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10.07.2008
 

Basketball-Nationalmannschaft

Die unendliche Geschichte des Chris K.

Von Birger Hamann

Er war da – und schnell wieder weg. Eine Halbzeit schaute sich Chris Kaman das Spiel der deutschen Basketball-Nationalmannschaft gegen Kanada an, dann ging er. Doch an Schlaf war für den NBA-Profi nach einem langen Flug nicht zu denken. Kaman musste umgehend ins Krankenhaus.

Plötzlich war er verschwunden. Der Mann, auf den Basketball-Deutschland seit Tagen gewartet hatte. Der Hoffnungsträger auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. Kein einziger Wurf, keine Sekunde auf dem Feld, nichts. Die knapp 7000 Zuschauer in Hamburg bekamen Chris Kaman am Mittwochabend bei der 86:91-Testspielniederlage gegen Kanada nur eine Halbzeit zu sehen. Und die verbrachte der neue Co-Superstar der Nationalmannschaft im Trainingsanzug mit deutscher Flagge auf der Ersatzbank.

Neu-Deutscher Kaman: Halbzeit in der Halle, dann ins Krankenhaus
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Getty Images

Neu-Deutscher Kaman: Halbzeit in der Halle, dann ins Krankenhaus

Dort aber gehört der 26-Jährige von den Los Angeles Clippers gar nicht hin. Schließlich soll er die deutsche Auswahl in der kommenden Woche bei der Olympia-Qualifikation in Athen an der Seite von Dirk Nowitzki nach Peking werfen. Doch aus dem gemeinsamen Auftritt der beiden NBA-Stars wurde nichts. Während Nowitzki (33 Punkte) die deutsche Auswahl gegen Kanada nahezu allein im Spiel hielt, schaute sich Kaman das Ganze von draußen an. Zum zweiten Durchgang erschien er gar nicht mehr.

Die Szenen, die sich ob dieses plötzlichen Verschwindens nach Spielschluss in den Katakomben der Color Line Arena abspielten, erinnerten an "Warten auf Godot". Oder besser: Warten auf Kaman. Doch Kaman kam nicht, ebenso wenig wie Godot in Samuel Becketts Theaterstück. Patrick Femerling, Steffen Hamann und Sven Schultze passierten die Journalistenschar, eine ernsthafte Frage an die deutschen Korbjäger hatte aber kaum jemand. Viel wichtiger war: Wo ist Kaman?

"Im Krankenhaus", sagte Bundestrainer Dirk Bauermann bei der Pressekonferenz und lüftete schließlich das Geheimnis. Und warum hat er nicht gespielt? "Weil er nicht versichert war." Das Kapitel Chris Kaman – es wird für die Verantwortlichen des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) langsam, aber sicher zu einem endlosen.

Warten auf das Okay aus den USA

Zunächst gab es das monatelange Hickhack darum, ob Kaman, dessen Ur-Großeltern während des Ersten Weltkriegs von Norddeutschland in die USA ausgewandert waren, nun tatsächlich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen sollte. Der Hinweis auf Kamans Wurzeln war vom Basketballmagazin "FIVE" gekommen, Nowitzki war daraufhin aktiv geworden. Schließlich bekam Kaman die erhoffte Staatsbürgerschaft - dann aber fehlte der Pass. Den nahm Kaman erst Anfang Juli in Empfang. Nach Deutschland reisen konnte er jedoch zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht, weil die Frage der Versicherung ungeklärt war.

"Diese Prozedur wird erst eingeleitet, wenn der Pass ausgehändigt ist", erklärte DBB-Generalsekretär Wolfgang Brenscheidt. Als Kaman am Mittwoch in Los Angeles ein Flugzeug bestieg, um über Frankfurt am Main nach Hamburg zu fliegen, schien auch das Versicherungspaket in Höhe von rund 130.000 Euro endlich geschnürt. Doch das Warten ging weiter.

Weil sich der Center der Clippers in der vergangenen Saison zweimal am Sprunggelenk verletzte, forderte sein Club jetzt ein medizinisches Gutachten. Es soll belegen, dass Kamans Fuß vollständig verheilt ist. "Der Medical Report war nicht vollständig", so Brenscheidt. Daher musste Kaman am Mittwochabend umgehend ins Krankenhaus und dort in die Röhre: Kernspintomografie. Noch in der Nacht zu Donnerstag wollten die DBB-Verantwortlichen die Unterlagen nach Los Angeles und an die NBA schicken. Gibt es von dort bis Freitag kein Okay, wird Kaman auch im zweiten Testspiel gegen Kanada in Mannheim nicht auflaufen können.

Schwächen auf der Centerposition

Damit riskiert Bauermann, einen Spieler in die so wichtige Olympia-Qualifikation zu schicken, der noch keine Sekunde mit der Mannschaft auf dem Feld gestanden hat. "Es ist richtig, ihn mitzunehmen und einzusetzen", stellte der Bundestrainer klar. Und das Risiko ist in doppelter Hinsicht gering. Erstens ist der 2,13 Meter große Kaman, der in der vergangenen Saison mit durchschnittlich 15,7 Punkten und 12,7 Rebounds Top-Werte erreichte, sportlich eine eindeutige Verstärkung für das deutsche Team. Und zweitens war im Spiel gegen Kanada offensichtlich, dass es auf der Center-Position im Nationalteam hakt.

Weder Femerling und Jan-Hendrik Jagla (beide mit nur einem erfolgreichen Versuch aus dem Feld) noch der ohne Korberfolg gebliebene Tim Ohlbrecht konnten sich offensiv in Szene setzen. Und auch defensiv waren die langen Deutschen gegen Kanadas Joel Anthony (Miami Heat) und Samuel Dalembert (Philadelphia 76ers) meist ohne Chance. Kaman kennt beide bestens aus der NBA. Er weiß, wie man gegen die beiden verteidigt.

"Es wird Zeit, dass er spielt", sagt denn auch Bauermann, der nach der Partie am Freitag entscheiden will, wer für Kaman seinen Platz räumen muss. Nachdem Philip Zwiener gegen Kanada eine ordentliche Leistung geboten hat, dürfte die Wahl zwischen Gordon Geib und Ohlbrecht fallen. Letzterer räumte im SPIEGEL-ONLINE-Interview ein, dass er derzeit ein wenig den Rhythmus verloren habe. Bauermann hingegen lobte Ohlbrecht sogar für sein Auftreten gegen Kanada. Die schmeichelnden Vorboten einer Nicht-Nominierung zugunsten des neuen deutschen Hoffnungsträgers? Abwarten: Erst einmal muss Kaman auch spielen dürfen.

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