Weltreiterspiele Wie Schlittschuhlaufen, nur mit Pferd

Dressur mit Cowboyhut: In Tryon kämpfen die Westernreiter in der Reining um Medaillen. Was macht die Disziplin aus? Welche Ziele hat das deutsche Team? Ein Besuch bei Bundestrainer Nico Hörmann.

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Aus Giekau berichtet


Sand spritzt, wenn der Wallach "Ruf Stratocaster" im Galopp durch die Halle jagt, auf ein "Ho!" seines Reiters aus vollem Lauf abbremst - und dabei die Hinterbeine so weit unter den Körper schiebt, dass das Pferd fast auf dem Hintern durch den Sand rutscht. Dann Stillstand. Schnauben. Sein Reiter trägt Jeans, Hut, Sporen und guckt zufrieden.

Er ist der Joachim Löw der Westernreiter. Mit Cowboyhut. Nico Hörmann ist Bundestrainer in der Reining-Disziplin, der Dressur der Westernreiter. Er trainiert in Giekau in Schleswig-Holstein, in der Nähe der Plöner Seen. Wenn er über seinen Sport spricht, fallen Begriffe wie "Cowboy-Romantik", "Lagerfeuer" und "Old Shatterhand". Klingt romantisch, doch dahinter steckt eine äußerst anspruchsvolle Disziplin, die einzige aus dem Westernreitsport, die bei den am Mittwoch beginnenden Weltreiterspielen in den USA vertreten ist.

Als internationaler Turniersport ist Reining noch jung. Im Jahr 2000 wurde es vom Weltreiterverband, der Fédération Équestre Internationale (FEI), anerkannt, seit 2002 sind die Westernreiter bei den Weltreiterspielen dabei. Dort sorgen sie neben den Spring- und Dressurreitern für ungewohnte Bilder: Statt eng anliegenden Turniersakkos und weißen Hosen gehören Westernhüte und fransige Lederchaps zur Ausstattung. Die Pferde, zumeist American Quarter Horses oder Paint Horses, sind kleiner, kompakter und wesentlich bunter als die hochaufgerichteten Warmblüter in Dressurviereck und Springparcours. Dass einhändig geritten wird, ist ein Überbleibsel aus den Ursprungstagen - die andere Hand wurde für das Lasso gebraucht.

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Entstanden ist der Sport, als "die Cowboys nach der Rinder-Arbeit ums Lagerfeuer saßen", sagt Hörmann. "Es ging darum, welches Pferd besser stoppt oder sich schneller dreht. Daraus hat sich der Sport entwickelt."

Das Westernpferd soll auf minimale Signale bestimmte Bewegungen oder Manöver selbstständig ausführen - so lange, bis es den nächsten Befehl erhält. Hier liegt ein Unterschied zur Dressur der englischen Reitweise, bei der das Pferd durch Zügel und Schenkel in ständigem Kontakt zu seinem Reiter steht. "Man stelle sich vor, man hat ein Rind vor der Nase, das nach links und rechts springt. Wenn ich mein Pferd erst biegen und in eine bestimmte Richtung schieben muss, ist das Rind schon wieder weg", sagt Hörmann.

Im Video: Reining im Selbstversuch

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Bei aller Geschwindigkeit sollen Reiter und Pferd gleichzeitig Harmonie und Gelassenheit ausstrahlen. "Wenn es sich mühelos anfühlt, dann ist es gut", sagt der Bundestrainer: "Das ist auch ein bisschen die Tragik des Sports, dass die Leute immer sagen 'Och, das sieht ja leicht aus'".

Auf den Reining-Turnieren absolvieren die Reiter sogenannte Pattern, die aus verschiedenen Elementen bestehen - vergleichbar mit einer Kür im Dressurreiten. Sie umfassen unter anderem kleine und große Zirkel und die spektakulär aussehenden Manöver "Sliding Stop" und "Spin", bei dem sich das Pferd schnell bis zu vier Mal je Richtung um die eigene Achse dreht.

Geritten wird, im Unterschied zur Dressur, ausschließlich im Galopp. Das Regelwerk ist strikt: Kommt ein Pferd nicht genau nach der geforderten Anzahl an Drehungen zum Stillstand oder zeigt es Abwehrreaktionen wie Austreten oder Kopfschlagen, kommt es zu deutlichen Punktabzügen.

"Wie Schlittschuhlaufen zu Pferd"

Der 39-jährige Hörmann kann auf zahlreiche Reining-Titel zurückblicken: zweimal Deutscher Meister, Vize-Europameister, zweimal EM-Gold mit dem Team, einmal EM-Silber. Seit 2012 ist er Koordinator beim Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) für die Disziplinen Reining, Distanzreiten und Para-Equestrian, seit 2015 Bundestrainer für Reining.

Nico Hörmann
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Mit dem Reiten begonnen hat er als Ferienkind auf einem Ponyhof. In der englischen Reitweise. Doch er fand Westernreiten cooler, allein schon wegen der Karl-May-Verfilmungen. "Die Disziplin hat es mir angetan, weil Rasanz und Harmonie zusammenfallen. Es ist wie Schlittschuhlaufen zu Pferd", sagt er.

Bei den Weltreiterspielen in North Carolina wird sich zeigen, ob er seinen Titeln als Reiter weitere als Trainer hinzufügen kann. Es wäre für das deutsche Team eine Premiere. "Wir sind bei den Weltreiterspielen mit der Mannschaft immer Vierter geworden. Jetzt sind wir heiß auf die Medaille", sagt er.

Das Ziel in Tryon? Eine Medaille - mindestens

Auf ein gutes Pferd im amerikanischen Stall muss das deutsche Team allerdings kurzfristig verzichten: "Gotta Nifty Gun", der Hengst von Gina Maria Schumacher, erkrankte unmittelbar vor Abflug, sodass die Tochter von Formel-1-Legende Michael Schumacher nicht an den Start gehen kann.

Die 21-Jährige hatte im vergangenen Jahr Einzel- und Teamgold bei der WM der Jungen Reiter gewonnen und war zum ersten Mal für die Weltreiterspiele nominiert. "Sie war im Nachwuchsbereich eine Liga für sich und hat direkt den Sprung ins Seniorlager geschafft", sagt Hörmann. Ersatzreiterin wird die gleichaltrige Maria Till - nach Schumacher die zweitbeste deutsche Reiterin bei der Nachwuchs-WM.

"Eine natürliche Grenze des Wachstums"

Hauptkonkurrent um die Medaillen in der Team- und Einzelentscheidung wird für das deutsche Team die USA sein. Dass die Disziplin ein amerikanischer Sport ist, schlägt sich in der Dominanz der US-Reiter nieder: Seit 2002 gingen fast alle Goldmedaillen bei den Weltreiterspielen an sie.

Dass der Sport so stark mit der amerikanischen Westernkultur verknüpft ist, ist für Hörmann darüber hinaus ein Faktor, der sich auf die Verbreitung der Disziplin auswirken kann - und damit auch auf die Frage, ob sie olympisch wird: "Nachweislich muss dafür eine bestimmte Anzahl an Nationen den Sport ambitioniert ausführen. Aus meiner persönlichen Sicht haben wir eine natürliche Grenze des Wachstums, weil es ein amerikanischer Sport ist", sagt er. Staaten, die ein enges Verhältnis zu den USA hätten, übten die Disziplin ambitioniert aus - und umgekehrt. Rein aus politischer Sicht werde es schwierig, Reining olympisch zu machen.

Wie es mit der jungen Disziplin weitergeht, wird sich zeigen. Zunächst wird bei den Weltreiterspielen ausgetragen, welches Pferd besser stoppt und welches schneller dreht. Ganz wie die Cowboys am Lagerfeuer.

Die Teamentscheidung in der Westerndressur fällt am 12. September (22 Uhr MEZ), das Finale im Einzel am 16. September (0 Uhr MEZ).

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