Motorsport Der Fluch der Dunlops

Es ist bereits der dritte tödliche Rennunfall in der Familie: Der Motorradrennfahrer William Dunlop starb am Samstag nach einem Sturz - dabei wollte er in dieser Saison eigentlich weniger riskieren.

William Dunlop bei einem Rennen im Mai 2018
imago/ Action Plus

William Dunlop bei einem Rennen im Mai 2018

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Nur Zentimeter voneinander entfernt rast eine Gruppe Motorradfahrer über eine Landstraße in Irland, rund 300 Stundenkilometer schnell und vollkommen legal. Straßenrennen für Motorräder sind auf den britischen Inseln extrem beliebt - und mit einem Namen verbunden: Dunlop. Der steht hier nicht für einen Reifenhersteller, sondern für die wohl größte Motorsportdynastie Nordirlands: Robert, Joey, William und Michael Dunlop sind Legenden des Straßenrennsports. Bis auf Michael sind alle auf der Rennstrecke gestorben.

Denn ihr Sport ist so waghalsig, wie er aus der Zeit gefallen ist: Die Fahrer rasen über gesperrte Landstraßen, über Kuppen mit bis zu 30 Meter langen Sprüngen und durch kleine Ortschaften. Mal treten die Fahrer direkt gegeneinander an, mal gegen die Uhr, die Rennen haben jedoch eins gemeinsam: Auslaufzonen oder ein rettendes Kiesbett gibt es nicht - bei einem Sturz warten der Bordstein, Weidezäune oder mit ein paar Strohballen aufgepolsterte Telefonmasten auf die Fahrer.

Saisonhöhepunkt auf der Isle of Man

Der Höhepunkt für Fans und Fahrer ist die Tourist Trophy (TT) auf der Isle of Man. Das Zeitfahren über den rund 61 Kilometer langen Rundkurs über die Insel gilt als das gefährlichste Motorradrennen der Welt - und ist quasi eine Familienangelegenheit der Dunlops. 49 Siege und 87 Podiumsplätze errang der Renn-Clan bisher. Auch William Dunlop wollte dieses Jahr bei der TT antreten, denn der prestigeträchtige Sieg auf der Isle of Man fehlte ihm noch. Dann verzichtete er allerdings auf den Start, denn seine Partnerin Janine erwartete ihr zweites Kind, es traten Komplikationen bei der Schwangerschaft auf - unmöglich, sich unter diesen Umständen auf das Rennen zu konzentrieren.

Vom Rennsport hielt ihn das jedoch nicht lange ab, die Gefahren des Sports blendete er aus: "Du denkst, es wird dir nicht passieren, dass du immer derjenige sein wirst, der davonkommt." Doch William Dunlop kam nicht davon: Am 7. Juli nahm er an den Trainingsläufen für das Skerries 100 teil, ein Straßenrennen in der Nähe von Dublin. In der dritten Runde auf dem 4,7 Kilometer langen Kurs stürzte Dunlop kurz vor der Zielgeraden und erlag seinen Verletzungen.

Der Erfolgreichste starb zuerst

Durch den Tod Williams setzte sich eine tragische Serie fort, die mit seinem Onkel Joey begann: Im Jahr 2000 verunglückte er im Alter von 48 Jahren bei einem Straßenrennen in der estnischen Hauptstadt Tallinn tödlich. Im Rennen der 125ccm-Klasse kam er von der nassen Strecke ab, prallte gegen einen Baum und verstarb noch an der Unfallstelle.

Sein letztes Rennen war bis dahin typisch für seine Karriere: Zuvor hatte er bereits in den Klassen bis 750- und 600ccm gesiegt, auch in seinem letzten Rennen lag er in Führung. Mit 26 Siegen ist Joey Dunlop bis heute Rekordsieger der TT, beim Ulster Grand Prix siegte er 24-mal. Doch Joey Dunlop wurde nicht nur durch sein fahrerisches Können zur Legende. Die Nacht vor seinem letzten Rennen verbrachte er auf der Sitzbank seines Vans - eine ihm angebotene Hotelsuite lehnte er ab. Der Van war für Dunlop nicht nur ein Schlafplatz, er nutzte ihn regelmäßig für wohltätige Zwecke, vor der Rennsaison fuhr er damit Essen und Kleidung in rumänische Waisenhäuser.

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Tourist Trophy Isle of Man: Das härteste Motorradrennen der Welt

Seine sportlichen Erfolge, aber auch sein soziales Engagement und bescheidenes Auftreten machten den abergläubischen Joey Dunlop ungeheuer populär, im konfessionell gespaltenen Nordirland wurde er von Katholiken und Protestanten gleichermaßen geschätzt: Die Leser des Belfast Telegraph wählten ihn 15 Jahre nach seinem Tod zu Nordirlands größtem Sportler - noch vor der Manchester-United-Legende George Best und dem Golfer Rory McIlroy.

Tödliche Modifikation

Joeys jüngerer Bruder Robert, der Vater von William und Michael, war weniger erfolgreich - zumindest nach Dunlop-Standards. Trotzdem siegte er fünf Mal bei der TT. Zahlreiche schwere Unfälle hielten ihn nicht vom Rennsport fern, auch der Tod seines Bruders brachte ihn nicht zum Umdenken: "Besser auf einem Motorrad sterben, als sechs Monate krank zu sein und am Ende daran zu sterben."

Gegen Ende seiner Karriere schränkten ihn die erlittenen Verletzungen jedoch immer stärker ein: Die Vorderradbremse saß deshalb nicht an der rechten, sondern der linken Seite des Lenkers, unterhalb des Kupplungshebels. Diese Modifikation kostete ihn schließlich das Leben. Bei den North West 200, einem Rennen in Nordirland, hatte er einen Dunlop-Sieg vorhergesagt - zog im Qualifying aber statt der Kupplung die Vorderradbremse, flog bei rund 250 km/h über den Lenker und wurde von einem anderen Motorrad getroffen.

Robert Dunlop verstarb später im Krankenhaus, während William an seiner Maschine für das Rennen am folgenden Tag arbeitete, denn die North West 200 wurden trotzdem ausgetragen. Und am Ende behielt Robert recht: Zwar hatte Williams Motorrad technische Probleme, Michael gewann jedoch das Rennen. Und widmete den Sieg seinem Vater: "Ich musste es für ihn tun, und ich habe es geschafft", erklärte er nach dem Rennen und trug einen Tag später den Sarg seines Vaters zu Grabe. Mit 29 Jahren ist der 18-fache TT-Sieger Michael nun der vorerst letzte Dunlop auf den Straßenkursen Britanniens - und wird hoffentlich den Fluch beenden.



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