Tennisprofi Haas Der 80-Prozent-Federer

Wird es der letzte Wimbledon-Auftritt von Thomas Haas? Mit 37 Jahren probiert es der von Verletzungen geplagte Tennisprofi noch einmal in London.

Tennisprofi Haas und Federer (r.): Alte Freunde
AFP

Tennisprofi Haas und Federer (r.): Alte Freunde

Von Philipp Joubert


Es war ein entscheidender Moment in der Karriere von Roger Federer. Aufschlag auf die Rückhand seines Gegners, der wartete schon und spielte den Ball mit genug Länge in die schwächere Rückhand Federers. Eine wenig einfallsreiche, aber gute Taktik, um den gefürchteten Vorhandangriffen des Schweizers zu entgehen. Doch Federer, der in engen Situationen schon immer mehr an die eigene Stärke als an die Schwäche seines Gegners geglaubt hatte, stand der Sinn nicht nach einem weiteren Grundlinienduell. Von denen hatte er an diesem Frühlingsnachmittag schon genug verloren.

Mit seinen schnellen Trippelschritten bewegte sich Federer zur linken Seitenlinie. Er umlief die eigene Rückhand und feuerte eine Cross-Vorhand mit solcher Wucht auf die Linie, dass sein Gegner noch nicht einmal seine Bewegung beenden konnte. Hätte Federer diesen Punkt verloren, wäre seine Karriere wohl für immer unvollendet geblieben. Aber Federer gewann den Punkt, das Spiel und nach einer Aufholjagd auch das Match.

Es war das Achtelfinale der French Open 2009, das Turnier, in dessen Finale Federer Robin Söderling bezwang und endgültig den Tennis-Olymp bestieg. Sein Gegner, der ihn vier Spiele zuvor fast daran gehindert hätte? Thomas Haas.

Bei Haas fehlte immer was

Der hatte bei seinem zweiten Comeback so gutes Tennis gespielt wie vielleicht nie wieder in seiner Karriere. "Da muss man einfach sagen: Deswegen ist er Roger Federer!", sagte Haas im Anschluss. Es war ein Match, das viel darüber sagt, wie wenig im Tennis zwischen einer unvergesslichen und einer unerfüllten Karriere liegen kann. Haas ist mit einem Schlagtalent gesegnet, mit dem er selbst einem Federer Paroli bieten kann. Schwächen auf der Vorhand glich er schon immer mit seiner außergewöhnlichen Rückhand aus.

Doch während sich bei Federer nach einem holprigen Start als Teenager später alle Puzzleteile zusammenfügten, fehlte bei Haas immer etwas - er ist so etwas wie der 80-Prozent-Federer. Es sind unter anderem die Verletzungen, die Haas immer wieder zurückwarfen; so verpasste er gerade zum dritten Mal in seiner Karriere vier Grand-Slam-Turniere in Folge. Federer dagegen hat seit den Australian Open 2000 an jedem teilgenommen.

Bei solch einem Rekord spielt Glück natürlich eine Rolle. Doch Federer hat sich auch eine Technik erarbeitet, mit der er so gut am Ball steht, dass er wenig Druck auf seinen Körper ausübt und diesen somit schont. Auch Haas bewegt sich gut, aber eben nicht so effektiv wie Federer.

Haas, am Anfang seiner Laufbahn als Stinkstiefel verschrien, ist mittlerweile ein allseits respektierter Routinier. Sein kürzliches Comeback in Stuttgart fand auch international Beachtung. Im Gegensatz zu vielen Spielern, die laut öffentlicher Meinung den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg nicht gefunden haben, schwingt für ihn wenig Mitleid, sondern eher Anerkennung mit.

Es sei bewundernswert, dass es Haas mit 37 Jahren noch einmal probiert, heißt es dann. Trotzdem ist dieses Mal etwas anders. Haas spielt immer noch ein ästhetisches Tennis, aber er sah bei seinen drei Matches in Stuttgart und Halle langsamer aus, er wurde schnell müde, beim Aufschlag fehlte es nach der vierten Schulteroperation an Geschwindigkeit.

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Wimbledon: Favoriten auf den großen Titel
"Das mit der Schulter und die Niederlage nerven tierisch. Ich kann nicht so aufschlagen wie ich will", analysierte er, nachdem er gegen Bernard Tomic verloren hatte. Sollte Haas nicht noch einmal zurückkommen, könnte der diesjährige Auftritt in Wimbledon, der für Haas am Montag gegen den Serben Dujan Lajovic beginnt, sein letzter werden.

Ein Ende für Roger Federer scheint trotz seiner 33 Jahren noch ewig entfernt, doch auch für den Weltranglistenzweiten dürfte dieses Wimbledon so etwas wie die letzte Chance auf einen großen Titel sein. Federer hat seit dem French-Open-Sieg 2009 nur noch drei Grand-Slam-Turniere gewonnen, zweimal in Wimbledon. Das letzte Mal, dass er ein Grand-Slam-Finale außerhalb von London erreichte, liegt mehr als vier Jahre zurück.

Schon nach seiner French-Open-Niederlage gegen Stanislas Wawrinka hatte Federer vom "großen Ziel" Wimbledon gesprochen: "Ich will dort gewinnen und denke, mit meinem Spiel kann ich auch gewinnen", sagte er. Tatsächlich scheint die Zeit für Federer auf Rasen stillzustehen. Die fehlende Power, die vermehrten unnötigen Fehler, die sich über die Jahre eingeschlichen haben, kann er mit seinen nach wie vor flinken Beinen und gut überlegten Netzattacken ausgleichen.

Doch wen er auf seinem Weg zum achten Titel wohl nicht wird schlagen müssen, ist sein Freund Thomas Haas. Dem könnte er aufgrund der Auslosung nur im Finale begegnen - und das wäre ein wirkliches Tenniswunder.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
LucianBF 29.06.2015
1. Kein Deutscher?
Gab es nicht neulich noch einen Artikel dass es keinen Deutschen bei Wimbledon geben würde dieses Jahr?
abcdefghbebe 29.06.2015
2.
Zitat von LucianBFGab es nicht neulich noch einen Artikel dass es keinen Deutschen bei Wimbledon geben würde dieses Jahr?
Kein deutscher der gesetzt ist.
countrushmore 29.06.2015
3.
Das Image des deutschen Tennis muss ja wirklich miserabel sein, wenn jemand es für möglich hält, kein Deutscher konnte sich für Wimbledon qualifizieren.
lowmanruchti 29.06.2015
4. Neben Pech und Verletzungen ...
... fehlten Haas auch immer die notwendigen 10% Power bei Vorhand und Aufschlag für ganz oben. Der absolute Gewinnerschlag eben, tolle Rückhand hin oder her. Schade, dass er bald wohl aufhören wird. Technisch brillanter Tennisspieler, der das ganze Repertoire beherrscht und es einsetzt, ein Genuss zum Zuschauen.
kastenmeier 29.06.2015
5.
Zitat von LucianBFGab es nicht neulich noch einen Artikel dass es keinen Deutschen bei Wimbledon geben würde dieses Jahr?
... keinen gesetzten!
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