Deutsche Wimbledon-Überraschung Höchste Zeit, Tatjana Maria kennenzulernen

Tatjana Maria hat in Wimbledon die Nummer fünf der Welt besiegt. Die Deutsche reist seit vier Jahren mit Mann und Tochter um die Welt und spielt seither besser denn je. Dabei stand ihre Karriere schon vor dem Aus.

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Tatjana Maria ist in diesen Tagen eine gefragte Frau. In Wimbledon mehren sich nach ihrem überraschenden Auftakterfolg gegen Elina Svitolina die Interviewanfragen aus aller Welt. Auch die "New York Times" will wissen, warum die 30-Jährige plötzlich ihr bestes Tennis spielt. Und wie sich das Jetset-Leben einer erfolgreichen Tennisspielerin mit dem einer Mutter vereinbaren lässt?

Maria reist seit vier Jahren mit Tochter Charlotte und ihrem Ehemann Charles - der gleichzeitig Trainer und Manager ist - um die Welt. Und das sogar ziemlich erfolgreich. Vor zehn Tagen feierte sie im Vorfeld des dritten Grand Slam des Jahres ihren ersten Turniersieg auf der WTA-Tour. Auf Mallorca schlug sie auf dem Weg zum Titel mit Anett Kontaveit (Estland/Nr.27) und Anastasija Sevastova (Lettland/Nr.21) zwei Spielerinnen, die in der Weltrangliste deutlich vor ihr liegen.

Erfolge nach einer Babypause sind selten in der Tennisgeschichte. Den beiden Australierinnen Margaret Court und Evonne Goolagong gelang dies vor über 50 Jahren, Kim Clijsters ließ ihrem Comeback nach einer langen Auszeit drei ihrer insgesamt vier Grand-Slam-Titel folgen. Serena Williams und Viktoria Asarenka - zwei aktuelle Beispiele - zeigen, wie schwer es sein kann, an alte Top-Leistungen anzuknüpfen.

Unbemerkt und fernab der glamourösen Tenniswelt nach oben

Maria hat auf Mallorca das geschafft, worauf Williams noch wartet: Einen Titel als Mutter zu gewinnen. Dass die Öffentlichkeit bislang trotzdem kaum Notiz von ihr genommen hat, liegt auch am großen Schatten der anderen deutschen Stars: Angelique Kerber prägte die jüngere Vergangenheit dank ihrer Erfolge in Melbourne, Rio und New York, Andrea Petkovic und Sabine Lisicki waren die Gesichter des Aufschwungs in den Jahren 2010 bis 2014. Maria arbeitete sich unbemerkt und fernab der glamourösen Tenniswelt immer weiter nach oben.

Auf der zweitklassigen ITF-Tour sammelte sie mit mehreren Siegen Selbstvertrauen, auf der WTA-Tour hingegen blieb sie vorerst blass. Das änderte sich erst nach ihrer Babypause, die sie im Juni 2013 einlegte. Seit ihrer Rückkehr im April 2014 geht es stetig bergauf.

Maria änderte ihren Stil und spielte ihre Rückhand fortan einhändig. 2015 erreichte sie in Wimbledon erstmals die dritte Runde eines Grand-Slam-Turniers, im November 2017 schaffte sie den Sprung unter die Top 50. Im Fed Cup, dem Mannschaftswettbewerb der Frauen, hatte sie in einem ersatzgeschwächten deutschen Team großen Anteil am Einzug ins Halbfinale.

Bei allen Events ist Tochter Charlotte an ihrer Seite: "Wichtig ist für mich, es zu genießen. Solange wir zusammen reisen und es meiner Tochter gut geht, ist das das Allerwichtigste", sagte sie nach ihrem Triumph auf Mallorca.

In Wimbledon fühlt sich Maria besonders wohl

Maria hat Glück, dass sie ihr Leben als Tennisprofi überhaupt noch genießen kann. 2008 diagnostizierten Ärzte eine Thrombose in ihrem Bein. Völlig ahnungslos schwebte die damals erst 20-Jährige in Lebensgefahr, weil ihr nach einer Lungenembolie der Herzstillstand drohte. Noch heute ist sie auf Tabletten angewiesen. Im gleichen Jahr starb ihr Vater, der sie auf fast alle Turniere begleitete. Ihre Karriere schien beendet, ehe sie überhaupt richtig begonnen hatte.

Und nun, zehn Jahre später? Beim prestigeträchtigsten Tennisturnier der Welt fühlt sich Maria besonders wohl. Auf dem Rasen von Wimbledon sind ihre Schläge wirkungsvoller als auf anderen Belägen. Maria setzt im Gegensatz zu vielen Konkurrentinnen auf viele unterschnittene Bälle, die auf der anderen Seite unangenehm flach aufspringen. "Ich weiß, dass meine Gegnerinnen mein Spiel einfach nicht mögen. Es ist einfach anders. Das ist mir auf Mallorca klar geworden", sagte Maria, die sich ihrer Außenseiterrolle trotz ihrer jüngsten Erfolge bewusst sein dürfte.

In ihrer Hälfte warten nach Kristina Mladenovic (Mittwoch, nicht vor 18 Uhr) noch Serena Williams, Madison Keys und Caroline Wozniacki. Drei ehemalige oder aktuelle Top-Ten-Spielerinnen, die über deutlich mehr Grand-Slam-Erfahrung verfügen als Maria. Aber vielleicht liegt genau darin der Vorteil der Deutschen: Druck verspürt sie kaum, die Momente auf den großen Tennisplätzen dieser Welt kann sie genießen. In einem möglichen Duell mit Williams wäre sie aktuell sogar leicht im Vorteil, weil die 23-fache Grand-Slam-Siegerin nach der Geburt ihrer Tochter auf dem Platz Schwächen zeigt.

Wie auch immer das Turnier für Maria endet - im Anschluss geht es für sie zurück in ihre Wahlheimat USA. In West Palm Beach (Florida) lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter. Im Schatten der großen Stars. So wie sie es mag.



insgesamt 2 Beiträge
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telarien 04.07.2018
1. Glückwunsch
Was für Tatjana Maria spricht, ist die Tatsache, dass sie anders spielt als der Rest der Damen. Wer allerdings das Match gegen Svitolina gesehen hat, der hat auch das furchtbare eindimensionale Damentennis erleben müssen. Vorhand und beidhändige Rückhand dreschen baseballmässig auf den Ball. Sobald die beiden Schläge nicht gehen, sieht man furchtbare Dinge. Dazu wird gestöhnt wie ein Rasenmäher mit Luftfilterproblemen. Das Ganze maximal drei Sätze für das gleiche Preisgeld. Frau Storkowski, sieht so ihr Paradies aus?
kloppskalli 05.07.2018
2. Zeit ...
es war an der Zeit Notiz zu nehmen - aber eher direct nach dem Mallorca Triumph. Gegen Mladenovic war dann gestern auch Schluss. Anyway, good luck. Hoffe sie kann noch ein paar Jaehrchen dranhaengen. Schade dass ihr Vater das nicht mehr mitbekommt.
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