Weltmeisterschaft im E-Hockey Rempler im Rollstuhl

Elektrorollstuhl-Hockey ist ein Beispiel dafür, wie packend Behindertensport sein kann. Auf dem Parkett werden die teuren Gefährte nicht geschont, Schrammen gehören dazu. Derzeit messen sich die acht besten Mannschaften bei der WM in München.

Von Maik Rosner, München


David Bauer hat den Stick mit seiner linken Hand umschlossen und steuert seinen Rollstuhl, während er mit der rechten Hand den Schläger führt. Rasant bewegt er sich über das Parkett, die Reifen quietschen, dann scheppert es - Bauer ist mit einem Gegenspieler zusammengeprallt. Die vielen Schrammen an seinem Gefährt zeugen davon, dass dies nicht der erste Zweikampf war, bei dem das Material viel aushalten musste.

Es ist eine Szene von der Weltmeisterschaft im Elektrorollstuhl-Hockey, die am Mittwochabend in der Münchner Olympia-Eissporthalle eröffnet wurde, das Finale ist am Sonntagabend. Zum Auftakt kam die deutsche Nationalmannschaft gegen Belgien zu einem 6:6. Ein Gegentor unmittelbar vor der Schlusssirene verhinderte den erhofften Sieg. "Sehr ärgerlich" sei das, sagte Bauers Teamkollege Stefan Utz, der gleichzeitig die Titelkämpfe hauptverantwortlich organisiert.

Doch bei allem sportlichen Ehrgeiz geht es Utz vor allem darum, auf seinen Sport aufmerksam zu machen, bei Behinderten wie Nichtbehinderten. "Schon allein das Gefährt ist faszinierend", sagt er. Das Tempo, mit dem gespielt wird, begeistert ihn ebenso wie "die ganze Technik, die in dem Rollstuhl steckt". Es gehe bei seiner Sportart vor allem um Taktik, Schnelligkeit und Wendigkeit, erklärt Utz. "Und dann auch noch den Ball unter Kontrolle zu haben und schöne Spielzüge zu machen, das macht einfach Spaß."

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E-Hockey-WM: Ohne Rücksicht auf die teuren Stühle
Wie packend Elektrorollstuhl-Hockey, kurz E-Hockey, ist, davon konnten sich die rund tausend Zuschauer beim spannenden WM-Auftakt des Titelverteidigers Deutschland überzeugen. Vieles erinnert an Eishockey, die Dynamik inklusive.

Gespielt wird mit vier Feldspielern und einem Torwart pro Team. Eine Rundumbande verläuft um die 28 Meter lange und 16 Meter breite Spielfläche. Mit bis zu 15 Stundenkilometern bewegen sich die Akteure über das Parkett, auch hinter den 2,40 Meter breiten und 20 Zentimeter hohen Toren. Mit einer Hand wird der Rollstuhl gesteuert, mit der anderen der Schläger geführt, zumindest sofern die Behinderung das zulässt. Wer durch Muskelschwäche, Glasknochenkrankheit oder Lähmungen zu sehr gehandicapt ist, für den lässt das Regelwerk auch eine am Rollstuhl fixierte Schlagfläche zu. Torhüter sind zu dieser Variante ohnehin verpflichtet.

Damit die Chancengleichheit je nach Behinderungsgrad gewährleistet ist, gibt es ein Punktesystem, in dem die Spieler eingestuft werden. Bis zu vier Punkte für leichte Behinderungen, ein oder zwei Punkte für schwere oder mittelschwere Behinderungen. Pro Team sind maximal elf Punkte erlaubt. Frauen und Männer spielen zusammen.

Die Rollstühle kosten weit über 10.000 Euro

"Das Besondere daran ist, dass es Schwerbehinderte ausüben können - und das auf hohem Niveau", sagt Bauer. Besonders herausfordernd sei die nötige Konzentration, "es ist sehr kopflastig", erklärt er, zudem "hängt sehr viel von den Rollstühlen ab". Sein Modell koste etwa 13.000 Euro, das sei aber auch nötig. "Ohne diesen Rollstuhl ist es schwer möglich mitzuhalten", sagt Bauer.

Wie bei anderen Behindertensportarten geht es aber auch um eine größere gesellschaftliche Akzeptanz. Und innerhalb des gesamten Behindertensports erhoffen sich die Athleten von der nun laufenden dritten WM mit insgesamt acht Mannschaften ebenfalls einen Schub für ihre noch recht junge Disziplin. Sie wünschen sich, mittelfristig ins Programm der Paralympischen Spiele aufgenommen zu werden. "Absolut, das ist unser Ziel", sagt Utz.

Doch zunächst einmal hofft die deutsche Mannschaft auf die erfolgreiche Titelverteidigung bei der WM.

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Seite 1
PeterPan95 07.08.2014
1.
Coole Sache. Was mir besonders gefällt ist der Umstand, dass es eine Eigenentwicklung ist die "Nicht-Behinderten"-Sportarten hinterher läuft, sondern sich an Fähigkeiten und Besonderheiten der Zielgruppe orientiert. Finde ich deutlich besser als Ski-Fahren für Blinde ;)
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