World Series of Poker Mit ein paar Karten zum großen Geld

Es geht um Ruhm, ein Armband - und zehn Millionen Dollar. Die World Series of Poker lockt Hunderte Profis und Amateure aus aller Welt nach Las Vegas. Dabei sind die Bedingungen alles andere als optimal für die Spieler.

Von Frieder Schilling


"Es ist wahnsinnig laut", sagt Katja Thater. Sie spricht vom Amazon Room des Rio-Hotels in Las Vegas. Stimmengewirr, Spielchips, Jubelschreie, Enttäuschungen. Mehr als 300 Deckenlampen, unter jeder ein Tisch, besetzt mit zehn Pokerspielern. "Ein Bienenstock" sagt die deutsche Profispielerin, "und alle drei Minuten irgendein Skandal". In dieser konzentrationsfeindlichen Umgebung findet zurzeit die World Series of Poker (WSOP) statt, die größte Pokerturnierserie der Welt. Aus allen Himmelsrichtungen reisen Profis und Amateure in der Hoffnung auf unfassbar viel Geld und ein kleines Armband nach Vegas.

Höhepunkt der seit Anfang Juni ausgetragenen 55 Turniere verschiedener Pokervarianten ist das Main Event, das heute beginnt. 10.000 Spieler werden jeweils 10.000 Dollar zahlen, um an diesem Spektakel teilzunehmen. Rund 90 Prozent der so gesammelten 100 Millionen Dollar werden ausgeschüttet. Mehr Preisgeld verspricht keine Sportveranstaltung weltweit. Der Gewinner wird sich über rund zehn Millionen freuen dürfen. Und das Armband.

Michael Keiner hat bereits eins gewonnen. Am 10. Juni gegen sechs Uhr morgens stand er als Gewinner eines Seven-Card-Stud-Turniers fest. Belohnung: 146.987 Dollar für 1500 Euro Einsatz. Und das goldene Armband, das ihn von nun an als Gewinner eines Turniers der WSOP auszeichnet. "Davon träume ich seit zehn Jahren", sagte Keiner. 16 Stunden saß der 48-Jährige durchgehend am Tisch. Aß nichts, war immer konzentriert. "Alles Trainingssache", sagt der Profi. Wenige Tage später konnte auch Thater ihr erstes Armband erringen, im Razz, einer Poker-Variante. Vor den beiden hatten in 38 Jahren WSOP nur zwei Deutsche dieses begehrte Schmuckstück gewonnen: Matthias Rohnacher (1997) und Eddy Scharf (2001, 2003).

Der Amerikaner Phil Hellmuth kann elf "Bracelets" (Armbänder) sein Eigen nennen, alle gewonnen in der populärsten Variante, die auch ab heute gespielt wird, Texas Hold'em. Niemand hat mehr. Er ist einer der Stars der Pokerwelt. 1989 gewann er als 24-Jähriger das Main Event, als bisher jüngster Spieler. Keiner hat so viele WSOP-Turniere im Preisgeld beendet (62) und nur wenige können sich so gut vermarkten. Sein Handy-Game steht bereit zum Download, es gibt eine Hellmuth-Sonnenbrillenkollektion. Er ist Autor von Artikeln im "Card Player Magazine", diverser Pokerbücher und -DVDs. Das Drehbuch für den Film über sein Leben wird gerade geschrieben.

Ebenfalls untrennbar mit der WSOP verbunden ist Chris Moneymaker. 2003 investierte der damalige Buchhalter 39 Dollar, qualifizierte sich auf einer Online-Pokerseite für das Main Event, setzte sich dort gegen 838 Spieler durch und gewann 2,5 Millionen Dollar. Der Sieg des Amateurs begründete den noch heute anhaltenden Poker-Boom. Zwölf Monate später meldeten sich über 2500 Spieler zum Main Event, was das Preisgeld mal eben verdoppelte. 2006 hatte sich die Teilnehmerzahl verzehnfacht: 8773. Alle neun Spieler, die im vergangenen Jahr den Final Table erreichten, gingen als Millionär nach Hause, Sieger Jamie Gold (USA) gewann zwölf Millionen Dollar.

Trotz der ungeheuren Summen, die nur auf Grund des enormen Wachstums zu gewinnen sind, gibt es Kritik. Speziell am Veranstalter, Harrah's-Entertainment. Mit 50 Glücksspieltempeln auf vier Kontinenten ist das Unternehmen der weltgrößte Casino-Betreiber. Seit 2004 organisiert das Unternehmen die WSOP. Laut Keiner mit folgendem Geschäftsprinzip: "Gewinnmaximierung bei Minimierung der Kosten." Harrah's streicht von jedem Buy-In (Teilnehmergebühr) acht Prozent ein. Das sind alleine beim Main Event rund acht Millionen Dollar. Hinzu kommen Werbeeinnahmen in zweistelliger Millionenhöhe. Die Spieler bekommen dafür schlecht ausgebildete Dealer (Kartengeber) vorgesetzt und werden zeitweise in provisorische Zelte abgeschoben.

"Früher, als die WSOP noch im Horseshoe ausgetragen und von der Familie Binion organisiert wurde", sagt Keiner, "wurden sie als Pokerspieler behandelt wie ein König. Essen und wohnen war frei." Heute musste Thater einen Finaltisch "in einem kleinen schwarzen Verschlag" spielen, unterbrochen nur vom gemeinsamen Dinner (kalt) in einem "schmucklosen Abstellraum". Doch immerhin sorgt sich Harrah's ums leibliche Wohl der Zocker: Es gibt einen Verzehrgutschein. Wert: zehn Dollar.

All das wird vergessen sein, wenn die Preisgeldgrenze näher rückt. Rund 800 Spieler werden das Main Event mit gefüllten Taschen verlassen. Auch Thater fliegt wieder in die Wüste. Nach drei Wochen Pokern, unterbrochen nur durch schlafen und Roomservice, war sie für zehn Tage nach Hamburg zurückgekehrt. Übermorgen wird die 40-Jährige in die "Lotterie" (Thater) einsteigen. Denn um sich gegen mehrere tausend Spieler durchzusetzen, braucht man Glück. Auch wenn sich Pokerspieler, bezeichnet man sie als Glücksspieler, wehren. "Poker ist ein Strategiespiel mit einer Glückskomponente" sagt Thater. 70 Prozent Strategie, 30 Prozent Glück, lautet die Grundformel.

Mitspielen kann jeder, der das Geld auf den Tisch legt. Wer die Reise nach Vegas scheut, kein Problem: Im September wird die WSOP erstmals eine kleine Turnierserie in Europa veranstalten. Die Karten werden dann neu gemischt - in London.



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