Legendäre Surf-Gang Westsiders: "Wir waren alle high, verdammt high"

Aus Santa Cruz berichtet Jens Steffenhagen

2. Teil: Wie die Westsiders in den Drogensumpf gerieten

Bildband "Surfers Blood": Wellen, Drogen und Gewalt Fotos
Patrick Trefz

Die Westside hatte schon immer anspruchsvollere Wellen als die Gegend im Osten der Stadt. Spots wie Steamer Lane, der sich über mehrere hundert Meter abreiten lässt und wo die Wellen im Winter bis zu fünf Meter hoch werden. Hier entwickelte die junge Generation der Westsiders ihren Stil: kreative, waghalsige Manöver. Sprünge mit dem Surfboard, die das heutige Wellenreiten dominieren, wurden vor zwanzig Jahren in Santa Cruz erfunden. Der Fokus der Surfmedien verschob sich von Süd- nach Nordkalifornien und Bilder von Flea, Barney, Peter Mel, und Sean "Skindog" Collins beherrschten die Magazine.

Doch erst die Entdeckung von Mavericks ließ die Westsiders zu wahren Superstars werden. "Ich bekam von meinen Sponsoren zu der Zeit, als wir die ersten Mavericks-Sessions hatten, 300 Dollar im Monat", so Flea. "Davon konnte ich meine Miete zahlen und musste nebenher noch auf dem Bau arbeiten. Das war ein gutes Leben, aber ab 1993 begannen ganz andere Schecks hereinzusegeln. Die Medien liebten uns. Und mit jeder gigantischen Winter-Dünung stiegen die Einnahmen durch Cover-Boni, Videos und Preisgelder."

Ende der Neunziger kamen jährlich sechsstellige Summen zusammen. Flea kaufte sich ein Haus, nur wenige Blocks von dem Strand entfernt, an dem er aufgewachsen war. Vor seiner Tür stand ein schwarzer Pick-up mit einem Jet-Ski auf der Ladefläche. Wenn er in seinem 65er Drop Top Chevrolet Impala durch die Straßen fuhr, stand die Nachbarschaft Spalier. Flea war der König von Santa Cruz.

Rockstars auf Surfbrettern

Anfang des neuen Jahrtausends war Virostko für seinen Rockstar-Lifestyle genauso bekannt, wie für seine Leistungen auf dem Wasser. Die Partys, die er nach seinen Siegen schmiss, waren legendär. Die Journalistin Judy Carson, die 2002 im Auftrag des "Vanity Fair"-Magazins nach Santa Cruz reiste, um eine Reportage über die Westsiders zu schreiben, war dabei. Sie wollte miterleben, was passiert, wenn sich die Jungs auf ein paar Bier treffen - und verließ nach wenigen Stunden schockiert die Stadt. Ihr Artikel titulierte Flea bald darauf als "Tommy Lee of Surfing".

Doch die Verschleißerscheinungen des Profi-Lebens begannen Virostko langsam zuzusetzen. "Auf den Sponsorenterminen und bei den Touren ist kaum jemand nüchtern. Wenn man zu betrunken war, zog man eine Line Koks und wenn es morgens richtig verrückt werden sollte, schmissen wir Pillen hinterher. Da ging es noch um Spaß - doch dann erreichte Meth die Stadt", sagt Virostko.

Methamphetamin ist eine fürchterliche Droge. Ein einziger Zug an der Glaspfeife und man ist bis zu zwölf Stunden lang high. Das Zeug bietet grenzenlose Euphorie und das Gefühl, unverwundbar zu sein. Wie nach einem Mavericks-Ritt. Der Absturz, der auf den Rausch folgt, ist mindestens genauso brutal. "Anthony Ruffo war der Erste, der damit anfing", sagt Barney. Ruffo, heute 48, gewann 1985 den prestigeträchtigen Santa Cruz Coldwater Classic, Kaliforniens bedeutendsten Wettbewerb. Er ist eine Legende.

Die Surfsessions wurden kürzer, die Nächte länger

Im Februar 2012 wurde er zu einem Jahr Freiheitsstrafe wegen organisierten Drogenhandels verurteilt. Ruffo hatte gemeinsam mit der mexikanischen Gang The Nortenos Meth in der Surfszene verkauft. Auch Ur-Westsider Vince Collier und Big-Wave-Weltmeister Peter Mel verfielen der Droge. 2007 ertrank der Local Peter Davi in der Monterey Bay. Bei der Autopsie fand man große Mengen Meth in seinem Blut.

Flea begann im Frühjahr 2007 Methamphetamin zu rauchen. Im Laufe des Jahres wurden seine Surfsessions immer kürzer, die Nächte immer länger. Die meisten Sponsoren hatten ihn bereits fallengelassen. Mit der Abbezahlung seines Hauses war er im Rückstand, es drohte die Zwangsversteigerung.

"Mein Leben entglitt mir immer mehr. Aber ich war nicht der Einzige - Meth mischte die Surfszene auf. Auch auf Hawaii sind viele Profis süchtig geworden, doch die Surf-Industrie tut noch immer alles, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt", sagt Flea: "Schau dir nur an, wie es mit Andy lief." Der dreifache Weltmeister Andy Irons war 2010 im Alter von 32 Jahren während der Weltmeisterschaftstour an Herzversagen gestorben. In seinem Körper fand man Kokain, Methadon und Meth.

Eine Entzugsklinik speziell für die Wellenreiter von Santa Cruz

Flea hingegen zog die Notbremse. Im August 2008 fuhr er vor dem Beacon House in Monterrey vor, einer Drogen-Entzugsklinik. Die einstige Ikone des Big-Wave-Surfens legte die 40 Kilometer von Santa Cruz gen Süden im Vollrausch zurück. Der routinemäßig durchgeführte Drogentest bei seiner Einweisung zeigte einen Blutalkoholwert von 2,9 Promille. Freunde hatten ihn tagelang bedrängt, sich helfen zu lassen. "Damals war ich stinksauer über die Ratschläge", sagt Virostko. "Doch heute bin ich ihnen unendlich dankbar."

Mittlerweile ist Flea seit vier Jahren clean. Seine Erfahrungen will er weitergeben, in der Hoffnung, mit seiner Lebensgeschichte anderen süchtigen Surfern Mut zu machen. Unter dem Namen "Fleahab" betreibt er eine Entzugsklinik speziell für die Wellenreiter von Santa Cruz. "Durch das Wellenreiten haben wir etwas, das vielen anderen Süchtigen fehlt: eine positive Tätigkeit in der Natur. Also bringen wir unsere Patienten dazu, dieses Geschenk wieder wertzuschätzen." An Fleas Seite treten unter anderem Barney und Anthony Ruffo auf.

Die Westsiders sind wieder vereint - jetzt im Kampf gegen den Lifestyle, der einst ihr Markenzeichen war.

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1. Tolle Sportler!
Halodri73 29.12.2012
Zitat von sysopDie "Westsiders" aus dem nordkalifornischen Santa Cruz galten als die furchtlosesten Big-Wave-Surfer der Welt. Sie beherrschten die Monsterwelle "Mavericks" und gewannen zahlreiche Titel. Doch die Suche nach immer härteren Kicks endete für viele von ihnen im Drogensumpf. Westsiders: Legendäre Surf-Gruppe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/westsiders-legendaere-surf-gruppe-a-874583.html)
Und zugleich 1a Schwachköpfe. Schade, geht ja leider manchmal einher.
2. When the legend becomes fact...
WolfHai 29.12.2012
Zitat von sysopDie "Westsiders" aus dem nordkalifornischen Santa Cruz galten als die furchtlosesten Big-Wave-Surfer der Welt....
"When the legend becomes fact, print the legend." Also, diese für die USA typische Art von Heldenerzählung ist ja eine Kunstform, die der Autor nicht einmal schlecht kopiert, - aber ernstzunehmender Journalismus ist sie dann doch nicht.
3. Wellenreiten und Drogen
Outdoorer 29.12.2012
Das "High" das durch geile Tage in geilen Wellen entsteht, ist den "Highs", die gerade durch viele chemische Drogen ausgelöst werden, durchaus ähnlich, wie ich aus eigenen Erfahrungen weiß (wenn auch, zumindest was das Wellenreiten angeht, natürlich auf einem viel niedrigeren Level). Grenzbereiche erkunden und extremes Leben am Rande oder außerhalb der Gesellschaft gehören ebenfalls in weiten Teilen beider Szenen zusammen, sodass der Schritt vom Wellenreiten zum Drugusing wirklich nicht weit ist, wie auch jeder weiß, der sich in dieser Szene bewegt (hat). Als "sportliche Vorbilder" im Sinne der "normalen", bürgerlichen Gesellschaft haben Wellenreiter daher noch nie getaugt, deshalb sollte man sie auch nicht daran messen.
4. ein Nachrichtenmagazin
konradhaderthauer 29.12.2012
Ich bin immer wieder erstaunt, worueber mitunter im SPIEGEL geschrieben wird. "Legendäre Surf-Gang Westsiders" ... Was ? Wer fuer wen legendär ? Legendäre Idioten ? Weiss der Autor, was er von sich gibt ? Mir scheint, nein. Derartige Berichte ueber die US-Unkultur untergraben den Anspruch des SPIEGEL, ein Nachrichtenmagazin zu sein. An Duemmlichkeiten wird schonmehr als genug geschrieben.
5.
MartinS. 29.12.2012
Zitat von konradhaderthauerIch bin immer wieder erstaunt, worueber mitunter im SPIEGEL geschrieben wird. "Legendäre Surf-Gang Westsiders" ... Was ? Wer fuer wen legendär ? Legendäre Idioten ? Weiss der Autor, was er von sich gibt ? Mir scheint, nein. Derartige Berichte ueber die US-Unkultur untergraben den Anspruch des SPIEGEL, ein Nachrichtenmagazin zu sein. An Duemmlichkeiten wird schonmehr als genug geschrieben.
Legendäre Ausnahmesportler - sie haben auf jeden Fall maßgeblich zur Verbreitung des Surfsports beigetragen. Was ist daran denn zu bezweifeln, oder moralisch zu verdammen? DIESER Teil ist wirklich legendär... nur war er eben verbunden mit einer Schattenseite, die doch im Artikel hervorgehoben wird. Surfen ist also "Unkultur" (weil es aus Amerika kommt?) - aaah ja Oder gehts nur um den drastischen Drogenmisbrauch (ganz zweifellos auch eine amerikanische Errungenschaft... oder vielleicht doch nicht? Opium war in Asien und Europa schon lange weit verbreitet, als man in Amerika noch primär dem Alkohol anhing) Das schöne an modernen Medien ist doch, dass man sich ganz frei heraussuchen kann, was davon man konsumieren möchte. Wo liegt denn da der Sinn, sich über die Inhalte eines spezifischen Mediums zu mokieren? (aber das muss dann wohl der Teil der Deutschen "Unkultur" sein... irgendwie freu ich mich ja immer, sowas zu lesen)
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Surfweltmeister seit 1990
Jahr Name Land
1990 Tom Curren USA
1991 Damien Hardman AUS
1992 Kelly Slater USA
1993 Derek Ho USA
1994 Kelly Slater USA
1995 Kelly Slater USA
1996 Kelly Slater USA
1997 Kelly Slater USA
1998 Kelly Slater USA
1999 Mark Occhilupo AUS
2000 Sunny Garcia USA
2001 C.J. Hobgood USA
2002 Andy Irons USA
2003 Andy Irons USA
2004 Andy Irons USA
2005 Kelly Slater USA
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2010 Kelly Slater USA
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