Zeitfahr-Spezialist Martin: Der Herr der Schmerzen

Aus Saint-Malo berichtet

Tour de France: Allen Wunden zum Trotz Fotos
DPA

Tony Martin denkt trotz Fleischwunde und Lungenquetschung bei der Tour de France nicht ans Aufgeben. Im Gegenteil: Für das erste Einzel-Zeitfahren rechnet der Schmerzerprobte fest mit dem Sieg - und hat für die Zeit nach der Tour schon neue Ziele.

Da war er tatsächlich, dieser kurzen Moment des Zweifelns, gab Tony Martin nach seinem schweren Sturz auf der ersten Tour-Etappe zu. Als er alleine und mit blutenden Wunden an Arm und Rücken die letzten Kilometer bis zum Ziel zurücklegte, habe er sich "intensive Gedanken darüber gemacht, ob das für mich im Radsport wirklich weitergehen soll". Auch weil er an seine Oma gedacht habe, sagte er, die einmal mehr ansehen musste, wie ihr Enkel mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Asphalt landete und bewusstlos liegen blieb. "Sie kann schwer nachvollziehen, warum ich das hier mache."

Man muss nicht Tony Martins Großmutter sein, um sich bei derlei Bildern zu fragen: Muss das wirklich sein? Vor allem aber: Wie viel Schmerz kann ein menschlicher Körper ertragen?

Radsportlern werden selbstquälerische Charakterzüge nachgesagt, man müsse masochistisch veranlagt sein, um bei der Tour de France mitzufahren, heißt es. "Die Fahrer können Schmerzen besser aushalten und erholen sich schneller als andere Menschen", sagt die Sprecherin der Tour-Ärzte, Florence Pommerie, SPIEGEL ONLINE. Nach einem Sturz wie dem Martins falle das Aufstehen am Morgen vielleicht etwas schwerer, aber die Wunden seien beim Start vergessen. "Das sind Profis. Für den Sport und das Siegen nehmen sie viel in Kauf."

Martin besitzt eine außergewöhnliche Schmerztoleranz

Bei Martin scheint diese Eigenschaft enorm ausgeprägt zu sein. Im vergangenen Jahr fuhr er mit einem Knochenbruch in der Mittelhand noch eine knappe Woche weiter, aber irgendwann waren die Schmerzen auch für ihn zu groß. Er musste aufgeben. Das sei nach dem neuerlichen Sturz nicht in Frage gekommen, sagt Martin: "Es ist ja nichts gebrochen."

Am meisten Probleme bereite ihm weiterhin die tiefe Fleischwunde am linken Ellenbogen, "sie wird bis Paris nicht mehr zuheilen". Mit der leichten Lungenquetschung und den restlichen Schürfwunden - Martins Rücken habe ausgesehen, als hätte er die Nacht auf einem Grill verbracht, witzelte Quickstep-Sportdirektor Brian Holm - komme er gut klar.

So gut, dass er beim ersten von zwei Einzelzeitfahren an diesem Mittwoch (10 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) voll angreifen möchte. "Ich bin extrem selbstsicher und zuversichtlich", sagt der zweimalige Zeitfahr-Weltmeister, "alles andere als der Sieg wäre eine Enttäuschung. Ich will und muss mich entschädigen."

Seine bislang letzte Tour-Etappe hatte Martin 2011 gewonnen, beim Mannschaftszeitfahren in Nizza waren er und sein Team weniger als eine Sekunde langsamer als die Orica-Fahrer gewesen. "Das darf nicht noch einmal passieren", sagt Martin.

Umschulung aufs Gesamtklassement

Auf den 33 Kilometern zwischen Avranches und dem auf einer kleinen Atlantik-Insel gelegenen Kloster Mont Saint-Michel sei der Gesamtführende Christopher Froome sein ärgster Konkurrent, sagt Martin. Doch der Brite, der zuletzt in den Pyrenäen mit seinen Fähigkeiten am Berg beeindruckt hatte, setzt vor allem auf die Alpen-Etappen in der dritten Woche. Dort hat Martin keine Chance, für ihn ist die Tour dann eigentlich gelaufen. Der 28-Jährige ist zu schwer für einen Kletterer, es graut ihm vor dem Doppelanstieg nach Alpe d'Huez. Noch.

Denn trotz der kurzzeitigen Gedanken an ein Leben ohne Qualen plant Martin schon seine sportliche Zukunft. Es sind große Pläne, Martin möchte sich noch einmal neu erfinden. Auf dem Rad, natürlich. Nach den Weltmeisterschaften im September will er sich auf das Klassement konzentrieren, nicht mehr nur auf das Zeitfahren. "Ich würde es gern noch einmal versuchen, auf Gesamtwertung zu fahren", sagt er. Zu Beginn seiner Tour-Karriere war Martin sogar schon einmal Zweitschnellster auf dem Mont Ventoux gewesen, hatte sich dann aber auf die flachen, kurzen Etappen spezialisiert.

Für die neuerliche Umschulung muss Martin sein Körpergewicht reduzieren, um etwa vier Kilo Muskelmasse. "Wenn man sieht, welche Hungerhaken da vorne rumfahren, müssen mehr als nur zwei, drei Kilo runter", sagt er. Bei einer Körpergröße von 1,86 Metern würde Martin dann etwas weniger als 70 Kilo wiegen, der einen Zentimeter kleinere Chris Froome soll sogar nur 66 Kilo schwer sein. "Jedes Kilo sind fünf bis sechs Watt weniger Kraftaufwand", sagt Martin. In den kommenden Monaten wolle er sich Gedanken über seinen Trainings- und Diätplan machen.

Der Oma wird es sicher nicht gefallen, dem Enkel beim Abmagern zuzusehen, wo dessen Leibspeise doch Eis ist. Aber in der Familie Martin ist man den Kummer ja gewohnt.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Brecht
tiansworld 10.07.2013
"Wehe dem Volk das Helden braucht!" (Brecht) Wie dumm müssen Menschen eigentlich sein, dass sie das größte Geschenk der Natur an sie - ihren Körper - deartig unnötig malträtieren. "Quäl-dich-du-Sau"- Mentalität ist weder bewundernswert, noch nachahmenswert, sondern einfach nur veraltet.
2. Kummer gewohnt
Holbirn 10.07.2013
Geradezu peinlichst wird das Thema Medikamente vermieden. Dennoch würde es natürlich interessieren: Welche Medikamente sind denn da erlaubt? Und was setzt er sonst so ein, um mithalten zu können? In der Geschichte der Tour de France ist schon alles mögliche getan worden, auch, als sie im Vergleich zu heute geradezu noch einfach war.
3.
laurent1307 10.07.2013
Naja, da muss er sich halt vom Teamarzt was geben lassen.
4.
l.augenstein 10.07.2013
Zitat von sysopTony Martin denkt trotz Fleischwunde und Lungenquetschung bei der Tour de France nicht ans Aufgaben. Im Gegenteil: Für das erste Einzel-Zeitfahren rechnet der Schmerzerprobte fest mit dem Sieg - und hat für die Zeit nach der Tour schon neue Ziele. Zeitfahrer Tony Martin denkt nicht ans Aufgeben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/zeitfahrer-tony-martin-denkt-nicht-ans-aufgeben-a-910295.html)
Hmmh, etwas sarkastisch gefragt: vielleicht sollte er erst mal lernen, Stürze zu vermeiden? So oft wie der sich "hinlegt", ist die Frage berechtigt.
5. Respekt
tim2013 10.07.2013
Respekt an tony martin was der aushält ist sensationell, daran sollten sich mal unsere anderen sogenannten "sportler" die fußballer ein beispiel nehmen!die liegen ja bekanntlich nach einem kleinem foul 10 min am boden!bleibt nur zu hoffen das ihm die umschulung zum rundfahrer als auch der heutige etappensieg gelingt!
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Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt