Weltyogatag Zu Besuch bei Nackt-, Bondage- und Heavy-Metal-Yoga

Bieryoga? Heavy-Metal-Yoga? Nacktyoga? Bitte was? Die weltweite Yoga-Industrie hat längst Imitatoren und Innovatoren hervorgebracht. Unser Autor hat ein paar besonders ausgefallene Kurse in Berlin besucht.

Besuch beim Butoh-Yoga
Zacharie Scheurer I hanslucas.com

Besuch beim Butoh-Yoga


"Du hast es geschafft", sagt Jörg Rudolf, Trainer an der Ashtanga Yoga Schule in Berlin, mit einem Lächeln. "Danke", wollte ich sagen, dabei hätte ich fast abgesagt. Mich vor Fremden komplett zu entkleiden, ist nicht das, was ich mir für einen Mittwochabend vorstelle. Aber dem Versprechen auf Rudolfs Internetseite zu männlichem Nacktyoga, "nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele zu bewegen", konnte ich nicht widerstehen.

"Du bist aus Indien", sagte einer meiner Mit-Yogis, während wir auf den Kurs warteten, "dort muss doch jeder Yoga machen, oder?" Eine schmeichelhafte, doch wenig realistische Erwartung. Als durchschnittlicher Einwohner Mumbais besteht der Hauptteil der körperlichen Ertüchtigung darin, Zügen, Terminen und der großen Liebe hinterherzurennen. Dankbarerweise mischte sich sein Freund ein: "Na klar, weil jeder Deutsche Bier trinkt, Brezel isst und sich Fußballspiele anschaut."

In der anschließenden Stunde führte Rudolf uns vier durch die typischen Übungen des Ashtanga-Yoga, bei denen wir Rücken und Glieder streckten, auf den Zehenspitzen standen, uns mit dem Kopf gegen eine Wand lehnten und die Übungen mit Sanskrit-Versen und Sonnengrüßen begleiteten. Splitternackt folgte ich den Übungen und vermied es, die Tattoos, die Muttermale und die Piercings an empfindlichen Stellen zu genau in Augenschein zu nehmen. Rudolf schien unsere Nacktheit weder wahrzunehmen, noch versuchte er uns mit Gequatsche über ein positives Körpergefühl zu ermutigen. Irgendwann wirkte unser Programm selbstverständlich und unsere Nacktheit nebensächlich.

"In Deutschland haben wir eine Nacktkultur"

Nacktyoga ist eines der Phänomene, die entstehen, wenn Kapitalismus auf Globalisierung trifft, ähnlich wie Kryptowährungen und Labradoodles. Wie sonst hätte Hühnchen-Tikka-Masala zum britischen Nationalgericht werden können? Die weltweite Yogaindustrie, 2017 auf einen Wert von 80 Milliarden Dollar geschätzt, hat viele Innovatoren und Imitatoren hervorgebracht. Es gibt Ziegenyoga, Fahrradyoga, Baby-Yoga, sogar BDSM-Yoga. Es ist ein Bereich, der sich mittlerweile gefährlich nah an der Parodie bewegt - aber was ist, wenn wir mit unserem Gelächter einige unerwartete positive Auswirkungen auf die Gesundheit übertönen? Um es für mich herauszufinden, besuchte ich in Berlin einige eher unorthodoxe Kurse: Heavy-Metal-Yoga, Bieryoga, Butoh-Yoga. Aber zunächst wollte ich wissen: warum Nacktyoga?

Besuch beim Heavy-Metal-Yoga
Zacharie Scheurer I hanslucas.com

Besuch beim Heavy-Metal-Yoga

"In Deutschland haben wir eine Nacktkultur", erklärte mir Rudolf. Als er vor zehn Jahren mit dem Lehren begann, riet ihm ein Schüler, ein Yoga für Nudisten maßzuschneidern. Rudolf entschied sich, einen reinen Männerkurs anzubieten ("Ich bin schwul. Ich will keine nackten Frauen sehen."), der gut läuft, bis auf gelegentliche Anfragen, ob denn "danach noch etwas passieren" würde. Tut es nicht, antwortet Rudolf ihnen. Er veranstalte einen "echten" Yogakurs.

So spezielle Yogakurse wie die von Rudolf ziehen ein eigenes Klientel an, fernab der Stereotypen wie Fitness-Leggins, Cold-Pressed-Juice und militanter Yogaverfechter. "Schw@rzes Yoga", Berlins erster Heavy-Metal-Kurs, zieht Metalheads an; beim Bieryoga, einer klassischen deutschen Erfindung, findet man sowohl Bierliebhaber als auch Tinder-Dates; und die Butoh-Yoga-Sitzung, die ich besucht habe, ist besonders bei Tänzern und Ravern beliebt - was allerdings auch daran liegen könnte, dass die Kursleiterin eine BDSM-Künstlerin im KitKatClub ist - einem Berliner Nachtklub, in dem Kleidung eher ein rares Gut ist.

Jeder Kurs zieht zwischen fünf und 15 Teilnehmer an. Geleitet werden sie allesamt von zertifizierten Yogalehrern, die ihre Abkehr vom traditionellen Yoga entweder persönlich ("Ich habe mein Zuhause darin gefunden") oder wirtschaftlich ("Warum nicht?") begründen.

Auch Metalheads suchen nach einem gesunden Lebensstil

Für Charlotte Messerschmidt war es schwierig, Heavy-Metal-Yoga zu etablieren. Viele Vermieter hatten Angst vor lauter Musik und "Blut an den Wänden". Aber Metalheads seien "nicht aggressiv", sagt Messerschmidt, während sie ihren wöchentlichen Kurs in einem gemieteten Raum vorbereitet, in dem sie die Vorhänge zuzieht und zahlreiche Kerzen anzündet. "Sie haben vielleicht wilde Haare, Piercings, Tattoos, Klamotten und Spikes, trotzdem suchen sie nach einem gesunden Lebensstil." Ihr Kurs sei wie jeder andere, finde nur eben bei einem anderen Dezibel-Level statt.

Besuch beim Heavy-Metal-Yoga
Zacharie Scheurer I hanslucas.com

Besuch beim Heavy-Metal-Yoga

Charlotte leitet unsere Stunde mit einer langsamen, eindringlichen Komposition eines serbischen Drone-Künstlers ein. Mit steigender musikalischer Intensität werden auch die Figuren schwieriger und die Muskeln angespannter. Irgendwann finden wir uns dabei wieder, wie wir kraftvoll ausatmen und dabei einen Kampfschrei wie im alten Sparta ausstoßen. Dies ist das Highlight ihres Kurses, der "Feueratem"; nervenzermürbend zu Beginn, doch schon bald kraftbringend. Und ja, hin und wieder wird es zu laut. "Obendrüber wohnen Metalheads, also ist alles gut", sagt Charlotte grinsend.

Bieryoga: "Prost" statt "Om"

Die Entstehung des Bieryoga fällt in die Kategorie: unbeabsichtigt genial. Vor drei Jahren hörte Jhula (Name geändert) von einem Kurs in den USA, der beides kombiniert. Davon inspiriert, erdachte sie einige Übungen, bei denen sich ein Schluck während des Streckens nehmen lässt. Später stellte sich heraus, dass die US-Yogis ihr Bier ausschließlich nach den Stunden trinken. Doch da liefen Jhulas Kurse bereits und wurden nicht zuletzt dank sozialer Netzwerke zu einem Hype, sie selbst aufgrund zahlreicher Medienberichte zu einer kleinen Berühmtheit.

Besuch beim Bieryoga
Zacharie Scheurer I hanslucas.com

Besuch beim Bieryoga

"Alle Asanas sind traditionelle Yoga-Asanas", sagt Jhula. "Ich bringe sie lediglich mit dem Bier zusammen und gebe ihnen lustige Namen." "Bierbank" ist ein imaginäres Biergartenmöbel, beim "Bierbaum" wird die Flasche mit gestreckten Armen auf dem Kopf balanciert. Nach jedem Schluck wird genussvoll geschmatzt ("Tcha!") und ein "Prost" statt eines "Oms" ausgestoßen. Jüngere Kursteilnehmer bekommen oft einen leichten Schwips und fangen mitten in den Übungen an zu kichern. Manchmal halten sie eine Position gerade lang genug, damit sie ihren Instagram-Feed füttern können. Jhula scheint das nicht zu stören.

"Mein Ansatz ist, dass jeder tun soll, was er mag und was ihm Spaß macht", sagt sie. Und was ist mit den Langzeiteffekten? "Es ist nicht gesünder, als Yoga zu machen, ohne Bier zu trinken - aber definitiv besser, als Bier zu trinken, ohne Yoga zu machen", sagt sie schmunzelnd.

Besuch beim Bieryoga
Zacharie Scheurer I hanslucas.com

Besuch beim Bieryoga

Es verwundert nicht, dass sich viele Yoga-Innovatoren den Zorn der Traditionalisten zuziehen. In einem berühmt gewordenen Pamphlet mit dem Titel "Die Vergewaltigung des Yoga" hat die Hindu American Foundation beklagt, dass die US-Yogaindustrie "zahllosen Yogis eine Zulassung gegeben habe, die nicht mal einen Hauch von Dankbarkeit gegenüber dem Hinduismus haben, dem Glauben, der ihnen dieses Geschenk gemacht hat".

Tatsächlich beschränkte sich das spirituelle Element bei den Kursen, die ich in Berlin besuchte, auf eine Kerze, gelegentliche Sanskrit-Verse, ein an die Wand gelehntes Bild einer Hindu-Gottheit und im Fall des Heavy-Meta-Yoga das Bild eines Rockstar-Buddhas, die linke Hand zum Devil's Horn erhoben. Bringt Yoga überhaupt noch etwas, wenn es auf eine Reihe von Übungen reduziert wird?

Besuch beim Butoh-Yoga
Zacharie Scheurer I hanslucas.com

Besuch beim Butoh-Yoga

Es sei ein andauerndes Experiment, stimmt Madeleine White zu, die Butoh-Yoga mit einer japanischen Tanztechnik und Kink-Yoga kombiniert, wodurch Latex, Seile und Bondage zu traditionellen Übungen hinzukommen. Die gebürtige Australierin hat mit 18 Jahren lyenger und Purna Yoga in der Stadt Rishikesh im Himalaya gelernt. Nach ihrem Umzug nach Berlin fand sie Freunde in der Rave-Community, wurde Teil einer Theater- und Butoh-Tanzgruppe - und startete ihre eigenen Yogakurse.

Auch Bondage-Yoga soll entspannen

Madeleines eineinhalbstündige Sessions starten langsam. Der Körper wird gelockert und in einen sinnlichen, tranceartigen Zustand gebracht. Anweisungen lauten zum Beispiel "Entsafte deine Kniescheiben wie Grapefruits" oder "Öffne die schweren Samtvorhänge vor deinen Augen". In den intensiveren Momenten schmissen wir uns wie Ping-Pong-Bälle durch das Studio, in den gemächlicheren glitten wir, ohne auch nur eine kleine Welle zu schlagen, in einen imaginären Pool.

Bieryoga in Berlin
Zacharie Scheurer I hanslucas.com

Bieryoga in Berlin

Auch wenn ihre Techniken sich unterscheiden, zollt Madeleines Programm der Kernphilosophie des Yoga Tribut: Körper und Geist zu entspannen. Das gilt auch für Bondage-Yoga, was sie ebenfalls anbietet: "Wenn du mit einengender Kleidung arbeitest, ist es ähnlich wie im Alltag mit Ängsten umzugehen." Die Idee dahinter ist einfach: "Wenn du die Situation nicht in der Hand hast und die Welt sich komplett gegen dich wendet - wie bleibst du ruhig und rational und überlegst dir Wege, wie du der Situation entkommen kannst?"

Wie aber würden ihre Lehrer in Rishikesh auf ihre Kurse mit sexuellem Unterton reagieren, fragte ich sie. "Sie würden sich freuen, dass ich noch immer Yoga praktiziere", sagt Madeleine lächelnd. "Viele arbeiten stattdessen irgendwann in einem Reisebüro."

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
freddykruger 21.06.2018
1. Metal Yoga???
Wie soll das aussehen? Den Körper bei Dream Theater Songs verknoten, was nachvollziehbar wäre. Oder doch den Schädel durch die Wand kloppen bei den Klängen von Slayer, mach ich sowieso jeden Tag. Aber neugierig bin ich schon geworden.
hage108-nau 21.06.2018
2. Yoga Definition
Maharishi Patanjali gilt als der Begründer der Yoga Philosophie. Er hat vor 5000 Jahren in Indien gelebt und ist der Verfasser der Yoga Sutren (Yoga Aphorismen). Die Yoga Sutren werden als die Hauptschrift der Yoga Philosophie angesehen. Bereits im zweiten Sutra des ersten Kapitels gibt Maharishi Patanjali eine genaue Yoga-Definition. Das zweite Sutra I.2 lautet: "Yoga ist das Transzendieren der Aktivität des Geistes." Und das nächste Sutra I.3 sagt: "Dann bleibt der Beobachter (der innere schweigende Beobachter allen Geschehens) in seinem eigenen Wesen gegründet." Yoga Asana - die traditionellen körperlichen Yogaübungen - geben dem Körper Flexibilität und Entspannung. Dadurch ist es leichter die geistige Aktivität zu transzendieren, weil Geist und Körper in enger Wechselbeziehung zueinander stehen. Wenn der Körper entspannt ist, dann entspannt sich automatisch auch der Geist. Bei der Meditation ist es umgekehrt. Durch Meditation entspannt sich der Geist, was erwiesenermaßen auch zu einer Entspannung des Körpers führt. Im Yoga werden beide Techniken angewandt - Körperübungen und Meditation. Beides dient dazu, den Zustand des Yoga - den Zustand der Einheit mit dem eigenen Wesen, mit dem eigenen Selbst - zu erfahren. "Gnoti se auton" - Erkenne Dich Selbst, stand über dem Tempel-Eingangstor zum Orakel von Delphi geschrieben. Diese Selbst-Erkenntnis wurde sowohl von den Indern als auch von den Griechen als das Hauptziel der menschlichen Evolution angesehen.
swamisalami 18.10.2018
3. Nackt-Yoga
Finde den Artikel echt interessant, auch wenn ich zugeben muss, dass ich Nackt-Yoga, genau wie die anderen Praktiken die hier aufgeführt werden, im Allgemeinen eher belächele. Aber es muss ja nunmal für jeden etwas geben. Hab zum Thema Nackt-Yoga dann gerade weiter recherchiert und noch einen Artikel https://www.yogabox.de/blog/nackt-yoga gefunden, der einem die Hemmungen tatsächlich etwas nimmt, weswegen ich jetzt überlege, das wirklich mal auszuprobieren. Im Endeffekt geht man ja bspw. auch nackt in eine Sauna.
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