Wimbledon-Siegerin Muguruza Klar im Kopf

Nach ihrem Wimbledon-Triumph applaudiert die Tenniswelt Garbiñe Muguruza. Die Spanierin verfügt schon lange über die nötige Klasse - nur konnte sie ihr Potenzial bisher nicht konstant abrufen. Das soll sich ändern.

Garbiñe Muguruza balanciert die Wimbledon-Trophäe auf ihrem Kopf
DPA

Garbiñe Muguruza balanciert die Wimbledon-Trophäe auf ihrem Kopf

Aus London berichtet Philipp Joubert


Es dauerte fünf Fragen und Antworten und genauso viele Minuten bis ein britischer Journalist die offensichtliche Frage stellte, die über diesem Londoner Nachmittag schwebte. "Wie können Sie es anstellen," wollte der Mann von der neuen Wimbledon-Siegerin Garbiñe Muguruza wissen, "dass Sie diese Leistung bei jedem Grand-Slam-Turnier abrufen und nicht nur einmal im Jahr?"

Die French Open Siegerin von 2016, die bisher abseits dieser beiden Grand-Slam-Titel nur zwei kleine Turniere gewonnen hat, lachte so wie sie es in den letzten Tagen häufig getan hatte und versuchte sich zumindest an einer Erklärung: "Es ist sehr hart ein Rezept zu finden, das alles zusammenbringt: Die Fitness, das Tennis und das Mentale". Dann fügte die 23-Jährige an: "Normalerweise steht immer etwas im Weg. Du fühlst dich müde, hast Schmerzen oder es fehlt das Selbstvertrauen. Aber dieses Mal habe ich es geschafft, auf jedem Level eine gute Leistung abzurufen."

Der Prototyp der modernen Tennisspielerin

Dass Muguruza in den vergangenen Jahren Variationen dieser Frage in fast jeder ihrer Pressekonferenzen und Interviews gestellt bekommen hat, liegt zum einen an der Tenniswelt, die händeringend nach einem neuen Star sucht. Irgendwann müssen die Nachfolger und Nachfolgerinnen von Serena Williams, Roger Federer und Co schließlich erscheinen. Aber die Fragen liegen eben auch an dem großen Talent der Spanierin, und solches Talent geht ja fast immer mit einer genauso großen Erwartungshaltung einher.

Die dürfte nach diesem erstaunlichen Finale jedoch keinesfalls kleiner geworden sein, eher das Gegenteil. Muguruza musste bei ihrem 7:5, 6:0-Sieg gegen Venus Williams im ersten Durchgang zwei Satzbälle abwehren. Dann zog sie ihrer Gegnerin mit erdrückender Konstanz davon. Williams wollte Fragen, ob sie im zweiten Satz erschöpft gewesen war und Auswirkungen ihrer Erkrankung am Sjögren-Syndrom gespürt hatte, auch auf mehrere Nachfragen nicht beantworten. Aber der Fokus lag nach Matchende, trotz des historischen Finaleinzugs der 37-jährigen Williams, sowieso auf der 14 Jahre jüngeren Muguruza.

Fotostrecke

10  Bilder
Wimbledon: Muguruzas Machtdemonstration

Spielt Muguruza auch in der Zukunft so wie am Samstag, dann dürfte sie in der Tat schaffen, wozu einst Juan Martin del Potro bei den Männern prädestiniert schien. Während der dauerverletzte del Potro immer wieder von seinem Körper zurückgehalten wird, könnte Muguruza zur Personifizierung eines neuen Tennis-Archetypen werden. Denn die Spanierin ist eine Musterathletin - groß, stark und schnell. Die 1,82 Meter große Spanierin trippelt, balanciert und setzt wohl kalkulierte Schritte auf der Grundlinie.

Im Match gegen Williams sah es so aus, als wenn sich Muguruza vor den meisten Schlägen in die Kurve legte. Denn während sie den Ball tief an die Grundlinie der Gegnerin zurückschickte, war sie schon wieder auf dem Weg zur deren spielerischer Antwort. Kombiniert mit technisch sauberen Auf- und Rückschlägen ergibt sich eine runde Mischung wie bei sonst niemanden im Frauentennis außer der zurzeit schwanger aussetzenden Serena Williams.

Mit gefestigter Psyche an die Spitze?

Doch Sport ist eben nicht nur eine Frage des athletischen und technischen Könnens. Dass Muguruza meistens vor allem über den mentalen Druck stolpert, zeigte sich noch vor wenigen Wochen bei den French Open in Paris. Damals war sie als Titelverteidigerin angereist, spielte in den ersten drei Runden gut, aber scheiterte dann an der Französin Kristina Mladenovic und vor allem am eigenen Anspruch. Anschließend berichtete sie froh zu sein, dass nun all die Fragen aufhören würden. Fragen nach der Titelverteidigung, den Erwartungen und eben jene, warum sie nicht jede Woche so gute Leistungen bringen kann.

Nun hat sich Muguruza also nur einen Grand Slam später in dieselbe Situation manövriert. Einer Ironie, der sich die Spanierin bewusst ist. Dieses Mal ist sie aber optimistisch, die Lage besser meistern zu können: "Ganz ehrlich, ich freue mich wieder in der Situation zu sein. Ich freue mich, dass ich wieder weiß wie es ist, einen Grand Slam zu gewinnen, etwas das so hart ist. Das gibt mir Selbstvertrauen."

Schon nach dem Achtelfinalsieg gegen Angelique Kerber, dem vielleicht besten Match in einer durchgehend hochklassigen Frauenkonkurrenz in Wimbledon, hatte Muguruza hoffnungsvoller als in den letzten zwölf Monaten geklungen. "Ich habe nach Paris ins nächste Kapitel geblättert," versicherte sie und fügte an: "Ich will zurück an die Spitze."

Dort könnte sie in den nächsten Monaten endgültig ankommen. Wie eine Handvoll anderer Spielerinnen kann Muguruza in der dichtgedrängten Weltrangliste schon bald die Spitzenposition erobern. Doch jetzt steht erst mal eine andere Herausforderung an: Denn Wimbledon beschließt seine zweiwöchigen Tennismeisterschaften mit einem Galadinner, einem Abend an dem auch Sieger und Siegerin zusammen tanzen sollen.

Muguruza wurde in ihrer Pressekonferenz gefragt mit welchem der Männerfinalisten sie denn lieber tanzen wolle - Marin Cilic oder Roger Federer. Die Spanierin prustete, lachte und sagte: "Ich mag Marin. Aber ich will mit Roger tanzen, einfach um zu sehen ob er genauso elegant tanzt wie er spielt." Vielleicht kann sie ihn ja auch fragen, wie das denn nun genau geht, überragendes Talent jede Woche konstant in Resultate umzusetzen.



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
GueMue 16.07.2017
1. Gratuliere
Mag shows um Sport nicht so sehr. Verstehe die Macht des Geldes schon. Muguruzu scheint eine sympathische Dame mit Tiefgang zu sein. Gefaellt mir. Guter Artikel. Ausgewogenheit zum Vorbild fuer politische Artikel nehmen
RalfHenrichs 16.07.2017
2. Vielleicht einfach akzeptieren
Nach der Serena-Dominanz gibt es eine Phase von vielen gleichstarken Damen, die alle ein großes Turnier gewinnen können: Muguruza, die alte 1 Kerber, die neue 1 Pliskova, die fast 1 Halep und sicher noch die ein oder andere. Ist doch eigentlich die interessantere und spannendere Situation.
sonntag500 16.07.2017
3. Eine wahre Königin im neuen Tennis
*Garbiñe Muguruza, meinen herzlichsten Glückwunsch zu diesem tollen Sieg. Den Spaniern ist eine wahre Tennisspielerin geboren worden, die es noch sehr weit und nachhaltig bringen wird. Leider wurde aus unserer hochgejubelten ehemaligen Nr1 nur Fallobst, an die sich in nicht allzu ferner Zeit keiner erinnern wird. Aber, in*Garbiñe Muguruza liegt die Zukunft des Tennissportes.
lofi 16.07.2017
4. Überschrift
Nr.3: ihr sogenanntes Fallobst hatte Muguruza im Achtelfinale am Rand einer Niederlage. Schon vergessen? Ändert natürlich nichts daran, dass Muguruza eine verdiente und sympathische Siegerin ist.
jean-baptiste-perrier 16.07.2017
5. Spiele ansehen und dann kommentieren
Offenkundig beziehen viele ihr Wissen über das Geschehen in Wimbledon nur aus Newsticker-Meldungen. Wobei ständig der Begriff des Scheiterns verwendet wird. Über keine andere Sportart wird - zumindest in Deutschland - mit einem derart negativen Vokabular berichtet wie über Tennis. Wenn der deutsche Michel zehnmal am Tag liest und hört, dass "Angelique Kerber im Achtelfinale gescheitert" ist, dann brennt sich in ihm zwangsläufig die Vorstellung ins Gehirn, dass Kerber eine gescheiterte Person ("Fallobst", "keine echte Nr.1", etc.) sei. Statt ständig mit Extrem-Vokabular wie "Scheitern", "Ausscheiden", etc. zu hantieren sollten Journalisten bei SID, dpa und sonstigen Redaktionen mal einfach von einem verlorenen Spiel sprechen (wie man es bei anderen Ballspielen auch tut).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.