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29. Dezember 2012, 10:33 Uhr

Legendäre Surf-Gang Westsiders

"Wir waren alle high, verdammt high"

Aus Santa Cruz berichtet Jens Steffenhagen

Die Westsiders aus dem nordkalifornischen Santa Cruz galten als die furchtlosesten Big-Wave-Surfer der Welt. Sie beherrschten die Monsterwelle Mavericks und gewannen zahlreiche Titel. Doch die Suche nach immer härteren Kicks endete für viele von ihnen im Drogensumpf.

"Es war nach einer langen Party-Nacht im Winter 1991. Wir waren alle high, verdammt high. Vince Collier hatte uns schon sehr lange von einem geheimen Spot erzählt, der alle Wellen, die wir kannten, in den Schatten stellen sollte. An diesem Morgen war er endlich bereit, uns dort hinzufahren. Als wir ankamen, trauten wir unseren Augen nicht: 15 Meter hohe Wasserberge brachen perfekt vor den Klippen, auf denen wir standen. Bis dahin dachten wir, Big-Wave-Surfen gäbe es nur auf Hawaii. Doch das hier war brutaler als alles, was wir dort jemals gesehen hatten. Die Wellen waren unberechenbar und das Wasser war kalt und dunkel. Machte man einen Fehler, so landete man in den Felsen. Benebelt wie wir waren, paddelten wir raus. Ich erwischte ein Monster und verliebte mich sofort in den Ort. Dieser Ort war Mavericks."

Darryl Virostko, "Flea" genannt, weil er auf den gigantischen Wellen, die er surft, so klein wie ein Floh erscheint, hat eine raue, heisere Stimme. Sein Englisch ist breit, die Worte gedehnt wie Kaugummi. Er trägt Jeans und ein graues T-Shirt ohne Logo. Das wäre noch vor kurzem undenkbar gewesen, denn lange Zeit rissen sich die großen Surfmarken darum, ihn einzukleiden. Flea war einmal der König der Big-Wave-Surfer - jener Sportler, die in die größten Wellen paddeln, die sie auf der Welt finden können.

1999 gewann Flea den ersten Mavericks-Contest. 2000 schlug er im Finale den vielfachen Weltmeister Kelly Slater. 2004, als der Wettbewerb nach einer dreijährigen Pause wieder ausgetragen wurde, gewann er erneut. Der Floh fühlte sich unverwundbar. "Alles war eine einzige große Party", sagt der 41-Jährige: "Doch wenn man nur auf Spaß aus ist, handelt man nicht besonders weise."

Flea kommt aus Santa Cruz. Die Stadt hat schon viele berühmte Wellenreiter hervorgebracht, sie ist die offizielle "Surf City" der USA. Die Küstenlinie ist ideal geformt, die Gegend hat ungezählte Weltklasse-Surfspots, besonders westlich des San Lorenzo River, der die Stadt in East- und Westside teilt.

In dem 55.000-Einwohner-Ort dreht sich alles ums Surfen: Das Meer ist voller Wellenreiter in Neopren-Anzügen und jeder Bewohner scheint Richtung Strand unterwegs zu sein, das Brett unter dem Arm. Doch in den vergangenen Jahren beherrschten nicht mehr die internationalen Erfolge der lokalen Surfer die Schlagzeilen, sondern Berichte über deren Abstürze, über Gang-Kriminalität und Drogenexzesse.

Drogen und Gewalt gehörten zur Surfszene dazu

"Santa Cruz war schon immer eine Drogenstadt", sagt Flea, der im Garten seines Freundes Shawn Barron sitzt: "Und die Leute hier haben eine Menge Geld damit verdient. In den Achtzigern kostete ein Kilogramm Gras 10.000 Dollar - da haben viele der Surfer im professionellen Stil Marihuana angebaut. Die Hälfte der Surffirmen in Santa Cruz wurde mit Drogengeld gegründet."

Neben Flea sitzt Barron, ebenfalls ein Pionier der Riesenwelle Mavericks und von allen nur "Barney" genannt. Er sagt über die Zeit damals: "Neben den Drogen der Hippie-Ära kam auch immer häufiger harter Stoff aus der Biker-Szene im benachbarten San Jose."

Doch nicht nur die Drogen waren ein Problem. "Auch die Gewalt war schon immer ein Teil der Surfszene hier", sagt Barney. Wenn sie als Teenager nach der Schule mit dem Rad zum Strand fuhren, hatten sie Angst, den falschen Leuten zu begegnen. "Ohne Grund hast du Schläge kassiert, lagst am Boden, das Rad war weg." Flea bestätigt das: "Wenn du einem von ihnen auf der Welle im Weg lagst, hattest du ein echtes Problem. Sie brachen dir die Finnen ab und hielten dich so lange unter Wasser, bist du fast ertrunken bist."

'Sie' - das waren die Westsiders der ersten Stunde: Vince Collier, Anthony Ruffo oder Richard Schmidt etwa. Großartige Surfer, in der ganzen Welt bekannt. In den heimischen Gewässern agierten sie wie aggressive Platzhirsche, die bestimmten, wer Wellen oder Schläge bekam.

Seit die Klänge der Beach Boys in den sechziger Jahren Tausende Surfanfänger aus dem verhassten "Valley", den Bezirken im Inland, an die Strände leitete, zogen sich die Küstenbewohner in scharf abgegrenzte Gruppen zurück. Nun aber hieß es nicht länger "Santa Cruz vs. Valley" sondern plötzlich "Eastside vs. Westside". Aus Nachbarschaft wurde Feindschaft, es herrschte das Recht des Stärkeren. Flea und Barney wuchsen in dieser Kultur der Gewalt auf. Sie wurden Teil der Gang, rückten auf in ihrer Hierarchie, bis sie selbst das Kommando übernahmen.

Wie die Westsiders in den Drogensumpf gerieten

Die Westside hatte schon immer anspruchsvollere Wellen als die Gegend im Osten der Stadt. Spots wie Steamer Lane, der sich über mehrere hundert Meter abreiten lässt und wo die Wellen im Winter bis zu fünf Meter hoch werden. Hier entwickelte die junge Generation der Westsiders ihren Stil: kreative, waghalsige Manöver. Sprünge mit dem Surfboard, die das heutige Wellenreiten dominieren, wurden vor zwanzig Jahren in Santa Cruz erfunden. Der Fokus der Surfmedien verschob sich von Süd- nach Nordkalifornien und Bilder von Flea, Barney, Peter Mel, und Sean "Skindog" Collins beherrschten die Magazine.

Doch erst die Entdeckung von Mavericks ließ die Westsiders zu wahren Superstars werden. "Ich bekam von meinen Sponsoren zu der Zeit, als wir die ersten Mavericks-Sessions hatten, 300 Dollar im Monat", so Flea. "Davon konnte ich meine Miete zahlen und musste nebenher noch auf dem Bau arbeiten. Das war ein gutes Leben, aber ab 1993 begannen ganz andere Schecks hereinzusegeln. Die Medien liebten uns. Und mit jeder gigantischen Winter-Dünung stiegen die Einnahmen durch Cover-Boni, Videos und Preisgelder."

Ende der Neunziger kamen jährlich sechsstellige Summen zusammen. Flea kaufte sich ein Haus, nur wenige Blocks von dem Strand entfernt, an dem er aufgewachsen war. Vor seiner Tür stand ein schwarzer Pick-up mit einem Jet-Ski auf der Ladefläche. Wenn er in seinem 65er Drop Top Chevrolet Impala durch die Straßen fuhr, stand die Nachbarschaft Spalier. Flea war der König von Santa Cruz.

Rockstars auf Surfbrettern

Anfang des neuen Jahrtausends war Virostko für seinen Rockstar-Lifestyle genauso bekannt, wie für seine Leistungen auf dem Wasser. Die Partys, die er nach seinen Siegen schmiss, waren legendär. Die Journalistin Judy Carson, die 2002 im Auftrag des "Vanity Fair"-Magazins nach Santa Cruz reiste, um eine Reportage über die Westsiders zu schreiben, war dabei. Sie wollte miterleben, was passiert, wenn sich die Jungs auf ein paar Bier treffen - und verließ nach wenigen Stunden schockiert die Stadt. Ihr Artikel titulierte Flea bald darauf als "Tommy Lee of Surfing".

Doch die Verschleißerscheinungen des Profi-Lebens begannen Virostko langsam zuzusetzen. "Auf den Sponsorenterminen und bei den Touren ist kaum jemand nüchtern. Wenn man zu betrunken war, zog man eine Line Koks und wenn es morgens richtig verrückt werden sollte, schmissen wir Pillen hinterher. Da ging es noch um Spaß - doch dann erreichte Meth die Stadt", sagt Virostko.

Methamphetamin ist eine fürchterliche Droge. Ein einziger Zug an der Glaspfeife und man ist bis zu zwölf Stunden lang high. Das Zeug bietet grenzenlose Euphorie und das Gefühl, unverwundbar zu sein. Wie nach einem Mavericks-Ritt. Der Absturz, der auf den Rausch folgt, ist mindestens genauso brutal. "Anthony Ruffo war der Erste, der damit anfing", sagt Barney. Ruffo, heute 48, gewann 1985 den prestigeträchtigen Santa Cruz Coldwater Classic, Kaliforniens bedeutendsten Wettbewerb. Er ist eine Legende.

Die Surfsessions wurden kürzer, die Nächte länger

Im Februar 2012 wurde er zu einem Jahr Freiheitsstrafe wegen organisierten Drogenhandels verurteilt. Ruffo hatte gemeinsam mit der mexikanischen Gang The Nortenos Meth in der Surfszene verkauft. Auch Ur-Westsider Vince Collier und Big-Wave-Weltmeister Peter Mel verfielen der Droge. 2007 ertrank der Local Peter Davi in der Monterey Bay. Bei der Autopsie fand man große Mengen Meth in seinem Blut.

Flea begann im Frühjahr 2007 Methamphetamin zu rauchen. Im Laufe des Jahres wurden seine Surfsessions immer kürzer, die Nächte immer länger. Die meisten Sponsoren hatten ihn bereits fallengelassen. Mit der Abbezahlung seines Hauses war er im Rückstand, es drohte die Zwangsversteigerung.

"Mein Leben entglitt mir immer mehr. Aber ich war nicht der Einzige - Meth mischte die Surfszene auf. Auch auf Hawaii sind viele Profis süchtig geworden, doch die Surf-Industrie tut noch immer alles, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt", sagt Flea: "Schau dir nur an, wie es mit Andy lief." Der dreifache Weltmeister Andy Irons war 2010 im Alter von 32 Jahren während der Weltmeisterschaftstour an Herzversagen gestorben. In seinem Körper fand man Kokain, Methadon und Meth.

Eine Entzugsklinik speziell für die Wellenreiter von Santa Cruz

Flea hingegen zog die Notbremse. Im August 2008 fuhr er vor dem Beacon House in Monterrey vor, einer Drogen-Entzugsklinik. Die einstige Ikone des Big-Wave-Surfens legte die 40 Kilometer von Santa Cruz gen Süden im Vollrausch zurück. Der routinemäßig durchgeführte Drogentest bei seiner Einweisung zeigte einen Blutalkoholwert von 2,9 Promille. Freunde hatten ihn tagelang bedrängt, sich helfen zu lassen. "Damals war ich stinksauer über die Ratschläge", sagt Virostko. "Doch heute bin ich ihnen unendlich dankbar."

Mittlerweile ist Flea seit vier Jahren clean. Seine Erfahrungen will er weitergeben, in der Hoffnung, mit seiner Lebensgeschichte anderen süchtigen Surfern Mut zu machen. Unter dem Namen "Fleahab" betreibt er eine Entzugsklinik speziell für die Wellenreiter von Santa Cruz. "Durch das Wellenreiten haben wir etwas, das vielen anderen Süchtigen fehlt: eine positive Tätigkeit in der Natur. Also bringen wir unsere Patienten dazu, dieses Geschenk wieder wertzuschätzen." An Fleas Seite treten unter anderem Barney und Anthony Ruffo auf.

Die Westsiders sind wieder vereint - jetzt im Kampf gegen den Lifestyle, der einst ihr Markenzeichen war.

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