Neulich war ich endlich mal wieder in Washington. Weil mein Freund Cornel samt Familie nach Costa Rica gezogen ist, fehlte mir der Familienanschluss, und so landete ich in einem unspektakulären Hotel nahe dem Dupont Circle, wo bei trockenem Wetter die Penner mit den Bankern Schach spielen, schönes egalitäres Amerika, wo "Kramer's Bookstore" zu langer Verweildauer verlockt und wo sich das Leben zwischen Thinktanks, Studentenkneipen, teuren Restaurants und Kinos abspielt.
Morgens im Bett habe ich mir, unter Jetlag, eine Dokumentation auf HBO über die Brooklyn Dodgers angeschaut, einem Baseball-Team, das unter Loser-Verdacht stand, bis es sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu Größe aufschwang, ganz Brooklyn verzauberte, dann aber verzweifelt scheiterte, natürlich an den New York Yankees.
Ich liebe solche Dokumentationen, in denen zum Beispiel eine altersgraue Schönheit, eine Chinesin aus Brooklyn, davon erzählt, dass sie seit der historischen Niederlage der Dodgers Anfang der Fünfziger nie wieder in ein Baseballstadion gegangen sei, ganz lakonisch, ganz unsentimental, als verstünde sich die Konsequenz von selber. Ich liebe solche Geschichten, die unsereinem über das Land und den Sport viel erzählen. Das seelische Mitschwingen. Die Treue. Das Herzeleid.
Noch ganz beschwingt, und von der Zeitumstellung auch ein bisschen durcheinander, ging ich runter in den Frühstücksraum. Man steht da, bis sich ein Ober bequemt, einen Tisch zuzuweisen. Es war noch früh am Tag, nicht viel los, eigentlich nur dieser Tisch an der Säule besetzt, mit vier Männern in Anzügen. Der Ober kommt, er grinst wie entrückt, er führt mich an den Tisch neben diesem einzigen besetzten Geschäftspartnerbesprechungstisch. Ich denke noch, warum hier, warum nicht woanders?

Am Nachmittag habe ich das Vergnügen, Donald Rumsfeld zu treffen. Worüber redet man mit einem ehemaligen Verteidigungsminister, der den Irak-Krieg verbrochen hat? Genau, er stammt ja aus Chicago, er hält Saisonkarten bei den Washington Wizards, dem lokalen Basketballteam, also redet man mit ihm über MJ, das Treffen im Frühstücksraum, über die Bulls und die Wizards, übers wirklich Wichtige.
Am Abend dieses Tages spielen die Wizards gegen die Milwaukee Bucks, eines der schlechten Teams in dieser Saison. Mr. Rumsfeld überlässt Tochter und Enkelin die Karten, und alsbald sehen wir ein Spiel, das die Wizards gar nicht verlieren können, zumal Gilbert Arenas, der fast die ganze Saison wegen Kniebeschwerden versäumte, unter Standing Ovations der ganzen Halle zurückkehrt. Sie führen solide, sie scheinen nicht verlieren zu können, bis sie 0,9 Sekunden vor Schluss zum ersten Mal im ganzen Spiel in Rückstand geraten und es tatsächlich schaffen, 109:108 zu verlieren. So kann's gehen, so ist es oft gegangen, wenn ich die Wizards habe spielen sehen. Du wirst verrückt, du sehnst dich nach einer Dokumentation, in der andere Menschen in anderen Sportarten leiden und du Mitleid mit ihnen haben kannst, aus eigener Erfahrung, kraft eigenen Leidens.
Ja, die Saison ist vorbei. Es war spannend wie immer, und wie immer war es ganz anders spannend, als wir vorher gedacht haben. Es war eine Saison der Überraschungen, weil zum Beispiel die New Orleans Hornets ungemein souverän durchgespielt haben und mit David West und Chris Paul ein tolles Duo haben. Wenn es mit rechten Dingen zugehen sollte, dann gehört Chris Paul zu den zwei, drei Jungs, die für die Trophäe des wertvollsten Spielers in Frage kommen. Dass die Utah Jazz so gut sein würden, hätte ich auch nicht gedacht, genauso wenig wie ich gedacht hätte, dass es die Houston Rockets ohne Yao Ming solide durchstehen würden.
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