Aus London berichtet Jörg Allmeroth
Tränen liefen ihm über das Gesicht, als Roger Federer auf dem Center Court in Wimbledon zu Boden sank. Erleichterung und Glück brachen sich bei dem 30-Jährigen Bahn. "Es ist ein magischer Moment, den ich am liebsten ewig festhalten möchte. Einer der allergrößten Momente meiner Karriere", sagte Federer nach seinem 4:6, 7:5, 6:3, 6:4-Sieg im Finale gegen Andy Murray.
Doch zu seiner Überwältigung schien sich auch ein wenig Genugtuung zu mischen - wenngleich es der Schweizer in seiner bescheidenen Art so nie ausdrücken würde. Federer hat bewiesen, dass er noch immer einer der ganz Großen ist, den Beinamen "King Roger" noch immer zu Recht trägt. Sein siebter Wimbledon-Triumph war ein Sieg gegen die Zweifler, die ihn schon abgeschrieben hatten. Und es war ein Sieg für das eigene Selbstwertgefühl. Die eigenhändige Krönung seiner späten Karrierejahre.
Für diese kämpfte der Altmeister allerdings hart. Gegen den 25-jährigen Murray musste er all seine Kunst, alle Erfahrung und Willenskraft aufbieten, um dessen Traum vom ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere zunichte zu machen. Der Schotte verlangte Federer sowohl körperlich als auch mental alles ab. Mit Mut und Angriffslust warf sich der Weltranglistenvierte in die Partie - und überraschte den Schweizer, der zunächst nicht richtig ins Spiel kam. Es war das bislang wichtigste Match in Murrays Karriere, das ließ er seinen Gegner zu jedem Zeitpunkt spüren.
Federer bewahrte die nötige Ruhe
Mit seinem couragierten Auftreten verfolgte Murray die vorgegebene Marschroute seines Lehrmeisters Ivan Lendl. Der beobachtete ohne jede Gefühlsregung, wie Murray sich nicht nur Respekt bei Federer verschaffte, sondern vor allem auch in der Anfangsphase den Takt der Partie diktierte. Der erste Satzgewinn des Schotten begeisterte sogar den britischen Premierminister David Cameron, der erregt von seinem Platz aufsprang. Am Morgen hatte der über seinem Amtssitz in der Downing Street die Staatsflagge Schottlands hissen lassen - zu Ehren Murrays.
Auch bis zum Ende des zweiten Durchgangs führte Murray die Statistiken an, verzeichnete mehr Gewinnschläge und weniger leichte Fehler. Doch dann kam Federer. Der Meister der Big Points packte eine Serie beeindruckender Schläge aus und spielte sich wie aus dem Nichts zum Satzgewinn. "Das ist der Federer, wie wir ihn kennen. Gnadenlos effektiv. Einer, der ruhig bleibt, auch wenn er in höchster Gefahr ist", kommentierte TV-Experte John McEnroe in der BBC.
Genau darin liegt Federers Stärke: Er glaubt an sich selbst, auch unter Druck und in schwierigen Phasen. So wie er die Partie mit Besonnenheit zu seinen Gunsten drehte, lenkte er seine Karriere wieder in die richtigen Bahnen. Federer übernahm die Kontrolle und entschied die beiden letzten Sätze für sich. Murray hielt zwar Anschluss, konnte den Triumph des Schweizers aber nicht mehr verhindern. Es war bereits die vierte Grand-Slam-Finalniederlage des Schotten - seine Enttäuschung war entsprechend groß.
Niedergeschlagen und mit belegter Stimme bekannte er, der Hoffnungsträger der Briten, nach dem Match: "Es war ein Privileg, in diesem Finale zu spielen. Leider gegen einen Mann, der nicht schlecht für einen 30-Jährigen ist. In ihm steckt immer noch ein Meister."
Damit sprach der Verlierer des Abends den Satz aus, der Federer nach dieser beeindruckenden Demonstration am besten beschreibt. Drei Jahre nach seinem letzten Triumph in Wimbledon hatte der Schweizer zum ganz großen Schlag ausgeholt: Mit Grand-Slam-Titel Nummer 17 schrieb er einen neuen Rekord. Mit seinem siebten Wimbledon-Erfolg stellte er die Bestmarke von Pete Sampras und William Renshaw ein. Und mit dem Sprung zurück an die Weltranglistenspitze ist er mit 286 Wochen als Nummer eins nun ebenfalls gemeinsamer Rekordhalter mit Sampras.
Murray weiß, dass er gegen einen der besten Tennisspieler aller Zeiten verloren hat. Seinen Schmerz dürfte das nicht gelindert haben - wohl aber seinen Ehrgeiz angestachelt: "Ich nähere mich an", sagte er nach dem Match. Doch Federer wird seinen zurückgewonnenen Platz auf dem Tennisthron so schnell nicht wieder hergeben.
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