Zukunft der Reit-WM Spiele mit Hindernissen

Verletzte Pferde, abgesagte Dressur-Kür, Baustellen: Die Weltreiterspiele in North Carolina waren geprägt von Chaos. Der Verband plant nun das Turnier 2022 - ausgerechnet Pannenort Tryon will sich wieder bewerben.

Weltmeisterin Simone Blum in Tryon
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Weltmeisterin Simone Blum in Tryon

Aus Tryon/North Carolina berichtet


Der "Visionär" hatte zum Pressegespräch geladen. So jedenfalls stand es auf dem Aushang. Mark Bellissimo, Chef des Tryon International Equestrian Center (TIEC), wolle "über seine Visionen" für das Gelände der Weltreiterspiele informieren. Und so bat er in den dritten Stock der Haupttribüne, ließ Wein, Bier und Knabbereien servieren.

Bellissimo ist ein typischer amerikanischer Geschäftsmann: Mitte 50, lockiges Haar, helles Hemd, dunkles Jackett. Er sprach davon, wie er "vor vier Jahren auf einer Anhöhe gesessen und über das Gelände geschaut" habe. Vor ihm lagen 1600 Hektar "sanft geschwungene Hügel". In seinem Kopf jedoch sah er Bilder eines "weltweit einzigartigen Pferde-Resorts". Besser noch als die Reitanlagen in Florida und Colorado, die er mit anderen Investoren bereits entwickelt hat.

Mark Bellissimo
REUTERS

Mark Bellissimo

Die Weltreiterspiele 2018 kamen in seiner damaligen Vision nicht vor. Sie waren ohnehin an die kanadische Gemeinde Bromont vergeben worden. Doch als diese im Juli 2016 wegen finanzieller Probleme den Vertrag mit dem Weltreiterverband FEI kündigte, kam Bellissimo ins Spiel. Tryon war der einzige Bewerber. Die Wahl Anfang November 2016 fiel dementsprechend "einstimmig" aus. FEI-Präsident Ingmar de Vos sprach dennoch von "einer beeindruckenden Bewerbung" und betonte zugleich, dass der "wirklich spektakuläre Austragungsort bereits über fast die komplette Infrastruktur für unsere acht Disziplinen" verfüge.

"Wir haben viele Fehler gemacht"

Nun ist die WM 2018 vorbei - und aus der beeindruckenden Bewerbung sind wenig beeindruckende Titelkämpfe geworden. Sportlich zwar hochklassig, werden doch vor allem Pannen, Peinlichkeiten und Tierschutzfragen in Erinnerung bleiben. Dressurreiterin Isabell Werth sprach von einem Chaos, das sie so "noch nicht ansatzweise" erlebt habe.

Beim Distanzreiten fanden die Sportler weder Start noch Strecke, das Rennen wurde daher von 160 auf 120 Kilometer verkürzt und letztlich wegen zu hoher Belastung für die Tiere abgebrochen. 53 Vierbeiner mussten anschließend tierärztlich behandelt werden. Ein Pferd wurde eingeschläfert. Später folgte nach dem Geländeritt der Vielseitigkeitsreiter ein weiteres.

Dass die Dressur-Kür am Sonntag wegen Regens im Zuge von Hurrikan "Florence" nicht ausgetragen werden konnte, dafür konnte niemand etwas. Allerdings waren die Veranstalter zu unflexibel, um den Wettkampf einen Tag vorzuziehen. "Wir haben viele Herausforderungen gehabt und viele Fehler gemacht. Ich übernehme für vieles persönlich die Verantwortung", sagte Bellissimo.

Weltreiterspiele auf der Baustelle
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Weltreiterspiele auf der Baustelle

Stallungen und Böden wurden zwar von den Athleten äußerst gelobt, dennoch war das Gelände während der zwölf WM-Tage eine stetige Baustelle. Die Parkplätze unbefestigt und matschig, Pferdepfleger mussten in Zelten schlafen. Und irgendwann kam dann noch die Erkenntnis, dass man es einfach nicht mehr schaffe, die Toiletten auf der Haupttribüne fertigzustellen. So gingen die VIPs eben auf Dixie-Klos. "In drei Monaten wäre die WM sensationell gewesen. Das Areal ist bereits jetzt einzigartig", sagt Bellissimo. Wer 250 Millionen Dollar in Tryon investiert hat, muss wohl so reden.

De Vos ist bei seiner Bilanz spürbar um Diplomatie bemüht. Er weiß, dass er Bellissimo kaum kritisieren kann. Schließlich hat der ihm geholfen und eben nur 18 Monate Vorbereitungszeit gehabt. "Ich kann die Athleten verstehen, die frustriert sind, wenn sie viele Jahre hart trainieren und ihr Wettkampf dann gestrichen wird", sagte de Vos. Er sucht im Übrigen immer noch einen Ausrichter für die nächste WM 2022.

Vielleicht wird es ja wieder Tryon? Wenn die WM-Karawane das 1700-Einwohner-Dorf in North Carolina verlassen hat, will Bellissimo sein Reit-Resort vollenden. Dort, wo während der WM ein großer Parkplatz war, sollen bald Hotels, Apartments und sogar ein Amphitheater entstehen. "Wenn es denn mal fertig ist, ist es hervorragend, außergewöhnlich", sagte Isabell Werth.

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Weltreiterspiele in den USA: 800 Pferde und ein Wirbelsturm

Und somit wäre Tryon vielleicht der ideale WM-Gastgeber. Bellissimo weiß um die FEI-Probleme, einen Austragungsort zu finden - und positioniert sich schon mal. Die FEI solle sich auf "feste WM-Standorte festlegen", sagt er: "Einen in Europa und einen in den USA." Der Multimillionär geht sogar noch weiter.

Er will die WM auffrischen, verjüngen, cooler machen. Bellissimo sieht vergleichbare Wettbewerbe wie "Big Air" oder "Skicross" bei den olympischen Winterspielen und bringt "Gladiator-Polo" für die Weltreiterspiele ins Gespräch. De Vos hat's vernommen, wiegelt aber ab. Der Wettbewerb müsse "wichtig, nachhaltig und global" sein. Auf Gladiator Polo, eine in England populäre Spielweise des Polo, treffe das jedoch "absolut nicht zu".

Gelten diese Kriterien auch für das Distanzreiten, das immer wieder für Tierschutzskandale sorgt? Oder ist es nur eine Disziplin, an der sich vor allem Araber ergötzen? Die sind jedoch wichtige und finanzstarke FEI-Sponsoren. "Du musst dich immer neu definieren, der Sport entwickelt sich und wir befinden uns in einem stark konkurrierenden Umfeld mit anderen Sportarten und anderen Arten der Unterhaltung", weiß de Vos.

Er wird sich mit Bellissimo nach Abschluss der WM zusammensetzen, analysieren und bilanzieren. Und er will sehen, wie "das Konzept von Tryon in die Entwicklung unseres Sports passt." Die Weltreiterspiele alle vier Jahre woanders stattfinden zu lassen, sei nicht kosteneffizient. Vielleicht wird so ja aus der Not- tatsächlich eine Dauerlösung - trotz des Chaos in diesem Jahr.



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Hirschkuh 48 24.09.2018
1. da ist die größte kommerzielle
Pferdequal-Show mal wieder vorbei - für 2 Pferde für immer. Pferde treiben keinen Sport - sie werden zum Sportgerät degradiert und zur Sache gemacht. Diese Leute behaupten doch glatt noch, Pferde zu lieben.
surgeon84 24.09.2018
2. Tryon ständig?
Um Gotteswillen!! Man mag ja zum Reitsport stehen, wie man will, aber das wäre eine Katastrophe! Ich würde mal behaupten, der Todesstoss für die WM! Kaum Zuschauer und wer soll denn in größerer Zahl in diese brutale Hitze und diesen verlassenen Ort fahren? Für Europäer, die immerhin ein Zentrum des Reitens sind, auf die Dauer uninteressant. Dann schon lieber Aachen, das ja bewiesen hat wie so eine WM erfolgreich und kostendeckend durchzuführen ist. Aber Tryon war selbst im TV schwer zu ertragen mit dieser deprimierenden Kulisse. Allerdings sind die Distanzreiter wirklich ein grosses Problem!
trallafitti 24.09.2018
3. Bitte nicht immer diese Pauschalverurteilungen
Ja, es gibt schwarze Schafe. Und die Vorkomnisse bei den Distanzritten sind auf das schärfste zu verurteilen. Aber die allermeisten Reiter behandeln Ihr Pferd als Partner und eben nicht als Sportgerät. Glauben Sie mir, 700 Kilo können sie nicht erfolgreich dazu zwingen, etwas gegen ihren Willen zu tun. Wenn dann nur mit Methoden, die solche Verletzungen verursachen, dass sportliche Höchstleistungen unmöglich sind. Spitzenpferde kosten sehr viel Geld und sind nicht beliebig verfügbar, alleine deshalb tun die meisten Reiter alles für eine lange Gesunderhaltung. Im Springen hat z.B. ein 17 jähriger Hengst teilgenommen. Bei z.B. „Alice“ oder den Vielseitigkeitspferden ist an der Körpersprache und dem Gesichtsausdruck deutlich zu erkennen, dass es sich nicht um gequälte Kreaturen handelt. Wer wissen will, wie verantwortungsvoll Deutsche Spitzenreiter mit ihren Pferden umgehen, sollte sich die Reihe „Alte Helden“ ansehen, https://www.pferd-aktuell.de/altehelden
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