Von André Voigt
Greg Oden oder Kevin Durant? In den kommenden Wochen dürfte es neben den derzeit laufenden Playoffs kein heißeres Thema für Basketballfans geben. Interessanterweise war das schon lange nicht mehr so. Sogar sehr, sehr lange. Sicher, es gab in den vergangenen Jahren immer diese gewisse Neugier, wer denn an Nummer eins in die NBA gezogen werden würde.
Doch 2007 ist alles anders. Seit 1986 gab es keine ähnliche Diskussion. Vor 21 Jahren waren es North Carolinas Center Brad Daugherty und Marylands Flügelspieler Len Bias, die (damals noch ausschließlich) Basketball-Amerika teilten. 1984 hatten Hakeem Olajuwon und Michael Jordan für ähnlich hitzige Diskussionen gesorgt.
Zwei Großtalente – Oden (19 Jahre alt) und Durant (18) - stehen an der Schwelle zur besten Basketball-Liga der Welt, und ganz nebenbei spalten sie dabei Fan- wie Expertenlager in aller Welt. Denn aufgrund des im vergangenen Jahr heraufgesetzten Mindestalters für NBA-Rookies orakelt niemand über geheimnisumwitterte Highschool-Kids. Nein, Odens und Durants Fähigkeiten sind präzise dokumentiert, ihre Taten als College-Freshmen wohl bekannt.
Oden hievte ein unerfahrenes Team der Ohio State Buckeyes bis ins NCAA-Finale 2007. Durant lieferte an der University of Texas in Austin die individuell eindrucksvollste Saison eines Uni-Neulings seit Carmelo Anthony, heute eine der Cracks bei den Denver Nuggets. Schließlich, und das macht die Debatte so sexy, stehen beide bezüglich der Basketballfertigkeiten an entgegen gesetzten Enden. Hier der vor allem defensiv dominante Center Oden, wie er nur alle zehn Jahre in die NBA kommt, dort Forward Durant, der perfekt gedrillte Punktegarant mit Killerinstinkt und Starpotenzial.
Oden verkörpert die alte Schule. Meisterteams werden idealerweise um Ausnahmecenter herum aufgebaut. So hielt es bereits Red Auerbach mit seinen Boston Celtics, Ähnliches praktizierten die Houston Rockets und die Los Angeles Lakers. Talentierte Spieler unter 2,13 Meter gibt es immer mal wieder zu haben. Ein Team kann sie per Draft, als Free Agent oder per Trade verpflichten. Dominante Giganten wie Shaquille O'Neal, Kareem Abdul-Jabbar oder Hakeem Olajuwon gibt es höchstens weit jenseits der 30, wenn die Leistungen schon nachlassen.
Durant wird schon jetzt von vielen aufgrund der Art und Weise, wie der Youngster das Spiel lebt, mit Michael Jordan verglichen. Wie einst Jordan oder heute Kobe Bryant zeigt der Small Forward eine Intensität, die ein Superstar braucht. Er will seinem Gegenüber 40 Punkte anheften. Will dominieren. Gewinnen. Durant weigert sich, auch nur einen Ballbesitz lang zu ruhen. Er attackiert, immer und überall, zu jeder Zeit. In ihm lodert eine durch nichts zu löschende Liebe zum Spiel. Sie ließ ihn diese absolute Disziplin entwickeln, die es braucht, um als Teenager ein derart umfassendes Wissen bezüglich der Feinheiten des Basketballs zu verinnerlichen. Dies übrigens an beiden Enden des Feldes, also auch in der Verteidigung. Wie selten ist eine solche Kombination?
Die Portland Trail Blazers, die als erstes Team wählen dürfen, können also am 28. Juni, dem Tag der NBA-Draft 2007, eigentlich nichts falsch machen. Doch wenn der zuständige Verantwortliche der glücklichen NBA-Franchise es wirklich richtig machen will, wählt er Durant. Oden wird sehr, sehr gut sein, aller Wahrscheinlichkeit nach sein Team irgendwann in die Finals, vielleicht sogar zum Titel führen.
Durant jedoch besitzt etwas Spezielles. Er wird vor unseren Augen spielerisch und körperlich reifen. Er wird einer dieser Superstars sein, die nicht nur ihr Team, sondern die Liga besser machen. Oden wird auch in zehn Jahren in etwa so sein, wie er jetzt ist. Durant kann einer der besten Spieler der Basketballgeschichte werden: eine noch nie da gewesene Mischung aus Kevin Garnett und Tracy McGrady. Und wir werden dabei sein.
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