US-Sieg über Nordkorea Der Blitz war schuld

Titelanwärter USA ist mit einem glücklichen Erfolg ins WM-Turnier gestartet. Bei dem Sieg über die Nordkoreanerinnen offenbarten die US-Girls überraschende Schwächen. Eine "elektrisierende" Ausrede hatte der koreanische Trainer parat.

AP

Von , Dresden


Die Königin litt. Mia Hamm, die wohl berühmteste Spielerin in der noch jungen Geschichte des Frauenfußballs, saß in Reihe 19, Platz 15 in der Abendsonne des Dresdner Rudolf-Harbig-Stadions. Sie musste lange mitansehen, welche großen Probleme ihre Nachfolgerinnen im US-Team mit dem Gegner Nordkorea hatten. Das Ergebnis von 2:0 (0:0) für die US-Girls täuschte sehr darüber hinweg, wie weit die Amerikanerinnen noch davon entfernt sind, ein echter Topfavorit auf den WM-Titel zu sein.

Es war ein durchaus aufregendes Spiel, das Hamm, die Hundertschaft angereister US-Journalisten und die fast 22.000 Zuschauer in Dresden zu sehen bekommen hatten. Aufregungen, die sich auch nach dem Schlusspfiff fortsetzten. Der Trainer der Nordkoreanerinnen, Kwang Min Kim, überraschte in der Pressekonferenz alle mit der Geschichte, dass ein Großteil der Mannschaft das Spiel aus gesundheitlichen Gründen eigentlich überhaupt nicht hätte bestreiten dürfen.

Das Team habe am 8. Juni kurz vor der Abreise aus Pjöngjang "einen unerwarteten Blitzunfall" erlitten. Fünf Spielerinnen, unter anderem die Torfrau Myong Hui Hong, hätten ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Die Ärzte hatten ihr und vier Verteidigerinnen Spielverbot erteilt, "aber mit ihrem festen Willen haben sie das Match trotzdem gespielt. Normale Menschen hätten das nicht gekonnt."

Auch US-Team von der Blitz-Geschichte überrumpelt

Eine Geschichte, die auch die Gegnerinnen komplett überrumpelte. "Das ist das erste Mal, dass ich davon höre", so US-Stürmerstar Abby Wambach. Wieder einmal wurden die Nordkoreanerinnen ihrem Ruf als Geheimfavorit gerecht - wobei die Betonung nicht auf dem letzten Wortbestandteil liegt.

Tatsächlich wirkten die Asiatinnen gerade in der ersten Hälfte überhaupt nicht angeschlagen, sondern - um im Bild zu bleiben - wie elektrisch aufgeladen. Besonders kurz vor dem Pausenpfiff hatten sie die US-Abwehr von einer Verlegenheit in die nächste gestürzt, mit Tempoläufen über die Flügel die Abwehr um Routinier Christine Rampone aufgehebelt.

Es war ein Spiel, das die Qualitäten und Schwächen des Frauenfußballs mehr als alle anderen bisherigen Partien des Turniers deutlich machte: Einerseits die saubere individuelle Technik der Spielerinnen, die gute Ballbehandlung, der Chancenreichtum. Gleichzeitig zeigte die Partie aber auch die Unzulänglichkeiten auf, über die der Frauenfußball auch in der Weltspitze noch verfügt: Die Schwächen bei der Chancenverwertung, die Ungenauigkeiten beim finalen Pass vor dem Tor.

Zuschauer riefen nach "Dynamo"

Als die US-Stürmerinnen wieder einmal eine dicke Torchance vergeben hatten, riefen die Fans mit "Dynamo, Dynamo" lautstark nach ihrem Heimatverein. Zweitligafußball gegen Paderborn oder Braunschweig hielten sie offenbar für attraktiver als ein WM-Erlebnis.

USA gegen Nordkorea - das ist immer noch eine politisch heikle Paarung, auch wenn beide Teams bei großen Turnieren bereits zum vierten Mal aufeinandergetroffen sind. Vor dem Spiel hatte Hamm einen alten Mann zitiert, der ihr bei der Männer-WM in Südafrika im Vorjahr gesagt habe, es gäbe "nur zwei Dinge, die fremde Welten und fremde Menschen sofort zusammenbringen: Musik und der Sport".

Und fremdere Welten als die USA und Nordkorea gibt es tatsächlich wohl kaum. Das zeigte sich schon bei der Teamvorstellung vor dem Anpfiff auf der Anzeigetafel: Auf der einen Seite die "handsome" US-Girls, die ihr bestes Zahnpastalächeln in die Kamera zauberten. Auf der anderen Seite die Koreanerinnen, die keinerlei Miene verzogen. Ernst und undurchdringlich. Den meisten Applaus im Stadion erhielt allerdings keine Spielerin, sondern die Schiedsrichterin. Die Deutsche Bibiana Steinhaus feierte ihre WM-Premiere und hatte mit der fairen Partie überhaupt keine Mühe.

Am Ende wirkte Nordkorea tatsächlich müde

Ganz anders als der erklärte Titelfavorit. In der Anfangsphase fanden die Amerikanerinnen überhaupt nicht ins Spiel, fahrig in der Offensive, umständlich im Spielaufbau. Schon nach 19 Minuten kreiste die erste Welle durchs Stadion - im Fußball ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich Langeweile auf dem Feld breit macht. Und die US-Reporter auf der Tribüne hatten zunächst ausgiebig Zeit, ihre Facebook-Accounts zu pflegen.

Dann jedoch "haben wir ein paar Umstellungen vorgenommen", so US-Trainerin Pia Sundhage - und ab da wurde es ein höchst unterhaltsamer Schlagabtausch, bei dem sich das Übergewicht erst im Lauf der zweiten Hälfte in Richtung USA verlagerte. Spätestens nach dem 2:0 durch Rachel Buehler in der 76. Minute war das Spiel gelaufen. Die Nordkoreanerinnen wirkten am Ende überraschend müde - vielleicht lag es ja tatsächlich am Blitz.

"Wir sind einfach froh, mit einem Sieg ins Turnier eingestiegen zu sein", sagte Sundhage sichtlich erleichtert. Sie weiß selbst, dass es in dieser Form schwierig werden wird mit dem dritten Titelgewinn nach 1991 und 1999. Beide Male war Hamm damals die überragende Spielerin.

Auch wenn die US-Fußballlegende durchaus an ihr Team glaubt - "sie wissen, dass sie hier Geschichte schreiben können" - wird es möglicherweise erst bis zur Frauen-WM 2027 dauern, bis die Amerikanerinnen wieder triumphieren. Dann sind die beiden Zwillingstöchter der 275fachen Nationalspielerin 20 Jahre alt. Das beste WM-Alter.



insgesamt 5176 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
krafts 29.11.2010
1.
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Ich gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Kanzla87 29.11.2010
2.
Zitat von kraftsIch gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Aus welchem Grund?
Rockker, 29.11.2010
3.
Ein Wettbwerb aus der Kategorie *EIKS, aber dank den deutschen Medien wird er gehypt zu dem nächsten unsänglichen "Sommermärchen" wo die deutsche NM, alle Gegner sowieso mit 22:0 schlagen wird... *Eigentlich Interessiert Keine Sau
Flosse, 29.11.2010
4. Zu wünschen wäre es...
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Die Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
CaptainSubtext 29.11.2010
5. !
Zitat von FlosseDie Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
mmmmh. Wenn die Damenelf noch nicht mal in der Lage ist gegen eine Vereins-B-Jugend zu gewinnen, wieso.....?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.