Legendäre Surf-Gang Westsiders: "Wir waren alle high, verdammt high"

Aus Santa Cruz berichtet

Die Westsiders aus dem nordkalifornischen Santa Cruz galten als die furchtlosesten Big-Wave-Surfer der Welt. Sie beherrschten die Monsterwelle Mavericks und gewannen zahlreiche Titel. Doch die Suche nach immer härteren Kicks endete für viele von ihnen im Drogensumpf.

Bildband "Surfers Blood": Wellen, Drogen und Gewalt Fotos
Patrick Trefz

"Es war nach einer langen Party-Nacht im Winter 1991. Wir waren alle high, verdammt high. Vince Collier hatte uns schon sehr lange von einem geheimen Spot erzählt, der alle Wellen, die wir kannten, in den Schatten stellen sollte. An diesem Morgen war er endlich bereit, uns dort hinzufahren. Als wir ankamen, trauten wir unseren Augen nicht: 15 Meter hohe Wasserberge brachen perfekt vor den Klippen, auf denen wir standen. Bis dahin dachten wir, Big-Wave-Surfen gäbe es nur auf Hawaii. Doch das hier war brutaler als alles, was wir dort jemals gesehen hatten. Die Wellen waren unberechenbar und das Wasser war kalt und dunkel. Machte man einen Fehler, so landete man in den Felsen. Benebelt wie wir waren, paddelten wir raus. Ich erwischte ein Monster und verliebte mich sofort in den Ort. Dieser Ort war Mavericks."

Darryl Virostko, "Flea" genannt, weil er auf den gigantischen Wellen, die er surft, so klein wie ein Floh erscheint, hat eine raue, heisere Stimme. Sein Englisch ist breit, die Worte gedehnt wie Kaugummi. Er trägt Jeans und ein graues T-Shirt ohne Logo. Das wäre noch vor kurzem undenkbar gewesen, denn lange Zeit rissen sich die großen Surfmarken darum, ihn einzukleiden. Flea war einmal der König der Big-Wave-Surfer - jener Sportler, die in die größten Wellen paddeln, die sie auf der Welt finden können.

1999 gewann Flea den ersten Mavericks-Contest. 2000 schlug er im Finale den vielfachen Weltmeister Kelly Slater. 2004, als der Wettbewerb nach einer dreijährigen Pause wieder ausgetragen wurde, gewann er erneut. Der Floh fühlte sich unverwundbar. "Alles war eine einzige große Party", sagt der 41-Jährige: "Doch wenn man nur auf Spaß aus ist, handelt man nicht besonders weise."

Flea kommt aus Santa Cruz. Die Stadt hat schon viele berühmte Wellenreiter hervorgebracht, sie ist die offizielle "Surf City" der USA. Die Küstenlinie ist ideal geformt, die Gegend hat ungezählte Weltklasse-Surfspots, besonders westlich des San Lorenzo River, der die Stadt in East- und Westside teilt.

In dem 55.000-Einwohner-Ort dreht sich alles ums Surfen: Das Meer ist voller Wellenreiter in Neopren-Anzügen und jeder Bewohner scheint Richtung Strand unterwegs zu sein, das Brett unter dem Arm. Doch in den vergangenen Jahren beherrschten nicht mehr die internationalen Erfolge der lokalen Surfer die Schlagzeilen, sondern Berichte über deren Abstürze, über Gang-Kriminalität und Drogenexzesse.

Drogen und Gewalt gehörten zur Surfszene dazu

"Santa Cruz war schon immer eine Drogenstadt", sagt Flea, der im Garten seines Freundes Shawn Barron sitzt: "Und die Leute hier haben eine Menge Geld damit verdient. In den Achtzigern kostete ein Kilogramm Gras 10.000 Dollar - da haben viele der Surfer im professionellen Stil Marihuana angebaut. Die Hälfte der Surffirmen in Santa Cruz wurde mit Drogengeld gegründet."

Neben Flea sitzt Barron, ebenfalls ein Pionier der Riesenwelle Mavericks und von allen nur "Barney" genannt. Er sagt über die Zeit damals: "Neben den Drogen der Hippie-Ära kam auch immer häufiger harter Stoff aus der Biker-Szene im benachbarten San Jose."

Doch nicht nur die Drogen waren ein Problem. "Auch die Gewalt war schon immer ein Teil der Surfszene hier", sagt Barney. Wenn sie als Teenager nach der Schule mit dem Rad zum Strand fuhren, hatten sie Angst, den falschen Leuten zu begegnen. "Ohne Grund hast du Schläge kassiert, lagst am Boden, das Rad war weg." Flea bestätigt das: "Wenn du einem von ihnen auf der Welle im Weg lagst, hattest du ein echtes Problem. Sie brachen dir die Finnen ab und hielten dich so lange unter Wasser, bist du fast ertrunken bist."

'Sie' - das waren die Westsiders der ersten Stunde: Vince Collier, Anthony Ruffo oder Richard Schmidt etwa. Großartige Surfer, in der ganzen Welt bekannt. In den heimischen Gewässern agierten sie wie aggressive Platzhirsche, die bestimmten, wer Wellen oder Schläge bekam.

Seit die Klänge der Beach Boys in den sechziger Jahren Tausende Surfanfänger aus dem verhassten "Valley", den Bezirken im Inland, an die Strände leitete, zogen sich die Küstenbewohner in scharf abgegrenzte Gruppen zurück. Nun aber hieß es nicht länger "Santa Cruz vs. Valley" sondern plötzlich "Eastside vs. Westside". Aus Nachbarschaft wurde Feindschaft, es herrschte das Recht des Stärkeren. Flea und Barney wuchsen in dieser Kultur der Gewalt auf. Sie wurden Teil der Gang, rückten auf in ihrer Hierarchie, bis sie selbst das Kommando übernahmen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Tolle Sportler!
Halodri73 29.12.2012
Zitat von sysopPatrick TrefzDie "Westsiders" aus dem nordkalifornischen Santa Cruz galten als die furchtlosesten Big-Wave-Surfer der Welt. Sie beherrschten die Monsterwelle "Mavericks" und gewannen zahlreiche Titel. Doch die Suche nach immer härteren Kicks endete für viele von ihnen im Drogensumpf. http://www.spiegel.de/sport/sonst/westsiders-legendaere-surf-gruppe-a-874583.html
Und zugleich 1a Schwachköpfe. Schade, geht ja leider manchmal einher.
2. When the legend becomes fact...
WolfHai 29.12.2012
Zitat von sysopPatrick TrefzDie "Westsiders" aus dem nordkalifornischen Santa Cruz galten als die furchtlosesten Big-Wave-Surfer der Welt. Sie beherrschten die Monsterwelle "Mavericks" und gewannen zahlreiche Titel. Doch die Suche nach immer härteren Kicks endete für viele von ihnen im Drogensumpf. http://www.spiegel.de/sport/sonst/westsiders-legendaere-surf-gruppe-a-874583.html
"When the legend becomes fact, print the legend." Also, diese für die USA typische Art von Heldenerzählung ist ja eine Kunstform, die der Autor nicht einmal schlecht kopiert, - aber ernstzunehmender Journalismus ist sie dann doch nicht.
3. Wellenreiten und Drogen
Outdoorer 29.12.2012
Das "High" das durch geile Tage in geilen Wellen entsteht, ist den "Highs", die gerade durch viele chemische Drogen ausgelöst werden, durchaus ähnlich, wie ich aus eigenen Erfahrungen weiß (wenn auch, zumindest was das Wellenreiten angeht, natürlich auf einem viel niedrigeren Level). Grenzbereiche erkunden und extremes Leben am Rande oder außerhalb der Gesellschaft gehören ebenfalls in weiten Teilen beider Szenen zusammen, sodass der Schritt vom Wellenreiten zum Drugusing wirklich nicht weit ist, wie auch jeder weiß, der sich in dieser Szene bewegt (hat). Als "sportliche Vorbilder" im Sinne der "normalen", bürgerlichen Gesellschaft haben Wellenreiter daher noch nie getaugt, deshalb sollte man sie auch nicht daran messen.
4. ein Nachrichtenmagazin
konradhaderthauer 29.12.2012
Ich bin immer wieder erstaunt, worueber mitunter im SPIEGEL geschrieben wird. "Legendäre Surf-Gang Westsiders" ... Was ? Wer fuer wen legendär ? Legendäre Idioten ? Weiss der Autor, was er von sich gibt ? Mir scheint, nein. Derartige Berichte ueber die US-Unkultur untergraben den Anspruch des SPIEGEL, ein Nachrichtenmagazin zu sein. An Duemmlichkeiten wird schonmehr als genug geschrieben.
5.
MartinS. 29.12.2012
Zitat von konradhaderthauerIch bin immer wieder erstaunt, worueber mitunter im SPIEGEL geschrieben wird. "Legendäre Surf-Gang Westsiders" ... Was ? Wer fuer wen legendär ? Legendäre Idioten ? Weiss der Autor, was er von sich gibt ? Mir scheint, nein. Derartige Berichte ueber die US-Unkultur untergraben den Anspruch des SPIEGEL, ein Nachrichtenmagazin zu sein. An Duemmlichkeiten wird schonmehr als genug geschrieben.
Legendäre Ausnahmesportler - sie haben auf jeden Fall maßgeblich zur Verbreitung des Surfsports beigetragen. Was ist daran denn zu bezweifeln, oder moralisch zu verdammen? DIESER Teil ist wirklich legendär... nur war er eben verbunden mit einer Schattenseite, die doch im Artikel hervorgehoben wird. Surfen ist also "Unkultur" (weil es aus Amerika kommt?) - aaah ja Oder gehts nur um den drastischen Drogenmisbrauch (ganz zweifellos auch eine amerikanische Errungenschaft... oder vielleicht doch nicht? Opium war in Asien und Europa schon lange weit verbreitet, als man in Amerika noch primär dem Alkohol anhing) Das schöne an modernen Medien ist doch, dass man sich ganz frei heraussuchen kann, was davon man konsumieren möchte. Wo liegt denn da der Sinn, sich über die Inhalte eines spezifischen Mediums zu mokieren? (aber das muss dann wohl der Teil der Deutschen "Unkultur" sein... irgendwie freu ich mich ja immer, sowas zu lesen)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Surfen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
Fotostrecke
Surfen in Riesenwellen: Eiswasser vor Oregon, brutale Schönheit in Tahiti

Surfweltmeister seit 1990
Jahr Name Land
1990 Tom Curren USA
1991 Damien Hardman AUS
1992 Kelly Slater USA
1993 Derek Ho USA
1994 Kelly Slater USA
1995 Kelly Slater USA
1996 Kelly Slater USA
1997 Kelly Slater USA
1998 Kelly Slater USA
1999 Mark Occhilupo AUS
2000 Sunny Garcia USA
2001 C.J. Hobgood USA
2002 Andy Irons USA
2003 Andy Irons USA
2004 Andy Irons USA
2005 Kelly Slater USA
2006 Kelly Slater USA
2007 Mick Fanning AUS
2008 Kelly Slater USA
2009 Mick Fanning AUS
2010 Kelly Slater USA
2011 Kelly Slater USA
2012 Joel Parkinson AUS
2013 Mick Fanning AUS
Fotostrecke
Surferin auf Hawaii: Mit 62 Jahren noch in der Welle