WSOP Main Event: JR und die Brille des Grauens

Wer sammelt ewigen Ruhm und macht sich im Poker unsterblich? Wer verdient sich neun Millionen Dollar? Lasse König hat vor dem Finaltisch des Main Events das Poker-Orakel befragt und schreckliche Dinge gesehen: Schmerzen, Trauer, Leid - und einen Sieger, der zum Billigheimer wird.

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Pokerspieler Racener: "Ray Ban, sonst nichts"

Was war das doch für ein Finaltisch beim WSOP Main Event vor einem Jahr! Ein Holzfäller (Darvin Moon), den keiner kannte und den alle fürchteten. Ein Pokergott (Phil Ivey), den alle kannten und alle fürchteten. Ein junger Wilder (Joe Cada), den keiner kannte und eigentlich keiner fürchtete. Ein Franzose mit Schlafzimmerblick (Antoine Saout), den keiner kannte und der am Ende Cadas Glück kennenlernte. Es war ein Finaltisch mit echten Bankern (Steve Begleiter) und welchen, die wie Banker aussahen (Eric Buchman und Kevin Schaffel). Ein Traumfinale mit vielen kleinen, großen und komischen Geschichten und ja: auch mit einem komischen Bart-Gesicht (Jeff Shulman).

Und jetzt?

Jason Senti, John Dolan, Joseph Cheong, John Racener, Jonathan Duhamel, Matt Jarvis - das klingt nach Müller, Meier, Schulze und nicht nach besonderen Geschichten oder Glamour. Okay, Michael Mizrachi hat so was wie Star-Appeal und Soi Nguyen das Potential, wie Moon zum Überraschungs-Amateur zu werden. Nguyen ("UTG? Was ist das?") hat sogar noch weniger Ahnung als Moon, aber er ist Angestellter und kein Holzfäller. Außerdem hat er sehr wenige Chips.

Schmerzhafte Freude

Bleibt: Filippo Candio. Er sieht aus wie ein echter Italiener und er spielt auch so. Furchtlos, aggressiv, selbstbewusst. Aber auch: Überdreht, selbstüberschätzend. Sein Call gegen Joseph Cheong mit 75 gegen die Asse sprach Brockhaus-Bände. Cheongs Gesicht auch. Für das Ansehen des Poker wäre ein Triumph Candios ungefähr so hilfreich wie verdorbenes Essen vom Chinesen kurz vorm Urlaub.

Es ist nicht leicht, eine realistische Prognose für diesen Finaltisch abzugeben, der am Samstag um 12 Uhr Mittags in Las Vegas startet (20 Uhr MESZ, hier im Live-Blog gibt es alles, was man wissen muss). Duhamel liegt klar vorn in Chips, aber was heißt das schon, gerade im Fall von Duhamel? Der spielt noch furchtloser als Candio und das, obwohl er Kanadier ist. Kurz vor Toreschluss an Tag acht machte auch der 22-Jährige einen fragwürdigen Call gegen die Asse (von Affleck) und auch er gewann. Sympathien bei den Pokerspielern hat ihm das nicht eingebracht, was aber nicht nur an dem mitunter arrogant wirkenden Duhamel lag, sondern vor allem an dem sympathischen Affleck. Wie also wird dieser Final Table ausgehen? Eine (nicht ganz ernst gemeinte) Prognose.

9. Jason Senti

Der Finaltisch geht gut los für Senti. Der Shortstack (alle Begriffserklärungen finden sich links im Glossar) verdoppelt sich gegen Duhamel, der mit 5-6 bei einem Board von Ass-Ass-Ass einen aussichtslosen Bluff wagt und auf Sentis Ass-König trifft. Verliert seine Chips aber schon in der nächsten Hand gegen Candio, der mit 5-6 gegen Sentis Asse gewinnt. Auf einem Board von Ass-König-5 callt der Italiener ein All-in und freut sich nach Turn und River (jeweils 5) so ausgiebig, dass er sich den linken Arm an der Zuschauertribüne prellt.

8. Soi Nguyen

Nguyen verbringt die erste Stunde mit Schlaf und wird später sagen, er habe lange nicht mehr so gut genickert. Als er auswacht, findet er Könige und mit Duhamel (Dame-3) einen dankbaren Caller. Duhamel ("Dame-3 war suited!") ist runter auf 35 Millionen, Nguyen rauf auf 20. Verliert wenig später allerdings alle Chips an Candio, der sich nach seinem neuerlichen Call mit 5-6 ("suited!") auch noch den rechten Arm prellt. Candio sitzt jetzt mit 60 Millionen Chips und hängenden Armen am Tisch, Nguyen marschiert mit hängendem Kopf aus dem Casino. Er legt sich wieder hin.

7. Jonathan Dumamel

Nimmt sich nach den beiden Rückschlägen vor, nicht mehr zu bluffen. Spielt nur noch Premiumhände, bekommt aber leider keine. Nach drei Stunden Warten entscheidet sich Duhamel dann doch zu einem Raise mit 5-6 und wird von Joseph Cheong gecallt. Den Flop 5-5-6 checken beide. Als auf dem Turn eine weitere Sechs erscheint, setzt Duhamel und wird von Cheong All-in gestellt. Duhamel liegt vorn gegen Cheongs Buben, doch der River (Bube) beendet den Auftritt des ehemaligen Chipleaders vorzeitig. Mitten unter den Zuschauern lächelt Matt Affleck milde.

6. Matt Jarvis

Trägt seine Billig-Sonnenbrille mit Spezialverspiegelung von Trader Joe's stundenlang umsonst. Gewinnt ein paar Chips und verliert ein paar, gute Hände bekommt Jarvis nicht. Redet derweil viel mit John "JR" Racener über die Qualität von Sonnenbrillen. Racener ist verzweifelt ob seiner mittelmäßigen Karten aber auch enttäuscht von Jarvis: Racener ("Ray Ban, sonst nichts") steht nicht auf billig. Nimmt Jarvis (Damen) mit Königen vom Tisch und schenkt dem Ausgeschiedenen seine Ray-Ban-Sonnenbrille.

5. Joseph Cheong

Glaubt nach Duhamels Aus, der Auserwählte Main Event-Champion zu sein. "Wie soll ich verlieren", fragt Cheong in Richtung Racener, der seine Großzügigkeit schnell bedauert hat und jetzt Jarvis' Billigbrille tragen muss. Racener zuckt mit den Schultern und wünscht Cheong innerlich das Aus: Auch Cheong trägt Ray Ban. Keine fünf Minuten später ist er draußen. Racener nimmt ihm innerhalb von drei Händen alle Chips ab. Cheong schenkt seine Brille Matt Affleck im Publikum.

4. Filippo Candio

Es ist ein Bild des Grauens: Der schwer angeschlagene Candio sitzt mit hängendem Kopf und hängenden Armen am Tisch. Seit Stunden hat er keine Hand gespielt, so sehr schmerzen die geprellten Arme. Candios Chipstapel schmilzt, dann bittet der Italiener plötzlich Matt Affleck, sie für ihn anzuheben und auch die Chips zu setzen. "Musse spiele wie ich", sagt der Italiener zum US-Boy - und dieser stellt mit 4-3 alle Chips rein. Candio ist verzweifelt, brüllt und prellt sich dabei seinen Kopf am Tisch, Affleck ("suited!") grinst. Michael Mizrachi freut sich über die Chips des Italieners. John Racener fragt Affleck vorsichtig nach der Ray Ban-Brille. Dieser verneint und schenkt sie Mizrachi.

3. Michael Mizrachi

Der Pott gegen Candio hat den "Grinder" endlich mutig gemacht. Er wird aggressiver und sieht sich schon mit dem Bracelet aus dem Casino laufen. Doch zum Verhängnis wird ihm ausgerechnet das Geschenk von Matt Affleck: Mizrachi ist keine Sonnenbrillen gewohnt und verwechselt in der schließlich entscheidenden Hand Herz und Pik. "Flush Ass hoch", sagt Mizrachi zu John Racener. "Ich auch", sagt Racener. Alle lachen, nur Mizrachi nicht, der die Sonnenbrille über den Tisch feuert und John Dolan trifft. Dieser wacht auf.

2. John Dolan

Zwei Tage später treffen sich John Dolan und John Racener zum Heads up. Dolans Acht-Stunden-Nickerchen hat ihn fast den gesamten Chipstapel gekostet. Fünf Millionen stehen noch vor ihm, mehr als 220 Millionen vor seinem Gegner. Immerhin hat Dolan die Ray-Ban-Sonnenbrille von Michael Mizrachi auf. Der rechte Bügel ist angeklebt. Zwei Minuten später ist das kürzeste Heads-up der WSOP-Geschichte zu Ende. John Racener jubelt, auf der Nase eine Billigsonnenbrille und auf dem Konto neun Millionen Dollar.

Kurz gestört - die Facebook-Interviews

Am 6. November startet der Final Table des Main Events (für die Laien: der Finaltisch des größten, wichtigsten, prestigreichsten usw. Pokerturniers der Welt). Es gibt viele Fragen, die man sich über die neun Spieler stellt, die es an diesen Tisch geschafft haben. Lasse König fand, dass man sie auch mal stellen muss. Also fragte er nach bei den Facebook-Accounts der "November Nine".

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