Andersons Niederlage gegen Djokovic Das schnelle Ende eines langen Weges

Zwei Jahren war er ohne Grand-Slam-Titel, nun hat sich Novak Djokovic zurückgemeldet. Kann der Serbe die Tenniswelt noch einmal dominieren - oder lag es nur am erschöpften Gegner Kevin Anderson?

Novak Djokovic und Kevin Anderson
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Novak Djokovic und Kevin Anderson

Aus London berichtet Philipp Joubert


Kevin Anderson pustete so laut durch, es hätte das aufgedrehte Mikrofon auf dem Podium gar nicht gebraucht. Auch ohne krachenden Ton war allen klar: Einer der Hauptdarsteller der zweiten Wimbledon-Woche, er war angekommen. Um zu erklären, was keiner Erklärung bedurfte.

Der 32-jährige Südafrikaner sprach noch mal über sein sechseinhalbstündiges Marathonmatch vom Freitag, das die Scheinwerfer besonders hell auf ihn und seinen Gegner John Isner hatte strahlen lassen - weit über jeden Tenniszirkel hinaus. Das aber auch zur Folge hatte, dass Anderson im bislang wichtigsten Match seiner Karriere die nötigen Kräfte fehlten. Trotz eines Aufbäumens im dritten Satz: Am Ende verlor Anderson das Wimbledon-Endspiel gegen Novak Djokovic in drei Sätzen, der Serbe gewann damit seinen vierten Wimbledon-Titel.

Wie das Finale für Anderson verlaufen würde, war schon nach ein paar Minuten klar: In der Sonne des Centre Courts wedelten im ersten Rang die Fächer der Zuschauer. Anderson sah so aus, als hätte er sich am liebsten dazu gesetzt. Der 2,03-Meter-Mann hatte über die vergangenen Jahre mit erstaunlichem Erfolg an seiner Dynamik gearbeitet. Aber im Finale von London wirkte er zwischen den Ballwechseln gegen Djokovic ausgelaugt. Es fehlte die letzte Kraft, aber genau auf die kommt es in einem Endspiel an.

Aus der Krise zum Grand-Slam-Triumph

Rückblick: Mehr als 23 Stunden hatte der Südafrikaner Anderson auf dem Platz gestanden, um ins Finale einzuziehen. Davon alleine mehr als elf in seinen zwei Partien vor dem Endspiel - beim Überraschungssieg gegen Roger Federer am Mittwoch und dem fast 400 Minuten dauernden Rekordmatch am Freitag. Gegen Isner im Halbfinale hatte Anderson 287 nahezu tadellose Aufschläge serviert.

Von dieser Perfektion war im Finale kaum noch etwas zu sehen. Dort kam schon beim sechsten Punkt der erste Doppelfehler von Anderson. Kaum zwanzig Minuten später war der erste Satz weg und der 32-Jährige ließ sich den Ellbogen massieren. Im Publikum wehten derweil ein paar südafrikanische Fähnchen. Anderson hatte an diesem Nachmittag den Außenseiterbonus auf seiner Seite. Aber es half nicht: Die Niederlage war längst eingeleitet.

Und wie stand das Publikum zu Djokovic? Der erfolgreichste Wimbledon-Spieler dieses Jahrzehnts genießt zwar enormen Respekt in London - aber die hysterische Liebe, die Roger Federer und Rafael Nadal zuteil wird, konnte sich Djokovic auch diesmal nicht erstreiten.

Dabei spielte der 31-Jährige wieder eine nahezu perfekte Partie, fast wie in seinen besten Zeiten. Oft spielte der Serbe Anderson schwindelig, neutralisierte dessen Wucht und konterte ihn aus. Als es im dritten Satz darum ging, Satzbälle seines Gegners abzuwehren, staubte die Kreide von den Linien. So genau hatte Djokovic mit dem Serve getroffen.

Doch so selbstverständlich der Sieg auf Außenstehende auch wirkte - der Erfolg des ehemaligen Weltranglistenersten war schwer erkämpft: Nach seinem sportlichen Absturz hatte sich der einstige Dominator nur langsam, dann aber mit immer größeren Schritten zurück an die Weltspitze gespielt. Dort scheint er nun wieder angekommen.

Ein besonderes Erlebnis

Für Djokovic war der Triumph vor diesem Hintergrund besonders. Aber da war ein noch größerer Anlass zur Freude: Während der Serbe zum Siegerinterview am Court-Ende schritt, war in seiner Spielerbox Bewegung. Der dreijährige Sohn des 13-maligen Grand-Slam-Siegers wurde in die erste Reihe getragen und genau im Sichtfeld seines Vaters platziert. Djokovic war gerührt und strahlte auch zwei Stunden nach Ende des Matches noch.

"Das war für mich im Vorfeld von Wimbledon die größte Motivation gewesen", sagte der frisch gekürte Sieger und fügte an: "Ich hatte mir ausgemalt, wie er auf die Tribüne kommen und den Moment mit mir und meiner Frau teilen würde."

Doch die meisten Fragen kreisten um die sportliche Einordnung des Erfolgs. Ist Djokovic wieder der Alte und bereit, das Männertennis zu dominieren? Die Antwort kann nur er selbst geben - und die lautete an diesem Abend so: "Dieser Sieg wird mir auch langfristig wieder Selbstvertrauen geben", sagte der vierfache Wimbledon-Gewinner.

Ein Satz, den seine Konkurrenten sicher nicht gerne hören werden.

insgesamt 3 Beiträge
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Haref 16.07.2018
1. Ein Ausnahmesportler, dieser Djokovic !
Er hat sich - wie auch Angie Kerber - an die Spitze zurückgekämpft. Wer das Halbfinale gegen Nadal sehen konnte, durfte sich glücklich schätzen ! Ich freue mich für ihn !
schueler79 16.07.2018
2. Respekt
Allen Kritikern und Zweiflern zum Trotz hat es dieser Djokovic geschafft, er ist zurück an der Weltspitze. Viele haben ihn ja schon abgeschrieben, zahlreiche Artikel bekunden dies. Auch im neuesten ps4 Tennisspiel tauchte er nicht mehr auf. Die Geschichte schien geschrieben, aber er hat sie umgeschrieben. Respekt!!
dr_nutschie 16.07.2018
3. Wow was für ein Champion
Hammer Match gegen einen Nadal in guter Form. Dann den Titel gegen Federer – Schreck Anderson. WOW ganz groß. Der Djoker ist back!!
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