Arbeiter auf WM-Baustellen Die Katastrophe von Katar

Alle zwei Tage soll auf den WM-Baustellen Katars ein Arbeiter zu Tode kommen. Das berichtet die Zeitung "Guardian". Der Turnierausrichter gerät erneut in die Kritik. "Es fehlt an Glaubwürdigkeit", sagt Ex-DFB-Chef Theo Zwanziger.

WM-Baustelle in Katar (November 2014): Alle zwei Tage ein Todesfall
AP

WM-Baustelle in Katar (November 2014): Alle zwei Tage ein Todesfall

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Der Präsident des Fußballweltverbands zeigte sich fest entschlossen: Nur ein Erdbeben könne die Weltmeisterschaft 2022 in Katar noch verhindern, sagte Fifa-Chef Joseph Blatter nach einem Treffen des Exekutivkomitees am vergangenen Freitag. "Es gibt zu diesem Zeitpunkt absolut keinen Grund, unsere Entscheidung für Katar zu überdenken."

Auch wenn es einzelne Mitglieder des Exekutivkomitees anders sehen als Blatter - die sture Haltung der Fifa sorgt weltweit für Unverständnis. Denn neben Korruptionsvorwürfen steht auch die Missachtung von Menschenrechten in Katar weiter im Raum. Die britische Zeitung "Guardian" berichtet nun, dass sich an den katastrophalen Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen nichts geändert hat. Demnach starb in diesem Jahr im Schnitt an jedem zweiten Tag ein Arbeiter aus Nepal. Rechne man die Todesfälle von Arbeitern aus Indien, Sri Lanka und Bangladesch dazu, könnte es laut "Guardian" sogar einen Toten pro Tag auf Katars Baustellen geben.

Die Zeitung beruft sich bei ihren Angaben auf die nepalesische Behörde für Arbeitsmigranten. Laut dieser starben in Katar zwischen Januar und Mitte November 157 Nepalesen - 67 an plötzlichem Herzstillstand und acht an Herzversagen. 34 Migranten seien bei Arbeitsunfällen gestorben.

"Die Zahlen und die menschlichen Schicksale dahinter sind schrecklich", sagt Theo Zwanziger, ehemaliger Präsident des Deutschen Fußball Bundes (DFB) und Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, SPIEGEL ONLINE. Es sei "absolut inakzeptabel, dass ein so reiches Land wie Katar sich über Jahre hinaus solchen Vorwürfen aussetzt".

Umstrittenes Kafala-System

Gastarbeiter in Katar: "Extrem anfällig für Hitzeschläge"
AFP

Gastarbeiter in Katar: "Extrem anfällig für Hitzeschläge"

Menschenrechtler kritisieren seit langem die Bedingungen auf Katars Baustellen: Die Temperaturen steigen regelmäßig über 50 Grad, dennoch müssen die Migranten viele Stunden am Stück schuften. "Menschen, die dauerhaft bei großer Hitze arbeiten, sind extrem anfällig für Hitzeschläge", sagte Nicholas McGeehan von Human Rights Watch dem "Guardian".

Von den 1,4 Millionen Arbeitsmigranten in Katar kommen 400.000 aus Nepal. Verteidiger Katars argumentieren, die Todesrate sei nicht höher als in den Herkunftsländern der Arbeitsmigranten. Doch da es keine genaue Übersicht über die Todesursachen der Arbeiter gibt, sind diese Zahlen kaum vergleichbar. Der Menschenrechtler McGeehan fordert: "Es ist die Pflicht der Regierung zu ermitteln, ob die Todesfälle in Zusammenhang mit den Arbeits- und Lebensbedingungen stehen."

In der Kritik steht besonders das Kafala-System, das in Katar wie in anderen reichen Golfstaaten angewandt wird. Es sieht vor, dass der Arbeitgeber gewissermaßen die rechtliche Vormundschaft für den Gastarbeiter übernimmt. Wird beispielsweise das Arbeitsverhältnis beendet, erlischt damit auch dessen Aufenthaltserlaubnis. Die Arbeitnehmer sind von ihren Chefs dadurch extrem abhängig. Viele ziehen sogar den Pass der Angestellten ein, damit diese nicht ohne Einwilligung reisen können. Manche behandeln ihre Arbeiter wie Sklaven.

"Mangel an Glaubwürdigkeit"

In einem Gutachten der Anwaltskanzlei DLA Piper wurde Katar aufgefordert, eine unabhängige Kommission einzusetzen, die die Todesfälle untersucht. Das Emirat versprach zudem, das Kafala-System zu reformieren. Doch selbst diese minimalen Reformen wurden bis heute nicht umgesetzt, kritisiert Amnesty International.

"Ich habe gedacht, dass wir mit dem Piper-Report einen deutlichen Fortschritt erreicht haben", sagt Zwanziger. "Aber heute muss ich feststellen, dass es den Verantwortlichen in Katar an Glaubwürdigkeit fehlt."

Zwanziger hatte im Exekutivkomitee in der vergangenen Woche durchgesetzt, dass die Fifa den Druck auf Katar erhöht, die Kommission einzusetzen: "Blatter und ich werden den Verantwortlichen nach Weihnachten einen Brief schreiben, in dem sie aufgefordert werden, die Vorgaben aus dem Piper-Report schnellstens umzusetzen. Es wird höchste Zeit, diese schrecklichen Missstände zu beheben."

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insgesamt 172 Beiträge
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Seite 1
erasmus89 24.12.2014
1. Vielleicht sollte man die WM umbenennen
in die Massenmord und Sklaven WM.
count_zer0 24.12.2014
2. Die Sache ist so dermassen einfach.
Keine Karten vorbestellen. Nicht hingehen. Nicht im Fernsehen anschauen. So eine Art von Sport muss man wirklich nicht haben.
crazy_swayze 24.12.2014
3.
Ich werde diese WM boykottieren, sollte sie wirklich zustande kommen. Dies ist ein Disaster für die FIFA und den Fußball. Wie soziopathisch muss man sein, Herr Blatter, wenn man diesem Sterben im Namen des Fußballs tatenlos zusieht. Ich könnte das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Solche Sportveranstaltungen sollten nur in Demokratien veranstaltet werden.
matthias__g 24.12.2014
4. Wahnsinn
Einfach nur Wahnsinn was da passiert. Die Entscheidung pro Katar war schon verrückt, aber was dort mit den Menschen gemacht wird ist tatsächlich Wahnsinn. Man muss in Erwägung ziehen diese WM zu boykottieren.
MeisterHonig 24.12.2014
5. soll vielleicht heißen...
...zu Tode gekommen sein?
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