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Brown schlägt Nadal in Wimbledon: Das durchdachte Chaos

Von Philipp Joubert

Wimbledon: Dustin Brown wirft Rafael Nadal aus Turnier Fotos
REUTERS

Noch nie hat jemand den zweifachen Wimbledon-Sieger Rafael Nadal auf dem Centre Court so vorgeführt wie Dustin Brown. Der Deutsch-Jamaikaner spielte nie zweimal denselben Schlag. Er schaffte es, dem Spanier den Rhythmus zu nehmen.

Es war nur ein kurzer Moment des Zögerns. Doch er wäre fast fatal gewesen. Den ganzen Donnerstagnachmittag war Dustin Brown dem Netz mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein entgegengeeilt. Er hatte das Publikum mit Volleys verzückt, als hätte er den Centre Court von Wimbledon an diesem Donnerstag nicht zum ersten Mal betreten, sondern wäre hier so heimisch, wie es Angriffsspieler von seinem Schlag früher einmal gewesen sind.

Doch als der 30-jährige Deutsch-Jamaikaner die erste Chance hatte, das wohl wichtigste Match seines Lebens mit einem Volley zu beenden, zog er den Schläger zurück. Mehr als hundert Mal hatte Brown den Weg ans Netz gesucht. Er hatte sich den wuchtigen Schlägen seines Gegners Rafael Nadal in den Weg gestellt, hatte noch den schwierigsten Ball artistisch übers Netz gebracht. Doch diesen einen Passierball ließ er an sich vorbeiziehen in der Hoffnung, dass ein Fehler seines Gegners das Match entscheiden würde.

"Ich bin ans Netz gekommen und habe gesehen, dass der Ball hochgeht", sagte Brown später: "Ich habe gedacht, mach jetzt nichts Dummes, spiel den nicht in die Zuschauerränge." Es ist eine verständliche Aussage für einen Spieler, der seine Matches in den letzten Jahren meist in Orten wie Heilbronn oder Vercelli gespielt hat statt im Tennismekka gegen den 14-fachen Grand-Slam-Sieger Nadal.

Wieder scheitert Nadal in Wimbledon an einem Außenseiter

Doch natürlich landete der Ball des Spaniers auf der Grundlinie. Matchball abgewehrt. Und so lag es an Brown, selbst zu Ende zu bringen, was er mit seinem kompromisslosen Spiel begonnen hatte. Keine einfache Aufgabe für einen Spieler, um dessen Nervenkostüm es in der Vergangenheit oft schlecht bestellt war. Doch Brown überraschte sich selbst, wie er später zugab, und hielt seinen Aufschlag ohne noch einmal in Gefahr zu geraten. 7:5, 3:6, 6:4, 6:4 - so leuchtete es nachher für die Nummer 102 der Welt auf der Anzeigentafel.

Nadal hatte schon in den Vorjahren in Wimbledon gegen Hasardeure des Sports verloren. Lukas Rosol bot dem Spanier 2012 in einem denkwürdigen Match die Stirn, der Australier Nick Kyrgios schlug ihn im vergangenen Jahr mit Urgewalt vom Platz. Aber noch niemand hat den zweifachen Wimbledon-Sieger auf dem Centre Court so vorgeführt, wie Brown es teilweise tat. Er nutzte mit seinen Volleys, Stoppbällen und Lobs die gesamte Größe des Platzes. Immer wieder rannte der Dauerläufer Nadal, der sonst noch jeden Ball erreicht, erfolglos den artistischen Schlägen des Deutschen hinterher.

Brown raubt Nadal den Rhythmus

"Ich wusste, dass ich ihn aus seiner Komfortzone holen musste", so Brown im Anschluss: "Ich wusste, dass ich nicht einfach hinten an der Grundlinie stehen kann. Dann schickt er mich den ganzen Nachmittag nach links und rechts." Brown kam der schnelle Platz entgegen. Und er schaffte er etwas, das bisher selbst den besten Spielern nur selten gelungen war: Er raubte Nadal seinen Rhythmus.

Nadal ist der Großmeister der Kontrolle. Niemand hat es in den vergangenen Jahren geschafft, den zeitlichen Ablauf eines Matches so zu bestimmen wie der Spanier. Er lässt seine Gegner warten, sei es vor dem Match am Netz oder beim eigenen Aufschlag, wenn er die erlaubte Grenze von 25 Sekunden fast immer erreicht. Nadal ist in der Lage, Ballwechsel geduldig aus der Defensive zu kontrollieren, bis er die Chance für einen seiner Vorhandangriffe sieht. Doch Browns Spiel des durchdachten Chaos' ist das perfekte Gegenmittel für einen Nadal. Er irritierte Nadal, er spielte nie zweimal denselben Schlag, er gab Nadal keine Zeit, sich auf dem Platz zu finden.

So extrovertiert Brown auf dem Court ist, so wenig gibt er den Tennisunterhalter neben dem Platz. In Interviewsituationen kann er schon mal sperrig werden. Wer ihm zuhört, bekommt eher das Gefühl, es mit einem sehr abgeklärten Menschen zu tun zu haben.

Er weiß genau, wann er wo wie viele Weltranglistenpunkte zu verteidigen hat. Nach seinem Erstrundensieg gegen den Taiwaner Lu hatte Brown in kleiner Runde vorgerechnet, dass er sich mit dem Sieg und den dadurch ergatterten 45 Weltranglistenpunkten wohl fest für das Hauptfeld der US Open qualifiziert habe. Diese großen Turniere bringen nicht nur Aufmerksamkeit, sie sorgen vor allem dafür, dass für den Rest des Jahres genug Geld da ist. Brown mag in seiner Karriere mehr als eine Million Dollar verdient haben, einen festen Trainer kann er sich in diesem teuren Sport trotzdem nicht leisten.

Der 30-Jährige ist jahrelang mit einem Wohnmobil durch Europa getourt, noch heute spielt er meist auf der zweitklassigen Challenger Tour. Über dieses harte Leben kann Brown ausführlich referieren - wie es ihn geformt und darin bestärkt hat, jeden Moment er selbst zu sein, auf und neben dem Court. "Diese ganzen Jahre haben zu diesem großartigen Tag geführt, dem wahrscheinlich besten meines Lebens."

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insgesamt 50 Beiträge
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1. und das nach dem Mittwoch
laberbacke08/15 03.07.2015
Ich abe ihn am Mittwoch auf dem Nebenplatz das Doppel spielen sehen. Das war in bruetender Hitze, ging ueber 5 Saetze, wobei der letzte letztendlich 8:10 verloren ging. Ich haette nichtgedacht, dass er danach noch soviel Kraft ueber hat. Respekt
2.
joe87 03.07.2015
Unglaubliches Spiel von Brown. Habe schon lange nicht mehr so ein ansehnliches Tennis gesehen. Es geht also auch ohne ständiges Grundliniengebolze...
3. toll
Eckhard 03.07.2015
Wenn es nichts mit einer Karriere im höheren Bereich wird, was jetzt nicht mehr auszuschließen ist, dann kann er selbst in Zukunft Trainer sein. Sein Spiel ist so innovativ, dass es viel Interesse geben wird.
4. Gratuliere Brown zu seinem besten Tag!
stefanmargraf 03.07.2015
Mögen noch viele davon kommen! Ich sah ihn in Stuttgart und wusste, Wimbledon wird spannend, jedenfalls sehenswert.
5.
kloppskalli 03.07.2015
letztes Jahr in Halle Westfahlen war er schon 'on fire' gegen Nadal. Es ist ein Traum diesem Mann beim Tennisspielen zuzusehen. Wenn er weiterhin 100% abruft kann er sehr weit kommen...
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Tennis: Die wichtigsten Schläge
Beginnt der Aufschläger nicht mit einem Ass und der Rückschläger spielt den Ball zurück übers Netz, läuft der Ballwechsel. Dann kann es zu folgenden Schlägen kommen:

  • VOLLEY: Der Ball wird noch vor dem Aufkommen auf dem Boden geschlagen. Dieser Schlag wird vorwiegend am Netz gespielt und soll den Ballwechsel beenden.

    PASSIERSCHLAG: Ist der andere Spieler ans Netz vorgerückt, kann er nicht die gesamte Breite des Feldes abdecken - und mit einem Schlag seitlich an ihm vorbei passiert werden.

    STOPP: Ein zumeist mit Rückwärtsdrall gespielter Ball, der kurz hinter dem Netz aufkommt und für den Gegner schwer zu erreichen ist. Wird vorwiegend auf dem langsamen Belag Sand gespielt.

    LOB: Nach einem gespielten Stopp rückt der Spieler zumeist ans Netz vor. Dann ist es möglich ihn mit einem hoch geschlagenen Lob-Ball zu überspielen.

    SCHMETTERBALL: Wird der Lob zu flach gespielt, bietet sich für den Gegner die Möglichkeit, den Ballwechsel mit einem Schmetterball zu beenden. Der Schlag ähnelt sehr dem Aufschlag und ist ein mit hohem Tempo gespielter Überkopfschlag.

  • Zudem lassen sich die Schläge von der Grundlinie unterteilen, egal ob Vor- und Rückhand:

  • TOPSPIN: Durch eine von unten nach oben durchgeführte Schlagbewegung wird dem Ball Vorwärtsdrall verliehen. Der Ball steigt dadurch zunächst relativ hoch an, fällt dann aber steil nach unten. So können auch sehr diagonal oder schnell gespielte Bälle noch im Feld landen.

    SLICE: Ist das Gegenteil vom Topspin. Die Schlagbewegung ist von oben nach unten, der Ball erhält damit Rückwärtsdrall. Der Ball wird möglichst am höchsten Punkt getroffen, die Flugkurve ist dann sehr flach und stetig sinkend. Der Ball ist dadurch relativ lange in der Luft, so dass der Schlag entweder als Verteidigungsschlag oder als Vorbereitung zum Aufrücken ans Netz verwendet wird.

    DRIVE: Der Ball wird sehr direkt getroffen und damit nur mit sehr wenig oder gar keiner Rotation versehen.

Jeder dieser drei Schläge kann entweder cross, also quer, oder longline, der Linie entlang, gespielt werden. Ein Longline-Schlag erfordert eine hohe Präzision, da der Ball leicht im Aus landen kann - und das Netz zudem außen höher ist als in der Mitte. Cross gespielte Schläge hingegen fordern weniger Genauigkeit, können dafür aber mit mehr Tempo gespielt werden.


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