Von Jan Hieronimi
Es war ein Meer von Gelb. "We Believe" stand auf den T-Shirts, die die Warriors vor dem ersten Playoff-Heimspiel gratis verteilt hatten, und die Zuschauer in der Oracle Arena trugen sie auch für Spiel sechs wie einen überdimensionierten Orden. Sie hatten daran geglaubt, dass die Sensation möglich war. Nun war sie hier: Golden State, erst in letzter Sekunde als Achter im Westen in die Postseason gerutscht, schlug die Dallas Mavericks 111:86 und gewann die Erstrundenserie mit 4:2 Siegen.
Wer während dieser entscheidenden sechsten Begegnung in die Augen von Dirk Nowitzki blickte, der suchte genau das vergeblich: Glauben. Minutenlang konnte man als Zuschauer vergessen, dass er auf dem Feld stand. Bekam er den Ball in die Hände, schien er ihn baldmöglichst loswerden zu wollen. Der Deutsche, von vielen als "Wertvollster Spieler" (MVP) der regulären Saison gehandelt, schien zu zweifeln. Schien zu verzweifeln: An sich, wie er einen Wurf nach dem anderen vorbei setzte – am Ende waren es nur zwei Treffer bei 19 Versuchen und nur acht Punkte. An der Defensive der Warriors, die sein alter Trainer Don Nelson in Form zweier oder dreier Verteidiger passgenau auf Nowitzkis Spielweise eingestellt hatte. Und auch am Druck?
Am eigenen Anspruch gescheitert
"Solange wir nicht den Titel holen, werden die Medien schreiben, dass wir die großen Spiele nicht gewinnen können und keinen Anführer haben", hatte er vor Beginn der Serie angedeutet, welche Drohkulisse sich aufgebaut hatte. Die hohen Erwartungen im Hinterkopf, fand der 28-Jährige nie zu seinem Rhythmus. In sechs Spielen erzielte er am Ende nur 19,7 Punkte im Schnitt, bei einer traurigen Trefferquote von 38 Prozent.
Der Finalist des Vorjahres hatte vom ersten Tag der neuen Saison an als Saisonziel den Gewinn des NBA-Titels angegeben, wollte das katastrophale Ende jener Endrundenserie gegen Miami im Sommer 2006 vergessen machen, als die Heat nach 0:2-Rückstand vier Spiele in Folge und die Meisterschaft gewannen. Doch nun stand in Runde eins ein brandheißes Team auf der anderen Seite (9:1 Siege aus den letzten zehn Saisonspielen), mit dessen chaotischer Spielweise Dallas schon immer Probleme gehabt hatte. Im Angesicht der Blamage schienen die Mavericks, die zuvor eine der stärksten Saisonleistungen der NBA-Historie abgeliefert hatten (67 Siege, 15 Niederlage), nicht mehr an sich zu glauben. Und das, so beeilten sich die US-Analysten pflichtgemäß zu schreiben, weil ihr Superstar sich nicht als solcher geriere.
Superstar zu sein im US-Sport, das heißt das Schicksal mit bloßen Händen zu formen. Superstars haben in kritischen Situationen das Teamkonzept zu ignorieren, die wichtigen Spielzüge zu machen, Glauben zu stiften. Kurzum, sie sollen all das tun, was Golden States Aufbau Baron Davis tat. Nowitzki dagegen redete davon, zu tun, "was die Verteidigung mir erlaubt, und das ist nicht viel. Ich muss auf andere Weise helfen, mit Rebounds, mit Defense. Wenn ich einen Wurf habe, muss ich versuchen ihn reinzuhauen, ansonsten den Ball weiterpassen." Das klang nicht wie ein selbstbewusster Anführer.
Zurück auf Null
Schon vor dem endgültigen Aus der Mavs deuteten Experten wie Fans den Deutschen darum zum Weichei um, der sich versteckte. Dem es in der entscheidenden Phase an Chuzpe fehlte. Die Vollstreckung des Urteils wurde aufgeschoben, nachdem "Nowe" Spiel fünf mit 30 Punkten – 12 davon in den Schlussminuten der Partie – gedreht hatte. Doch nun, da er im Moment der Entscheidung enttäuschte, trägt er den Stempel des Versagers. Nowitzki, der gerade deshalb so beliebt ist, weil er nie abhob, wird genau diese Eigenschaft zum Vorwurf gemacht: Stars sollen manchmal eben doch keine Menschen sein.
Noch vor einem Jahr hatte der Mavericks-Star in den Playoffs mit gerade solchen scheinbar übermenschlichen Heldentaten geglänzt: Gegen den amtierenden Champ aus San Antonio rettete er Spiel sieben der Zweitrundenserie kurz vor Schluss mit einem energischen Zug zum Korb und einem Block in die Verlängerung und zum Sieg. Phoenix schenkte er in Spiel fünf des Conference-Finales 50 Punkte ein. Deutschen Basketballfans ist sein Game-Winner gegen Spanien bei der Europameisterschaft 2005 im Halbfinale gegen Spanien in guter Erinnerung.
Doch die epochale Katastrophe des Erstrunden-Ausscheidens hat die Großtaten der Vergangenheit hinweg gewischt. Nun bleibt, mindestens ein Jahr lang, nur das, was Mavs-Coach Avery Johnson "wohl die härteste und enttäuschendste Situation, mit der ich in meiner Zeit in der NBA konfrontiert wurde" nennt. Noch nie verlor ein Team, das 65 Spiele oder mehr gewonnen hatte, in Runde eins. Noch nie seit der Einführung des Formats "best of seven" in der Auftaktrunde verlor ein an erster Stelle gesetztes Team gegen die Nummer acht. Golden State, das seit 1994 nicht mehr an der Postseason teilgenommen hatte, hat Geschichte geschrieben.
Ein paar Tage wird das "German Wunderkind" seinen Urlaub jedoch noch aufschieben müssen: Wenn die Gerüchte aus dem Dunstkreis der NBA-Offiziellen stimmen, wird er in den kommenden Tagen seine Auszeichnung zum "MVP" entgegen nehmen - als erster Europäer der Liga-Geschichte. Ein positiver Superlativ für Nowitzki. Aber nur ein schmerzlicher Trost.
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