Zum Tode Samaranchs Olympias Retter, Olympias Verräter

Juan Antonio Samaranch hat die Olympischen Spiele vollkommen verändert. Mit der Kommerzialisierung hat er sie in die Moderne geführt, das IOC reich gemacht - und der Korruption den Weg geebnet. Am Ende seiner Zeit als Boss des Gremiums war aus einem Altmänner-Club ein Machtfaktor geworden.

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Dass er am Ende von wohlmeinenden Nachrufern ein "Revolutionär" genannt wird, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Juan Antonio Samaranch hat schließlich jahrzehntelang dem diktatorischen Franco-Regime in hohen Staatsämtern gedient - dem System, das aus dem reaktionären Aufstand der Militärs gegen die linke spanische Republik 1936 hervorging. Aber Samaranch ist sein Leben lang ein Mann der Widersprüche gewesen, als Politiker und genauso in den 21 Jahren an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Für die einen ist er der Retter der Olympischen Spiele, für die anderen der Verräter der olympischen Idee. Wahrscheinlich war er beides. Samaranch musste die alten Ideale des neuzeitlichen Olympia-Gründers Baron de Coubertin über Bord werfen, um die Spiele zu dem zu machen, was sie heute sind: eine gigantische, von vorne bis hinten durchkommerzialisierte Großveranstaltung, eine niemals versiegende Geldquelle. Mit Einnahmen, die vor allem dem IOC zugute kamen. Gut elf Milliarden Dollar, so hat man errechnet, hat Samaranch dem Gremium im Lauf der Jahre zugeführt - vor allem dank des ausgeklügelten und exklusiven Sponsoringsystems, das der Spanier einführte.

Olympia in der heutigen Form ist zuallererst das Produkt Samaranchs. Durch die 1981 von ihm durchgesetzte Abschaffung des Amateurparagraphen, bereits ein Jahr nach seiner Wahl zum IOC-Boss, hat er die Spiele vom Kopf auf die Füße gestellt. Leistungssport und Leistungsgesellschaft wurden zusammengeführt, ganz im Wortsinn des alten Mottos: Schneller, höher, weiter. Unter seiner IOC-Führung wurde die Realität in die olympische Familie aufgenommen.

Korruption als logische Folge

Ab sofort war Olympia auch das Spielfeld der Sportler-Millionäre, die zuvor von dem Ereignis ausgeschlossen waren. Boris Becker oder das US-Dreamteam im Basketball hießen plötzlich die Protagonisten der Spiele. Dabei sein ist alles? Nicht mehr unter Samaranch. Dabeisein und Gewinnen ist alles. Olympia wurde zur Cash Cow. Nicht zuletzt für die Ausrichterstädte, die in der Ära von Samaranchs Vorgänger Lord Killanin am Ende der Spiele oft auf einem riesigen Schuldenberg hockten. Mit der Privatisierung der olympischen Idee wurde das grundlegend anders. Die Städte haben sich durch Olympia saniert, die Spiele wurden zum ganz großen Entertainment, der größten Show der Erde.

Dafür hat der Spanier vieles in Kauf genommen. Dass Korruption zu einem großen olympischen Thema wurde, dass Mitglieder des IOC käuflich wurden, dass die Teilnehmerländer die Doping-Maschinerie anwarfen, um am Ende ihre Athleten ganz nach oben zu bringen. Der große Bestechungsskandal um die Olympiastadt Salt Lake City, der 1999 an die Öffentlichkeit geriet, war Ausfluss und logische Folge des Systems Samaranch - so schockiert sich der damals schon greise Vorsitzende auch gab.

Zehn IOC-Mitglieder wurden danach aus dem Gremium entfernt - eine eher kosmetische Maßnahme, die die Kritiker ruhigstellen sollte. Samaranch selbst galt nie als korrupt im engeren Sinne. Allerdings nutzte er sein Amt immer wieder, um die eigene Position auszubauen. Um sich selbst eine vierte Amtszeit zu sichern, wurde das IOC-Statut geändert und die Altersobergrenze für Mitglieder auf 80 Jahre hochgesetzt. Dass seine Heimatstadt Barcelona den Zuschlag für die Sommerspiele 1992 erhielt, wird seinem maßgeblichen Wirken hinter den Kulissen zugeschrieben.

Herrschaft über Netzwerke

Samaranch führte das IOC nicht wie ein autokratischer Diktator, insofern ist er kein olympischer Wiedergänger Francos, wie manche Kritiker ihm bescheinigt haben. Sein Herrschaftssystem basierte vielmehr auf persönlichen Beziehungen, auf Netzwerken, er etablierte eine Art von olympischem Hof, an dem Gunst verliehen und entzogen wurde.

Auf diese Weise baute er bereits seine politische Karriere auf. Seine Ehefrau war eine enge Freundin der Tochter Francos. Nicht zuletzt diesem Umstand verdankte er seinen politischen Aufstieg in einer Diktatur, die Samaranch bis zuletzt verteidigt hat. Das ihm zugeschriebene Zitat, "die Regierung Francos bedeutete die längste Periode von Wohlstand und Frieden, die unser Land je erlebt hat", hat er nie dementiert.

Gleichzeitig pflegte er enge Kontakte zu Moskau und den kommunistischen Regimen in Osteuropa. Nicht zuletzt ihnen hat er es überhaupt zu verdanken, dass er Lord Killanin an der IOC-Spitze ablöste. In den siebziger Jahren betrieb Samaranch als spanischer Botschafter in Moskau Lobbyarbeit in eigener Sache und wurde 1980 mit den Stimmen des Ostblocks belohnt, als es um seine Wahl ging. Gerüchte, er habe auf dem Lohnzettel des sowjetischen Geheimdienstes KGB gestanden, sind niemals verstummt. Darin wurde spekuliert, der KGB habe Samaranch zur Mitarbeit bewegt, weil der Spanier in seiner Zeit als Diplomat wertvolle russische Antiquitäten illegal außer Landes geschafft habe.

Ära Samaranch geht weiter

Als er 1980 an die Spitze des Altmännergremiums aufrückte - er war zuvor schon jahrelang der Vizepräsident gewesen - war Olympia ein Instrument der Weltpolitik. Der Boykott der Moskauer Spiele 1980, die Antwort des Ostens vier Jahre später in Los Angeles - und mittendrin die Funktionäre, hilflos, ohnmächtig, der Politik etwas entgegen zu setzen. Samaranch hat das IOC dagegen zu einem eigenen Machtfaktor geformt. Das Ende des Kalten Krieges und der Fall der Mauer haben ihm dabei in die Hände gespielt.

Juan Antonio Samaranch ist tot. Die Ära Samaranch geht weiter. Als eine seiner letzten Amtshandlungen setzte der damals 81-Jährige zu seinem IOC-Abschied 2001 durch, dass sein Sohn Juanito in das erlesene Gremium gewählt wurde.

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