ThemaUS-SportsRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.07.2008
 

Knicks-Legende Monroe

Der schwarze Jesus

Von André Voigt

Earl Monroe mag nicht der erfolgreichste Basketballer gewesen sein. Auch in den Aufzählungen der "Besten aller Zeiten" fehlt er regelmäßig. Und doch ist "The Pearl" der Vater des spektakulären Basketballs, den wir heute kennen. Das Magazin "Five" erinnert an die Knicks-Legende.

Philadelphia, Dezember 1944. Die rauen Straßen der Southside sind schneebedeckt. Dort, wo sonst die Seele des Streetball in Philly lebt, ist es ruhig. Verlassen liegen die Freiplätze der "City of Brotherly Love" da. Das Spiel ruht, und doch wird dem Basketball am 21. Dezember der Heiland geboren.

Nur weiß das damals noch niemand. Auch nicht Vernon Earl Monroe selbst, der an diesem Tag zur Welt kommt.

Es dauert 14 Jahre, bis Monroe seine Bestimmung entdeckt. Jahrelang hatte er sich nur für Football und Baseball interessiert. Doch mit nunmehr 1,93 Meter Körpergröße sprechen ihn immer wieder Highschooltrainer der Nachbarschaft an. Er solle es mit Basketball versuchen und seine Größe nicht verschwenden. Der Teenager lässt sich auf das neue Spiel ein und findet eine neue Liebe.

Bald ist Earl fast nur noch auf den Freiplätzen Philadelphias zu finden. Dort, wo die "Big Men" Connie Hawkins und Wilt Chamberlain regieren und wo es noch mit vollem Ellbogeneinsatz zur Sache geht. Auf den ersten Blick wirkt Monroe fehl am Platz. Er kann nicht springen wie Hawkins, ist keine physische Ausnahmeerscheinung wie Chamberlain. Seine dünnen Ärmchen und Beinchen erwecken eher Mitleid. Und doch kommen die Leute, um ihn zu sehen. Sie pilgern zu ihm und nennen ihn "Jesus". Ein Spitzname, dem die weitgehend weißen Pressevertreter der Stadt schnell das Adjektiv "black" voranstellen.

Denn Earl ist anders. Er punktet so virtuos und innovativ, dass sie ihn bald auch noch "Thomas Edison" taufen, weil er so viele Bewegungen erfindet. Earl Monroe ist kreativ, unberechenbar. Er ist Disco-Funk, als alle Welt noch den Beatles zujubelt. Oft dribbelt Monroe scheinbar aussichtslos und mit voller Geschwindigkeit in ein Knäuel Verteidiger. Nimmt Kontakt auf, dreht sich blitzschnell, springt ab. In der Luft zieht er den Ball von einer Seite zur anderen und wieder zurück. Er wirft mit dem Rücken zum Korb. Er wirft nach fünf, sechs Täuschungen.

"Selbst Gott kann ihn nicht schlagen"

In einer Zeit, in der Guards dazu bestimmt sind, vor allem den Ball zu verteilen, macht Monroe Punkte mit Stil. Während andere Aufbauspieler die Zone meiden wie radioaktives Sperrgebiet, sucht Earl die Herausforderung am Korb. "Die Jungs in Philly spielten einen sehr harten Stil", sagt er Jahre später. "Ich musste meinen Wurf so lange wie möglich verzögern, um nicht geblockt zu werden."

Doch weil er mit den Konventionen des Guard-Gewerbes bricht und für die Galerie spielt, gilt er bei gegnerischen Trainern als "Showboat" – als Schönspieler. Bringen würde der es nie zu etwas. Zumal Monroe in der Highschool fast ausschließlich als Center spielen muss. Also bleiben die Angebote der großen Colleges aus. Wer will schon einen 1,93-Meter-Center und verkappten Harlem Globetrotter? Monroe steht vor der Wahl, an der so viele Streetball-Legenden scheitern. Auf den Freiplätzen Heldentaten vollbringen, ein bisschen Kohle machen und endlos von der NBA träumen? Oder den konventionellen Weg gehen und irgendwo studieren?

Monroes Irgendwo ist Winston-Salem State in North Carolina, wo ausschließlich Afroamerikaner studieren. Der Prophet kommt zum Berg. Am kleinen Provinzcollege der NCAA Division II findet er in Coach Clarence Gaines eine Vaterfigur und einen Trainer, der ihm vertraut. In vier Uni-Jahren steigert sich Monroe von 7,1 auf 41,5 Punkte pro Spiel. Die Zeitungen nennen ihn "The Pearl". Wichtiger als all diese Kunststücke ist indes die Division-II-Championship, die Winston-Salem in Monroes letzter Saison gewinnt.

Artistisches Flair

Aus dem Showboat wird ein Winner, und die NBA reißt sich plötzlich um den Schwarzen Jesus. Als einer der wenigen Streetball-Götter entkommt er dem Griff der Straße.

"Gib ihm einen Basketball, und Pearl macht wundervolle Dinge", jubelt Gene Shue, Coach der Baltimore Bullets, die Monroe 1967 an Nummer zwei draften. "Er mischt sein Basketballtalent mit einem einzigartigen artistischen Flair." Die Bullets, in der Saison zuvor mit 20 Siegen noch das schlechteste Team der Liga, gewinnen dank Monroes 24,3 Punkten im Schnitt 36 Partien und verpassen nur knapp die Playoffs. "Selbst Gott könnte Earl nicht im Eins-gegen-eins schlagen", erklärt sein Mitspieler Ray Scott.

Im Jahr darauf bildet Monroe zusammen mit Rookie Wes Unseld den Kern des besten Teams der NBA. Der bullige Center Unseld greift sich 18,2 Rebounds, wird Rookie des Jahres und Wertvollster Spieler der Regulären Saison. Monroe (25,8 Punkte) verwertet die Outlet-Pässe von Unseld im Fastbreak und vollbringt seine üblichen Wunder im Halbfeld. Die 57 Siege der Regular Season bedeuten in den Playoffs allerdings gar nichts. Die New York Knicks schlagen Baltimores Youngsters 4:0 in der ersten Runde. Es ist der Beginn einer der größten Rivalitäten der NBA-Geschichte.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles aus der Rubrik US-Sports
alles zum Thema US-Sports

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Mehr auf SPIEGEL ONLINE






TOP



TOP