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WM-Flop in Schweden: Waterloo für Deutschlands Handball

Aus Jönköping berichtet

Die Spieler ringen um Fassung, der Trainer resigniert - die WM-Blamage gegen Norwegen hat dem deutschen Handball zugesetzt. Doch eine Diskussion um die Person Heiner Brand verbittet sich die DHB-Spitze. Der Coach kann nur durchhalten. Oder sich selbst feuern. 

Bundestrainer Brand: "Kein Kampf, kein Aufbäumen" Zur Großansicht
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Bundestrainer Brand: "Kein Kampf, kein Aufbäumen"

Seit 14 Jahren ist Heiner Brand nun Bundestrainer. Er hat in dieser Zeit so ziemlich alles erlebt: Den Weltmeistertitel im eigenen Land (2007), einen EM-Titel (2004), eine olympische Silbermedaille (2004). Natürlich gab es auch schwere Rückschläge, sportliche Krisen, Verletzungspech.

Doch was sich an diesem 25. Januar 2011 in der WM-Arena von Jönköping abgespielt hatte, war einzigartig in Brands Laufbahn. "So etwas habe ich noch nie erlebt. Da war kein Kampf, kein Aufbäumen", sagte der 58-Jährige nach dem Spiel. "Der Ruf des deutschen Handballs hat in den letzten beiden Spielen gelitten", legte Brand nach. Und flüchtete sich in Sarkasmus. Auf die Frage, was ihn nach der 25:35 (13:17)-Blamage gegen Norwegen noch motivieren könne, kam seine Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Der Olympiasieg 2016."

Es war schwarzer Humor, der die verheerende Situation des deutschen Handballs aber anschaulich beschreibt - und die neuen Ziele. Denn die Qualifikation für das olympische Turnier 2012 in London ist nun in weite Ferne gerückt. Nur noch bei der EM 2012 in Serbien bietet sich eine weitere Möglichkeit. Doch selbst die Qualifikation für die Kontinentalmeisterschaft scheint in der aktuellen Verfassung utopisch. Zunächst muss die Auswahl des Deutschen Handballbunds (DHB) bei der 22. WM zur Strafe am Donnerstag (18 Uhr) das Spiel um Platz elf gegen Argentinien bestreiten.

Brand hatte gelitten an der Seitenlinie. Erst hob er noch verzweifelt die Arme, irgendwann ergab er sich in die Niederlage. Er musste mit ansehen, wie sich sein Team nicht nur besiegen, sondern demütigen ließ. "Das war das schlechteste Spiel, das ich je von einer deutschen Nationalmannschaft gesehen habe", sagte Michael Kraus, der wieder einmal mit der Regie des deutschen Spiels überfordert war. "Eine große Leere", verspürte Holger Glandorf nach dem Schlusspfiff.

Der Auftritt provoziert die Frage, ob Brand noch der richtige Trainer sei. "Wir dürfen jetzt keine Schnellschüsse machen", warnte Dominik Klein, Linksaußen vom THW Kiel.

Dabei hat Brand selbst die Debatte entfacht. Vor ein paar Tagen gab er zu, sich Gedanken darüber gemacht zu haben, ob er seinen bis 2013 laufenden Vertrag erfüllen wolle. Er setze sich mit seiner Situation schon länger auseinander. Die Niederlage gegen Norwegen dürfte neuen Grund zum Grübeln geben.

"Ich werde sicher einiges analysieren. Natürlich betrifft das auch personelle Dinge", sagte er nach dem Spiel. "Ich werde das mit dem Präsidenten besprechen, und irgendwann wird die Öffentlichkeit über die Zukunft informiert werden", so Brand. Zunächst jedoch brauche er vor allem Abstand.

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Deutschland vs. Norwegen: Debakel gegen Rambo und Co.
Es dürfte ein interessanter Entscheidungsprozess werden. Denn Brand ist wohl der einzige Handballtrainer Deutschlands, der sich nur selbst entlassen kann. DHB-Präsident Uli Strombach ist schließlich, wie Brand, ein Gummersbacher, den seit den siebziger Jahren eine Freundschaft mit dem Coach verbindet. Strombach wird Brand um seine Vertragserfüllung bitten, weil er ihn als den bestmöglichen aller Trainer ansieht.

"Es gibt keine Trainerdiskussion"

Auch Horst Bredemeier, der als DHB-Vizepräsident für Leistungssport die deutsche Delegation in Schweden leitet, gehört zu Brands Freundeskreis. Kein Wunder, dass er nach dem Norwegen-Desaster umgehend feststellte, dass schon eine Debatte über die Zukunft Brands unwürdig sei: "Das hat so ein Mann nicht verdient." Deshalb gebe es "keine Trainerdiskussion". Das Turnier habe lediglich den falschen Verlauf genommen, so der Funktionär. "Der Sport ist schnelllebig. Spanien ist vor zwei Jahren 13. geworden, jetzt stehen sie im Halbfinale."

Da klang schon wieder viel Optimismus mit. Fast so als habe das Team just ein Spiel unglücklich mit einem Tor verloren, und sich nicht eine der größten Blamagen der deutschen Handballgeschichte geleistet.

Die Frage ist nun, ob dieser Freundeskreis einen solchen Auftritt bei einer WM einfach so wegwischen kann. Und ob persönliche Verbindungen weiter darüber entscheiden, wohin der Weg der deutschen Handballnationalmannschaft in den nächsten Jahren führen soll.

Die Öffentlichkeit dürfte das nicht kommentarlos hinnehmen. Auch einige Funktionäre in den Landes- und Regionalverbänden des Deutschen Handballbunds sind willens, der autokratischen Herrschaft Strombachs beim nächsten DHB-Bundestag im Herbst ein Ende zu bereiten. Ein Gegenkandidat soll bereits die Truppen hinter sich scharen.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Der Trainer muss weg
Roana, 26.01.2011
Der Brandt ist spieltechnisch mitte4 des vorigen Jahrhunderts stehengeblieben und hat sich nicht weiterentwickelt... das rächt sich jetzt...
2. Mein Gott!
Sapientia 26.01.2011
Zitat von sysopDie Spieler ringen um Fassung, der Trainer resigniert -*die WM-Blamage*gegen Norwegen hat dem deutschen Handball zugesetzt. Doch eine Diskussion um die Person*Heiner Brand verbittet sich die DHB-Spitze. Der*Coach kann nur durchhalten. Oder sich selbst feuern.* http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,741643,00.html
Gibt es nicht wichtigere Thema als sich darüber auszulassen, dass eine Handballmannschaft mal nicht so gut abschneidet? Wenn Ihnen so sehr daran liegt, dann schreiben Sie doch ein Drehbuch darüber und bringen die ganze Dramatik auf die Bühne; dann wird man sehen, was Sie auf der Pfanne haben.
3. ....
Aquifex 26.01.2011
Zitat von SapientiaGibt es nicht wichtigere Thema als sich darüber auszulassen, dass eine Handballmannschaft mal nicht so gut abschneidet? Wenn Ihnen so sehr daran liegt, dann schreiben Sie doch ein Drehbuch darüber und bringen die ganze Dramatik auf die Bühne; dann wird man sehen, was Sie auf der Pfanne haben.
Natürlich gibt es das. Ich empfehle die Lektüre des Artkels über das RTL Jungle-Camp......
4. ?
derVollstrecker 26.01.2011
Warum muss gleich wieder jemand kommen mit "Gibt es nicht wichtigeres... Dioxin...Terroranschlag...Bundeswehr...usw"? Warum sollte man sich nicht über Sport auslassen dürfen? Das ist ein Thema, das Teile der Gesellschaft beschäftigt. Wem Sport als zu proletarisch und nicht kulturell anspruchsvoll erscheint, der sollte doch den anderen zugestehen, dieses Thema zu diskutieren.
5. Heiner wir danken Dir!
Talan068 26.01.2011
@Sapientia: Sicher gibt es Wichtgeres, aber die Handball-WM sollte im Sportbereich schon erwähnt werden. Für mich ist Heiner Brandt, sportlich und auch menschlich (sofern ich das als Fensehzuschauer beurteilen kann), eins der größten Vorbilder. Möglicherweise ist das System-Brandt überholt oder zumindest, nach 14 Jahren für andere berechenbar geworden. Ich halte Brandt immer noch für einen sehr gut, lernfähigen Trainer, aber vllt. sollte er jetzt mal einem Anderen die Chance geben zu zeigen was er kann. Es ist löblich, das er nachdem WM-Triumpf, nicht einfach Tschüss gesagt hat und diee undankbare Aufgabe des Neuaufbaus selbst übernommen hat (man stelle sich vor, sein Nachfolger wäre mit einem solchen Ergbnis gestartet ..). Aber jetzt sollte wirklichh einn Neuer die Chance kriegen, bei null anzufangen.
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Hallenhandball-Weltmeister der Männer
Jahr Team
2015 Frankreich (25:22 gegen Katar)
2013 Spanien (31:19 gegen Dänemark)
2011 Frankreich (37:35 n.V. gegen Dänemark)
2009 Frankreich (24:19 gegen Kroatien)
2007 Deutschland (29:24 gegen Polen)
2005 Spanien (40:34 gegen Kroatien)
2003 Kroatien (34:31 gegen Deutschland)
2001 Frankreich (28:25 n.V. gegen Schweden)
1999 Schweden (25:24 gegen Russland)
1997 Russland (23:21 gegen Schweden)
1995 Frankreich (23:19 gegen Kroatien)
1993 Russland (28:19 gegen Frankreich)
1990 Schweden (27:23 gegen die UdSSR)
1986 Jugoslawien (24:22 gegen Ungarn)
1982 UdSSR (30:27 n.V. gegen Jugoslawien)
1978 Deutschland (20:19 gegen die UdSSR)
1974 Rumänien (14:12 gegen die DDR)
1970 Rumänien (13:12 n.V. gegen die DDR)
1967 CSSR (14:11 gegen Dänemark)
1964 Rumänien (25:22 gegen Schweden)
1961 Rumänien (9:8 n.V. gegen die CSSR)
1958 Schweden (22:12 gegen die CSSR)
1954 Schweden (17:14 gegen Ges.-Deutschland)

WM-Abschneiden der DHB-Auswahl (Halle)
2011: 11. Platz
2009: 5. Platz
2007: Weltmeister
2005: 9. Platz
2003: 2. Platz
2001: 8. Platz
1999: 5. Platz
1997: nicht qualifiziert
1995: 4. Platz
1993: 6. Platz
1990: BRD nicht qualifiziert, DDR 8. Platz
1986: BRD 7. Platz, DDR 3. Platz
1982: BRD 7. Platz, DDR 6. Platz
1978: BRD Weltmeister, DDR 3. Platz
1974: BRD 9. Platz, DDR 2. Platz
1970: BRD 5. Platz, DDR 2. Platz
1967: BRD 8. Platz, DDR Vorrunde
1964: BRD 4. Platz, DDR Vorrunde
1961: 4. Platz
1958: 3. Platz
1954: 2. Platz
Handball-WM der Männer 2011: Der Modus
Das Turnier
Vom 13. bis 30. Januar spielen 24 Teams in Schweden den Weltmeistertitel der Handballer aus. Das Land war bereits in den Jahren 1954, 1967 und 1993 Gastgeber von Weltmeisterschaften, das Turnier wird an acht Spielorten ausgerichtet.
Die Vorrunde
Vier Gruppen á sechs Nationen bilden die Vorrunde, die im Jeder-gegen-Jeden-System zwischen dem 13. bis zum 20. Januar ausgetragen wird. Deutschland spielt in Gruppe A gegen Titelverteidiger Frankreich, Spanien, Tunesien, Ägypten und Bahrain. Gruppe B besteht aus Island, Ungarn, Norwegen, Japan, Österreich und Brasilien. In Gruppe C stehen Kroatien, Rumänien, Dänemark, Australien, Algerien und Serbien. Gruppe D wird gebildet aus Gastgeber Schweden, Chile, Polen, Südkorea, Argentinien und die Slowakei.
Die Hauptrunde
Die drei ersten Teams jeder Gruppe erreichen die Hauptrunde, die zwischen dem 22. und 25. Januar stattfindet. Die Qualifizierten aus den Vorrunden-Gruppen A und B spielen in der Hauptrunden-Gruppe I, diejenigen aus Vorrunden-Gruppe C und D bilden entsprechend die Hauptrunden-Gruppe II. Jede Nation absolviert drei Spiele gegen die Teams aus der anderen Vorrunden-Gruppe. Die Ergebnisse gegen qualifizierte Mannschaften aus der eigenen Vorrunden-Gruppe werden in die Hauptrunde übertragen.
Die Finalrunde
In den beiden Halbfinals (28. Januar) treffen der Erste der Hauptrunden-Gruppe I und der Zweite der Hauptrunden-Gruppe II sowie der Zweite der Hauptrunden-Gruppe I und der Erste der Hauptrunden-Gruppe II aufeinander. Die beiden Sieger stehen im Endspiel, die Verlierer spielen Platz drei aus (jeweils am 30. Januar). Die weiteren Platzierungsspiele finden bereits am 27. und 28. Januar statt.


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