WM im Skisprungschanzenlauf "Deine Füße fühlen sich an wie zwei Vorschlaghammer"

Strapazen bei 79 Prozent Steigung: In Bischofshofen steigt die WM im Skisprungschanzenlauf, dem wohl härtesten 400-Meter-Rennen der Welt. Favorit Anton Palzer über Psycho-Tricks, Strategie und richtige Ernährung.

Flo Hagena/ Red Bull

Von Florian Kinast


Am schlimmsten, sagt Anton "Toni" Palzer, wird es zur Hälfte des Rennens. Nach rund 200 Metern, am steilsten Stück des Aufsprunghügels, bei einer Steigung von 79 Prozent. "Wenn dir da das Laktat in die Beine schießt", sagt der 25-Jährige, "dann fühlen sich deine Füße an wie zwei Vorschlaghammer. Brutal."

Wenn in Bischofshofen die Weltmeisterschaft im Skisprungschanzenlauf stattfindet, dem wohl härtesten 400-Meter-Rennen der Welt, bedeutet das: 400 Meter Strapazen, Qualen, Leiden. Auf der legendären Paul-Außerleitner-Schanze, auf der am Dreikönigstag die Skispringer traditionell den Gesamtsieger der Vierschanzentournee küren, laufen die Teilnehmer vom Auslauf über den Aufsprunghügel zum Schanzentisch und dann den gesamten Anlauf mit einer Neigung von noch einmal knapp 51 Prozent hoch bis zur Spitze des Sprungturms. Zu überwinden sind dabei insgesamt fast 140 Höhenmeter.

Palzer, Skibergsteiger aus Berchtesgarden, gilt als einer der Top-Favoriten. Vor einem Jahr gewann er in Bischofshofen die WM-Generalprobe und holte bei der Weltmeisterschaft 2017 auf der Schanze in Titisee-Neustadt Silber hinter Ahmet Arslan. Der mehrfache Sieger wird auch diesmal sein schärfster Widersacher im Kampf um Gold sein.

Von Kulm in die ganze Welt

2011 feierte der Sprungschanzenlauf als von einem im Sportsponsoring längst omnipräsenten Energiegetränkeproduzenten betitelten "Red Bull 400" seine Premiere. Damals noch auf der Skiflugschanze am Kulm in der Steiermark mit gerade 247 Teilnehmern. Inzwischen ist aus dem Event eine richtige Tournee geworden mit 17 Stationen allein 2018 weltweit. Von Almaty bis Zakopane, von Sapporo bis Courchevel, sogar Sotschi ist dabei. Doch noch ein Event, den die verlassene Olympia-Schanze von 2014 ausrichten darf.

Höhepunkt ist nun aber die WM in Bischofshofen, angemeldet haben sich 1800 Teilnehmer bei Frauen und Männern. Es gibt auch Staffelrennen, 4 x 100 Meter die Schanze hinauf. Strategie: die Schmerzen vierteln, dann tut es nicht mehr ganz so weh. Am Start sind dabei Profi-Athleten wie Toni Palzer, die ansonsten in alpinen Gefilden im Berglauf-Weltcup anzutreffen sind. Und dazu die große Masse an Hobbyläufern.

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In der Qualifikation der Männer starten in jedem der elf Vorläufe rund 100 Sportler gleichzeitig. Die elf Vorlauf-Sieger und die 270 Zeitschnellsten erreichen die vier Halbfinalläufe, dort qualifizieren sich die vier Ersten und die 66 Zeitbesten für das 70er-Feld im Finale kurz nach 20 Uhr.

Palzer weiß natürlich, dass er die Kräfte einteilen muss. "In der Quali reicht eine Zeit von sieben Minuten, im Halbfinale von fünf", sagt er. Das Finale vor einem Jahr gewann Palzer in 3:08.9 Minuten. Wichtig sind Taktik und eine kluge Rennstrategie: "Wie für die Skispringer ist auch für uns Läufer jede Schanze anders. Da musst du dich immer neu einstellen."

Da die Renndistanz immer 400 Meter beträgt, liegt der Start auf gewaltigen Skifluganlagen wie dem Kulm oder in Planica bereits auf dem Aufsprunghügel. In Bischofshofen aber geht es die ersten 40 Meter noch im ebenen Auslauf los. "Das kann schon dazu verleiten, den Speed vom Flachen in den Hang reinzunehmen", sagt Palzer. "Das kann man machen. Aber dann holt einen das Leben ganz schnell wieder ein." Spätestens bei den 79-Prozent-Steigung seien die meisten "kaputt und blau", sagt er. Immerhin haben sie in Bischofshofen auf die grüne Kunstrasenmatte breitmaschige Netze gelegt, da können sich die Sportler festhalten - bevor sie runterfallen.

Tricks aus der Psycho-Kiste

Das Mittelstück ist für Palzer dann auch jene Schlüsselstelle, in der er gerne kleine Psycho-Tricks auspackt: "Wenn die anderen froh sind, dass sie gerade noch einen Schritt zustande bringen, dann lege ich genau da einen Zwischensprint ein. 20 Meter, vielleicht 30. Das ist zwar die Hölle, aber wenn die das sehen, tuts denen richtig weh. Die Gegner zermürben, das ist immer ganz gut." Schwere Verletzungen gibt es bei den Rennen kaum, dafür ist das Tempo zu langsam. Die Anstrengung und die Erschöpfung seien jedoch gewaltig. Wichtig sei daher vor dem Start eine zucker- und energiereiche Ernährung, die kurzfristig ins Blut gehe, so Palzer, der im Winter als Sportdoldat mit Förderung der Bundeswehr als einer der weltbesten Skibergsteiger schon zahlreiche Weltcup-Siege gefeiert hat.

Viele Schanzenlauf-Athleten brauchen hinterher mehrere Tage zur Regeneration, Palzer zieht es direkt wieder in die Berge. Ganz gemütlich. So wie im Training, als er die Watzmann-Ostwand hochlief. 2000 Höhenmeter in 1:20 Stunden. Für Toni Palzer eher ein gemächlicher Spaziergang.

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insgesamt 2 Beiträge
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nadannprost 25.08.2018
1. 2000 Höhenmeter in 1:20 Stunden
Oh Mann, Spon. Der Rekord für die 6,52km lange Strecke liegt aktuell bei: 2:02,53! Und ist alles andere als ein Spaziergang
noalk 25.08.2018
2. Der nächste Sportkandidat ...
... für die Olympischen Spiele. Jedenfalls mit mehr Berechtigung als E-Sports.
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