: Kasparow
AP

Verlust des Weltmeistertitels: Kasparow

SPIEGEL ONLINE: Motivationsprobleme?

Kramnik: Weltmeister zu sein hat mein Leben total verändert. Plötzlich spürte ich eine tonnenschwere Last auf meinen Schultern. Mit dem Titel wächst die Arbeit: Mehr Interviews, mehr Verbandsaufgaben, mehr Schach, denn mit den Visionen des Weltmeisters entwickelt sich der Sport - und dann noch ein bisschen Privatleben. Da zählt jede Minute. Das setzte mir anfangs zu. Boris Spasski ging es genauso.

SPIEGEL ONLINE: Spasski war Weltmeister von 1969 bis zur Niederlage gegen Bobby Fischer 1972. Haben Sie mit ihm gesprochen?

Kramnik: Er sagte mir, es seien die unglücklichsten Jahre seines Lebens gewesen. Ein Jahr nach dem Gewinn des Titels sei er so mies drauf gewesen, dass er gegen einen einfachen Schachmeister verloren hätte. Er war völlig fertig. Bei mir war es nicht ganz so schlimm.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit bereiten Sie sich auf das Weltmeisterschaftsspiel gegen Peter Leko vom 25. September bis zum 18. Oktober in Brissago in der Schweiz vor. Wie gut sind Sie derzeit drauf?

Kramnik: Die vergangenen Monate ist mein Spiel stärker geworden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten, der WM-Kampf sei einer gegen die nächste Generation. Sie werden demnächst 29, Leko ist nur vier Jahre jünger ...

Kramnik: ... es kommt nicht darauf an, wie viele Jahre man lebte, sondern wie viele man durchlebte. Mit anderen Worten: Es kommt auf die Intensität des Lebens an. Für mich ist ein Jahr so dicht wie gewöhnlich zwei. Vier Wochen Weltmeisterschaftskampf zählen so viel wie sonst ein paar Jahre. Ich fühle mich also älter als ich bin.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten Sie sich auf den bevorstehenden Weltmeisterschaftskampf vor, wie sieht die Arbeit eines Schachspielers aus?

Kramnik: Ich arbeite, ohne dass man es sieht. Halten Sie mich nicht für verrückt, doch ich kann ein Interview geben und gleichzeitig über komplizierte Positionen nachdenken. Wenn ich mich abends hinlege, kann ich noch immer arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Also keine 40-Stunden-Woche.

Kramnik: Ich kann 20 Stunden am Tag arbeiten. Manchmal ist ein Spaziergang kreativer, als wenn ich fünf Stunden über dem Brett brüte.

SPIEGEL ONLINE: Wie arbeiten Sie, wenn Sie in einer unkreativen Phase sind?

Kramnik: Dann erledige ich Routinearbeit. Es gibt jede Menge mechanischer Aufgaben. Wöchentlich werden zwischen 1000 und 1500 neue Stellungen veröffentlicht, die ich alle durchgehen muss. Dafür brauche ich keine Inspiration.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie tun, damit der Titelkampf in eine kreative Phase fällt?

Kramnik: Das ist eine komplizierte Sache. Alles spielt eine Rolle. Schach ist ein unglaublich emotionales Spiel. Wenn um einen herum alles stimmt, wenn es einem gut geht, ist man in kreativer Stimmung. Wenn einen irgendetwas stört und man schlechter Laune ist, ist es schwer, schöpferisch zu sein. Man muss also die entsprechende Atmosphäre schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie psychologische Tricks, um sich in gute Stimmung zu versetzen?

Kramnik: Jeder hat so seine Methoden: Ein paar Leibesübungen, ein bisschen Meditation können helfen. Ich bin jedoch von Hause aus Optimist.

SPIEGEL ONLINE: Aus welchen Quellen speist sich Ihre Inspiration?

Kramnik: Eigentlich ist es wichtiger, sich vor negativen Einflüssen zu schützen als stimuliert zu werden. Doch gute Gespräche schätze ich.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein extrem analytisch denkender Kopf. Könnten Sie der Menschheit nicht dienen, indem Sie Regierungschefs wie US-Präsident George W. Bush ein paar hilfreiche Strategien an die Hand geben, um etwa die Probleme im Nahen Osten zu lösen?

Kramnik: Das können die doch selbst.

SPIEGEL ONLINE: Möglicherweise sind Sie schlauer als viele Regierungschefs.

Kramnik: Ich gebe zu, ich finde es sehr befremdlich, dass bestimmte Leute von einer Sache durch und durch überzeugt sind, obwohl sie nicht einmal die Fakten kennen. Selbst intelligente Menschen zeigen sich sehr enthusiastisch, ohne sich wirklich ein Bild gemacht zu haben. Es ist, als ob ein Schachspieler ein Urteil fällt, wenn ihm die Positionen von nur zwei Figuren mitgeteilt wurden, 18 aber noch auf dem Brett stehen.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, Sie hätten genügend Informationen über den Irak. Wären Sie in der Lage, Bush einen taktischen Rat zu geben?

Kramnik: In diesem Fall würde ich höchstwahrscheinlich nach Tibet in die Berge gehen und für den Rest meines Lebens beten.

Das Interview führte Alexander Schwabe



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