X-Games in München: Spielplatz für Trickkünstler

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Erstmals kommen die X-Games nach Deutschland. Das Spektakel gilt als Gegenentwurf zu den Olympischen Spielen - und als Beispiel für modernes Sportmarketing. Ausrichter ist nicht etwa ein Verband, sondern der Fernsehsender ESPN.

X-Games: Durch den Schlamm, durch die Luft Fotos
REUTERS

Auf dem Olympiaberg in München entsteht gerade eine moderne Sportanlage - aus Holz, Lehm, Sand und etwas Wasser. Seit zwei Wochen schütten Bagger rund 2000 Kubikmeter ockerfarbene Erde auf dem Grashügel aus, 30 Kursbauer mit Schaufeln formen daraus Rampen und Steilkurven.

Sie arbeiten an einer Slopestyle-Strecke, einem 500 Meter langen Hindernis-Parcours, auf dem Mountainbikefahrer doppelte Salti und 720-Grad-Drehungen zeigen können. Mit bis zu 60 Stundenkilometern werden sie den Hügel hinabrasen, der weiteste Sprung wird sie 20 Meter durch die Luft tragen. Der frühere Profibiker Tarek Rasouli hat den Kurs entworfen. "Wir sind hier bei den X-Games", sagt er, "vom Schwierigkeitsgrad her müssen wir da schon an die Grenze gehen."

Die X-Games gelten als Olympische Spiele für Skateboarder, BMX-Fahrer und Motocrosspiloten. Jetzt kommt das Trendsportevent erstmals nach Deutschland, ab Donnerstag soll es 100.000 Zuschauer in den Münchner Olympiapark locken. Es ist der Versuch, das deutsche Sportpublikum für ein Produkt zu begeistern, von dem es bisher allenfalls am Rande mal gehört hat: Actionsport.

Sportevent mit Festivalcharakter

Auf dem ehrwürdigen Areal, auf dem vor 41 Jahren die Olympischen Spiele ausgetragen wurden, ist ein Spielplatz für Tricksportler entstanden. Im Olympiastadion fliegen Motocrosser über Baumstämme und Erdhügel, im Eisstadion springen Skater über Treppen und Geländer, sie rauschen durch einen Park, der aussieht wie ein Schwimmbecken, aus dem das Wasser abgelassen wurde.

Mitten im Olympiasee steht eine Halfpipe, daneben ist eine 26 Meter hohe Rampe aufgebaut, sie erinnert an eine Skisprungschanze, BMX-Fahrer stürzen sich dort in die Tiefe. Am Ufer werden die Zuschauer im Gras sitzen, die X-Games sollen ein Sportevent mit Festivalcharakter sein.

Der Aufwand für die Fernsehübertragung ist enorm. Die Bilder der Wettbewerbe werden in den Formaten SD, HD und 3D produziert, ein achtarmiges Fluggerät, das aussieht wie eine schwebende Spinne, liefert Luftaufnahmen. Die Sportler tragen eine Kamera am Helm, der Zuschauer soll so nah wie möglich am Spektakel dran sein.

Die X-Games sind ein Beispiel dafür, wie modernes Sportmarketing funktioniert: Es geht nicht um den Wettkampf im klassischen Sinn, wer gewinnt, ist zweitrangig. Es geht darum, dass die Trickkünstler spektakuläre Bilder produzieren, die sich gut verkaufen lassen. Es verwundert deshalb nicht, dass hinter den X-Games kein gemeinnütziger Verband steht, der neue Mitglieder sucht, und auch keine globale Sportorganisation wie das IOC. Der Erfinder des Events ist ESPN, der größte Sportsender der Welt - und der will vor allem neue Zuschauer.

Jugendliche sollen sich mit Sportlern identifizieren

Seit 1995 finden die X-Games jeden Sommer in den USA statt. Das Event zieht dort über 35 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme, bei den 18- bis 34-jährigen Männern gab es zuletzt eine Zuwachsrate von 16 Prozent. Das Actionsportpublikum ist im Schnitt 15 Jahre jünger als die Olympia-Zuschauer.

Scott Guglielmino ist Vizepräsident von ESPN und Chefvermarkter der X-Games: "Kinder und Jugendliche versuchen heute, sich selbst auszudrücken, sich selbst darzustellen", sagt er. Die Athleten bei den X-Games würden vormachen, wie das geht, es seien "stilprägende Persönlichkeiten", wegen ihrer Klamotten, ihrer Frisuren, ihrer Sprache und der kreativen Art, Sport zu treiben. Die Jugend, Guglielmino nennt sie "Millennials", könne sich "mit diesen Sportlern identifizieren".

So wie ESPN haben zuletzt mehrere Unternehmen ihre eigenen Sportevents erfunden. Der Getränkekonzern Red Bull veranstaltet Klippenspringen und Schlittschuhrennen im Eiskanal, die schwäbische Firma Stihl stellt Motorsägen her und richtet weltweit Wettkämpfe für Holzfäller aus.

"Das bringt den Firmen langfristig mehr als Sponsoring, bei dem nur ihr Logo aufs Trikot geklebt wird", sagt Andreas Baetzgen, Marketingexperte an der Hochschule der Medien in Stuttgart. "Die Events gehören nur den Firmen, sie sind Veranstalter, Rechteinhaber, Vermarkter. Das schafft einen starken Imagetransfer zwischen dem Event und den Produkten, die die Unternehmen verkaufen."

Der Sportsender ESPN kämpft seit Jahren um Marktanteile in Europa, das Unternehmen versucht, über die X-Games zu wachsen und schrieb deswegen 2011 eine globale Wettkampfserie aus. 37 Städte bewarben sich, darunter London, Moskau und Abu Dhabi. Neben Barcelona und Foz do Iguaçu in Brasilien bekam München den Zuschlag bis 2015. Die Stadt plant für die X-Games mit einem Budget von jährlich 3,3 Millionen Euro.

Ralph Huber, der Chef des Olympiaparks, schwärmt von dem Actionsportevent, es sei die Chance zu zeigen, dass der Park "noch zeitgemäß und cool" sei. Das klappt aber nur, so lange es keine schlimmen Unfälle gibt. Bei den Winter-X-Games im Januar in Aspen stürzte ein Schneemobil-Pilot bei einem Rückwärtssalto, später starb er an inneren Blutungen und schweren Kopfverletzungen.

Das Risiko, das die Athleten eingehen, ist fester Bestandteil der Show. In München werden bei allen Trainingsläufen und bei jedem Wettbewerb ein Unfallchirurg und ein Anästhesist neben der Strecke stehen.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Uh da wird unseren Kinder
felisconcolor 25.06.2013
etwas gezeigt, was gefährlich ist und Individualität erzeugt. Da geht ja gar nicht. Hoffentlich finden sich ein paar Unerschrockene die alle Register der juristischen Spitzfindigkeiten ziehen um dieses für Körper und Geist gefährliche Unterfangen verbieten. Nachher kommen die Jugendlichen noch auf den Gedanken Rauchen wäre auch cool. Oder noch schlimmer gar Motorrad fahren. Am Wochenende hat man höchstens Rasen zu mähen oder bei einer Flasche Bier Fussball zu schauen.
2. Mehr Ehrlichkeit durch ESPN als beim IOC!
svenbossi 25.06.2013
"Es verwundert deshalb nicht, dass hinter den X-Games kein gemeinnütziger Verband steht, der neue Mitglieder sucht, und auch keine globale Sportorganisation wie das IOC." Nun ja, immerhin ist sowas ehrlich - im Gegensatz zum IOC - deren Motto ist doch eher "Mehr Geld für meine Tasche..."
3.
coebi85 25.06.2013
10 Minuten von der eigenen Haustür entfernt! Super! "Das Risiko, das die Athleten eingehen, ist fester Bestandteil der Show" ... naja, ist nicht vor kurzen bei den olympischen Winterspielen auch nen Bobfahrer (oder so) gestorben? Das Risiko spielt bei sowas einfach mit eine Rolle.
4.
hundotto 25.06.2013
Was die Kids bei diesen Sportarten besonders reizt ist die unabhängige Ausführung ihres Sports.Kein Trainer,kein Terminus,keine biedere Vereinsmeierei.Trainingsanlage kann die Architektur der Stadt,ein Wald oder sonstiges öffentliches Terrain sein.Fahre selbst nun fast 25 Jahre Skateboard(nun nur noch sehr selten,leider) und es hat mein Leben ständig begleitet und bereichert.Auch wenn man etliche Male frustriert von Security oder Polizei vertrieben worden ist.Sowas hat denn auch das Gemeinschaftserlebnis in dieser Egosportart gebracht.Funsport ist der Sport der Zukunft.
5. super sinnvolle veranstaltung
dalethewhale 25.06.2013
oder wofür wird sowas gemacht. achja geld
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