Roger Federer in Wimbledon Nah an der Perfektion

Dem großen Ziel ordnet er alles unter: Um bei seinem Lieblingsturnier in Wimbledon in Top-Form zu sein, hat Roger Federer auf die komplette Sandplatzsaison verzichtet. Die Taktik könnte sich auszahlen.

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Alexander Zverev konnte einem leidtun. Eines der größten Tennistalente der Welt, das erst kürzlich den Sprung in die Top Ten der Weltrangliste geschafft hatte, wirkte im Finale von Halle vor einer Woche wie ein besserer Trainingspartner. Fragend richtete er seine Blicke in seine Box oder alternativ in den Himmel. Ihm gegenüber stand ein wie entfesselt aufspielender Roger Federer, der auf alles eine Antwort hatte.

Zumeist war das aber gar nicht nötig. Der Schweizer diktierte dem 15 Jahre jüngeren Deutschen beim 6:1, 6:3 sein Spiel auf, spielte Stopps am Fließband, streute tiefe Slicebälle ein und servierte in aller Regelmäßigkeit Asse. Kurz gesagt: Federer spielte bei seinem neunten Turniersieg in Halle nah an der Perfektion.

Der Rekord-Grand-Slam-Sieger ist mit sich und der Tenniswelt im Reinen. Schon jetzt hat er die Erwartungen nach seiner Rückkehr auf die Tour im Januar übertroffen. Der Sieg bei den Australian Open, die Erfolge in Miami und Indian Wells und zuletzt der überzeugende Triumph in Halle. Kaum jemand hätte dieses Comeback für möglich gehalten, dessen Krönung noch bevorstehen soll: der achte Titel in Wimbledon, auf den er seit seinem letzten Triumph an der Church Road vor fünf Jahren hinarbeitet.

Verzicht auf Paris, Fokus auf London

Federer weiß mittlerweile selbst am allerbesten, worauf es in seinem Alter ankommt. Die richtige Dosierung und eine tiefsinnige Turnierplanung sind für ihn ebenso entscheidend wie ein guter Aufschlag und seine Vorhand. Der Schweizer hat längst bemerkt, dass er mit seiner Spielweise auf Sand keine realistischen Chancen auf große Erfolge mehr hat. Auch deshalb verzichtete er auf den Start bei den French Open und allen anderen lukrativen Masters-Events in Madrid, Rom und Monte Carlo. Eine kluge Entscheidung, denn Federer hätte wegen der großen Erwartungshaltung bei diesen Turnieren nur verlieren können.

Stattdessen trainierte er so früh wie nie zuvor in seiner Karriere auf Wimbledon hin. Die lange Vorbereitung könnte sich für den Weltranglistenfünften im Turnierverlauf zum großen Vorteil entwickeln. Trotz seiner überraschenden Niederlage gegen Tommy Haas in Stuttgart zeigte er in Halle, dass er auch 14 Jahre nach seinem ersten Sieg in London noch immer zum engsten Favoritenkreis gezählt werden muss.

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Sein Aufschlag, der wohl wichtigste Schlag auf dem grünen Untergrund, ist mittlerweile die wichtigste Waffe im Repertoire des Schweizers. Mit derzeit 9994 Karriere-Assen liegen lediglich die Kroaten Ivo Karlovic (12.018) und Goran Ivanisevic (10.134) noch vor Federer. Doch es sind nicht nur die direkten Punkte nach dem Aufschlag, die ihn beim eigenen Service auszeichnen. Auch die Kick-Aufschläge, die extrem hoch abspringen und deshalb nur schwer zu retournieren sind, erfüllen ihren Zweck. Bei seinem exzellenten Spiel am Netz profitiert Federer immer noch von der Zusammenarbeit mit Stefan Edberg (2014-2015), dessen Volley-Qualitäten in den späten Achtzigerjahren gefürchtet waren.

Federer profitiert von Sonderregelung in Wimbledon

Zudem wirkt Federer frisch und ausgeruht. Ganz im Gegensatz zur Konkurrenz. Nadal reist zwar mit vier Turniersiegen und einem großen Selbstbewusstsein nach Wimbledon. Gleichzeitig könnte es aber zum Problem werden, dass der Spanier auf ein Vorbereitungsturnier verzichtet hat. Ebenso wenig spricht die Bilanz der vergangenen fünf Jahre für ihn: zweite Runde, erste Runde, Achtelfinale, zweite Runde, nicht angetreten. Nadals große Zeit, in der er Federers Dominanz auf Rasen durchbrechen konnte, liegt weit zurück.

Noch schlimmer sieht es bei zwei weiteren großen Stars der Szene aus. Andy Murray, zweifacher Wimbledonsieger und Titelverteidiger, steckt seit seinem Sprung an die Spitze der Weltrangliste in einer Krise. Der Schotte hat in dieser Saison erst ein Turnier gewonnen, feierte in Paris mit dem Halbfinaleinzug aber immerhin ein kleines Erfolgserlebnis. Ähnlich sieht es bei Novak Djokovic aus, der Federer in den Jahren 2014 und 2015 zwei bittere Finalniederlagen zugefügt hatte. In seiner jetzigen Verfassung, die ihn in der Weltrangliste auf Platz vier zurückgeworfen hat, zählt der Serbe nicht zu den Favoriten.

Federer wird diese Umstände ebenso zur Kenntnis genommen haben wie eine Sonderregelung in Wimbledon: Nur beim inoffiziell wichtigsten Turnier der Welt ist es den Veranstaltern erlaubt, die Setzliste zu ändern. Weil Federers Leistungen in den vergangenen Jahren auf Rasen so gut waren, rückt er von Platz fünf auf Rang drei vor. Damit würde er den Top-Stars bis zum Halbfinale aus dem Weg gehen.

In Wimbledon geht es in diesem Jahr aber ohnehin nur darum, Federer aus dem Weg zu gehen.

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