WM im Rollstuhl-Rugby Knallharte Kerle auf Rädern

Rollstuhl-Rugby ist nichts für zartbesaitete Spieler. Die Duelle sind voller Tempo, Fingerbrüche eingeschlossen. Die Akteure stört das nicht, ihr Sport ist für sie zugleich eine gute Art der Rehabilitation. Ab heute geht es in Neuseeland um den WM-Titel.

Von Jürgen Bröker


Seit 17 Jahren sitzt Christoph Werner im Rollstuhl. Es war ein Autounfall auf dem Heimweg. 500 Meter vor der eigenen Haustür kam der Wagen von der Straße ab. An den Unfall selbst erinnert sich der 37-Jährige nicht mehr. Irgendwann auf der Intensivstation hat man ihm gesagt, er sei querschnittsgelähmt. "Das habe ich gar nicht realisiert. Solange man da liegt und es einem schlecht geht, denkt man auch nicht ans Aufstehen", sagt Werner und rückt sich in seinem Rollstuhl zurecht.

Für ihn war der Moment, in dem er zum ersten Mal in seinem Zwangsgefährt Platz nehmen musste, der schlimmste. "Man sitzt irgendwo und merkt nicht, dass man sitzt." Werner ist Tetraplegiker. Sein Rückenmark ist zwischen den Halswirbel C6 und C7 beschädigt. Beine und Rumpf spürt er nicht mehr, die Handbewegungen sind eingeschränkt. Dennoch ist er Leistungssportler. Werner startet für Deutschland bei der morgen in Neuseeland beginnenden Weltmeisterschaft im Rollstuhl-Rugby. Zwölf Teams kämpfen bis zum 16. September um den WM-Titel. Deutschland zählt nicht zum Favoritenkreis. "Wenn es optimal läuft, können wir unter die ersten Vier kommen", sagt Bundestrainer Pierre Sahm. Wie beim "Fußgänger-Rugby" - wie es die Rollstuhl-Spieler nennen - sind auch hier die traditionsreichen Nationen die stärksten. Neben den USA und Neuseeland, Platz eins und zwei in der Weltrangliste, gehören Australien, Kanada und England zum Favoritenkreis. "Neuseeland hat sogar einige Spieler dabei, die vor ihrem Unfall schon Rugby gespielt haben", sagt Sahm. Wie die Fußgänger-Mannschaft, die "All Blacks", so führt auch das Rollstuhl-Team den traditionellen Tanz, die Haka, vor jeder Begegnung auf. Begleitet von lauten Schlägen auf die Verkleidung der Räder erfüllt ihr Gebrüll dann die Spielhallen.

Den Deutschen dürfte eher die Mannschaft aus den USA liegen. Erst vor kurzem haben Sahms Spieler nur knapp gegen die Amerikaner verloren. Das US-Team ist nicht sonderlich beliebt. "Bei denen geht es nur ums Gewinnen. Wenn Sie zurückliegen, fahren die voll drauf und werden link", klagt Spieler Werner. Das ist dann eine echte Prüfung für Mensch und Material. Vor seinem ersten Spiel gegen die Amerikaner habe er sich noch gewundert, dass er aufgefordert wurde, genügend Ersatzteile einzupacken, so Werner. Inzwischen weiß er warum. In diesen schweren Partien macht sich ein weiteres Handicap Werners besonders bemerkbar: Sein Körper schwitzt nicht mehr. Wenn es heiß wird, muss er zur Temperaturregulierung eingesprüht werden.

Häufig gebrochene Finger

Und es wird oft heiß. Rollstuhl-Rugby ist rasant. Die speziellen Stühle sind enorm wendig und schnell. Im Unterschied zum einfachen Straßenrollstuhl sind sie ganz auf das Fahren ausgelegt. Die Fahrer sitzen sehr tief, sind festgegurtet. Die Räder sind mit bis zu 16 bar extrem hart aufgepumpt und stehen schräg. Das ermöglicht Drehungen fast auf der Stelle. Körperkontakt ist im Gegensatz zum traditionellen Rugby verboten, dafür müssen die bis 5000 Euro teuren Stühle einiges aushalten. Immer wieder donnern die Spieler laut und mit solcher Wucht aufeinander, dass die großen Antriebsräder vom Boden abheben. "Das geht direkt in die Magengrube", sagt Werners Teamkollege Jörg Holzem. Stürze sind wegen einer Kippsicherung aber selten. Eher kommen Fingerquetschungen oder -brüche vor.

Holzem zählt zu den Offensivkräften im deutschen Team. Der 33-Jährige kann im Gegensatz zu vielen anderen Spielern seinen rechten Arm fast uneingeschränkt benutzen, was man durch den Händedruck bei der Begrüßung schnell zu spüren bekommt. "Der rechte Arm ist mein großer Vorteil", sagt er. Holzem ist ein guter Passgeber. Früher war er Forstwirt. Im November 1996 geschah das Unglück: Beim Fällen eines Baumes brach ein dicker Ast ab. Der traf ihn auf den Kopf, die linke Schulter und zerschmetterte ihm den Rücken. Mehr als ein Jahr lag er im Krankenhaus. Anfangs sei es schwer gewesen, mit der Situation klar zu kommen. Aber die Familie hat ihm geholfen. Heute sagt Holzem: "Es geht mir gut. Ich bin ja nicht krank."

Rugby als Mittel zur Rehabilitation

Holzem besitzt großen Ehrgeiz. Fast täglich ist er in der Halle, trainiert Kraft oder Ausdauer. "Wir sind die Verrückten", sagt auch Werner. Neben der Zeit investieren die Nationalspieler einiges an Geld in ihren Sport. Reisen zu Turnieren müssen sie mangels Sponsoren oft selbst bezahlen. Doch alle vereint die Faszination dieser Sportart. "Die Mischung aus Aggressivität und kühlem Kopf. Du kriegst einen Schlag. Zack. Und dann geht es sofort weiter", sagt Holzem. Dabei klatscht er laut in die Hände und lächelt.

"Rollstuhl-Rugby ist der ideale Reha-Sport", sagt Bundestrainer Sahm. Er selbst ist Physiotherapeut in einer Spezialklinik in Bad Wildungen. Durch Rugby gewännen die Rollstuhlfahrer ein großes Maß an Selbstständigkeit zurück. "Der Sport hilft, ein selbstbestimmtes Leben zu führen", so Sahm. Das können Holzem und Werner bestätigen. Der Sport, findet Holzem, zeige einem selbst, aber auch den Angehörigen, dass es weitergehe. "Seit ich im Rollstuhl sitze und Rugby spiele, habe ich viel mehr erlebt als vorher als Fußgänger. Ich weiß daher gar nicht, welchen Teil meines Lebens ich schöner finden soll", sagt er.



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