Tennisprofi Dimitrov vor Wimbledon "Baby Fed" läuft die Zeit davon

Wie soll man Tennis spielen, wenn man alles kann? Der Bulgare Grigor Dimitrov hat trotz seines Talents noch kein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Wimbledon kommt da jetzt gerade recht.

AP

Von Philipp Joubert


Die Tenniswelt hat sie schon so häufig gesehen, diese kurzen Momente, den Beginn einer Staffelübergabe. Während sich die Karriere des einen Spielers langsam dem Ende entgegenneigte, stand der Nachfolger schon bereit. Und genau so schien es auch im Juli 2008. Doch diese Geschichte war wohl zu schön, um wahr zu sein.

Damals, während nur wenig später auf dem Centre Court das epochale Wimbledon-Finale zwischen Roger Federer und Rafael Nadal ausgetragen wurde, gewann auf dem Court 1 der Anlage ein junger Bulgare den Titel der Junioren. Genau zehn Jahre nachdem Federer sich die Jugendkrone beim wichtigsten Turnier des Jahres aufgesetzt hatte, verlor auch Grigor Dimitrov auf dem Weg zum ersten großen Titel seiner Karriere keinen Satz. Ein etwas schüchternes Lächeln im Gesicht, als er den kleinen Pokal in die Luft reckte - und doch schien er da zu sein, der Erbe von Federer.

Die spielerischen Parallelen waren fast zu offensichtlich

Die spielerischen Parallelen waren fast zu offensichtlich. Die geschickte Beinarbeit, die Eleganz und Artistik: All das sah so zeitlos aus wie bei Federer. Vor allem, wenn Dimitrov seine einhändige Rückhand mit ins Hohlkreuz zurückgefallenem Körper übers Netz drückte. "Baby Fed": Der Spitzname war schnell gefunden - und stellte sich doch als falsches Versprechen heraus. Denn bei allem Talent hat Dimitrov den Schweizer nicht erreicht, dessen Nachfolger konnte er ohnehin nicht werden, schließlich spielt Federer nach wie vor äußerst erfolgreich.

Dimitrov ist stattdessen ein Symbol der verlorenen Generation des Herrentennis. Der 27-Jährige hat sich zwar in der Weltspitze etabliert und steht auf Platz sechs der Wimbledon-Setzliste. Er ist ein Beispiel dafür, dass zumindest im Sport die Mathematik im Vergleich zum Mythos meist die Oberhand behält.

So sehr Dimitrovs Silhouette auch an die von Federer erinnert, so fehlt ihm doch einiges von Federer und anderen Größen. Zwar ist Tennis während der vergangenen beiden Jahrzehnte zum Sport der Dauerläufer geworden. Am Ende setzt sich jedoch die strategisch und präzise vorgetragene Aggression durch. Der zögernde und zaudernde Dimitrov fällt hingegen oft im entscheidenden Moment ab. So musste der Bulgare sich in den vergangen zehn Jahren mit zwei Grand-Slam-Halbfinals begnügen.

Dimitrov teilt ein Schicksal mit Milos Raonic und Kei Nishikori, den anderen beiden Mitgliedern der verlorenen Generation. Sie kamen nicht ansatzweise an Federer, Nadal und Novak Djokovic heran. Der Kroate Marin Cilic konnte mit den US Open 2014 immerhin einen Grand-Slam-Titel gewinnen. Inzwischen drängen schon Jüngere in die Weltspitze: Dominic Thiem und Alexander Zverev natürlich, mit 24 und 21 Jahren schon fest etabliert, und dahinter folgen noch viele andere Talente. Wimbledon ist zwar nicht die letzte Chance des Bulgaren - aber eine große in einem Feld, das abseits von Federer relativ offen wirkt.

Fast zu viele spielerische Möglichkeiten

Wie ein nicht geradliniger Weg an die Spitze und zum ersehnten Grand-Slam-Titel aussehen kann, wird Dimitrov während seines Eröffnungsspiels auf dem Centre Court sehen können. Gegner Stan Wawrinka war beim ersten seiner drei Major-Siege, bei den Australian Open 2014, noch ein Jahr älter, als es Dimitrov jetzt ist. Auch der Schweizer war ein enormes Talent, stets im Schatten der ganz großen Namen stehend und einst mit einem ähnlichen Problem konfrontiert wie Dimitrov. Wawrinka wie Dimitrov haben fast zu viele spielerische Möglichkeiten. Sich für den einen richtigen Weg zu entscheiden, kann da ungemein schwer fallen.

Immerhin hat Dimitrov erkannt, dass weniger in der Tat manchmal mehr ist. Während der Australian Open fasste er die Herausforderung des letzten Jahrzehnts so zusammen: "Ich war immer ein Perfektionist. Aber so kann man nicht erfolgreich sein. Das habe ich allerdings erst später herausgefunden. Doch jetzt bewegen wir uns Schritt für Schritt vorwärts."

Wir, das sind Dimitrov und Coach Dani Vallverdu, in dessen Amtszeit nicht nur der Triumph beim Jahresendturnier im letzten November in London fiel. Vallverdu arbeite zudem jahrelang erfolgreich mit einem anderen Profi, der viele Anläufe brauchte, um endlich das große Ziel eines Grand-Slam-Titels zu erreichen - Andy Murray. Der Fall von Murray zeigt: Manchmal werden Geschichten wahr, sogar jene, die zu schön sind, um wahr zu sein.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jean-baptiste-perrier 02.07.2018
1. Mentatilitäts-Frage!
Es liegt bei Dimitrov weniger am Tennis, sondern eindeutig an der Mentalität. Es fehlt ihm der Killer-Instinkt und er findet sich zu schnell mit Niederlagen ab, ohne bis zum Ende zu kämpfen. Sprich: für die ganz großen Titel zu sensibel. Gut er hat Ende letzten Jahres das ATP World Tour Finals gewonnen. Jedoch im Finale stand ihm "nur" David Gofin gegenüber. Bei wichtigen Spielen von Dimitrov fallen mir stets einige seiner Fans unangenehm auf. (Bulgarische oder andere) National-Flaggen und Gekreische und Gepöbel haben in der Individual-Sportart nichts zu suchen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.